Seine ganzen Termine weiß Rüdiger Lucassen längst nicht mehr auswendig. Der AfD-Bundestagsabgeordnete scrollt durch die vielen roten Felder in seinem Handy-Kalender: Da war der Podcast von T-Online, dann das dänische Fernsehen, die Nachrichtenagentur dpa, „Le Monde“ aus Frankreich, „The Atlantic“ aus den USA, dann das Schweizer Fernsehen, die „Welt“, die „NZZ“, „The New Yorker“ und noch einmal das dänische Fernsehen.
Nein, der Politiker der AfD, die bei Verfassungsschützern als gesichert rechtsextrem gilt, ist alles andere als isoliert auf dieser Münchner Sicherheitskonferenz, und das gilt nicht nur für seine Medienkontakte. Mögen die deutschen Politiker von SPD über Union bis Grüne oder FDP ihn auch schneiden, bei den ausländischen Teilnehmern dieses Treffens der internationalen Sicherheitscommunity, vor allem bei den amerikanischen Politikern, ist von einer Brandmauer zur AfD wenig zu spüren. Und bei den Militärs, Industrieleuten und Wissenschaftlern auch nicht, beteuert Lucassen. Schließlich kennt er viele von ihnen von früher. „Ich spüre da keine Berührungsängste.“
Die AfD war bei der MSC in den vergangenen zwei Jahren unerwünscht
Der AfD-Mann ist ein ehemaliger Luftwaffenoffizier mit über 30 Dienstjahren in der Bundeswehr. Später gründete er ein Unternehmen, das Beschaffungsdienstleistungen im Bundeswehrbereich anbietet. Er sei auch bei den deutschen Kameraden immer noch bestens vernetzt und respektiert, sagt Lucassen, auch wenn sich viele aus Angst vor Karrierenachteilen lieber nicht öffentlich mit ihm zeigten.
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Auf der MSC waren AfD-Leute wie er in den vergangenen zwei Jahren unerwünscht, der frühere Leiter Christoph Heusgen sperrte sie aus. Deshalb war Parteichefin Alice Weidel im vergangenen Jahr nur Zaungast der Sicherheitskonferenz, bekam aber trotzdem eine Audienz mit US-Vizepräsident JD Vance. Ein Treffen von Vance und dem damaligen Kanzler Scholz scheiterte dagegen – angeblich wegen Terminproblemen. Dieses Jahr, nach Heusgens Abgang, hat MSC-Grandseigneur Wolfgang Ischinger Rüdiger Lucassen wieder den blauen Teilnehmerausweis zugeteilt, der ihm zu allen Räumen und Veranstaltungen im Bayerischen Hof in München Zugang gibt. Also geht er zu Empfängen, hört sich Podiumsdiskussionen über die medizinische Versorgung ukrainischer Soldaten oder die Sicherheitslage im Indopazifik an.
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Insgesamt drei AfD-Bundestagsabgeordnete nehmen teil, neben Lucassen noch die Außenpolitikerin Anna Rathert und der Verteidigungspolitiker Heinrich Koch. Aber Lucassen ist auf eigene Faust unterwegs und spricht sich auch nicht mit den Kollegen ab. „Die sagen ja selbst, sie wüssten nicht, warum ausgerechnet sie eingeladen wurden.“ Von sich selbst weiß er es genau.
Lucassen spricht nicht für die gesamte AfD
Am Freitagabend war Lucassen auf dem Militärempfang der MSC, Generalinspekteur Carsten Breuer habe ganz normal mit ihm gesprochen, berichtet er zufrieden, auch der CSU-Staatsminister im Auswärtigen Amt, Florian Hahn. Der AfD-Politiker traf in München nach eigener Darstellung diverse Generäle aus Deutschland und den USA, bis hin zum Nato-Oberbefehlshaber in Europa. Den Militärattaché der US-Botschaft kennt er ohnehin. Schon vor Monaten hat das Außenministerium der Trump-Regierung die Botschaft in Berlin aufgefordert, ihr AfD-Embargo aufzugeben, heißt es in Diplomatenkreisen. Vertreter der Rechtspartei müssen jetzt zu allen Veranstaltungen der US-Botschaft eingeladen werden, und die Diplomaten sind sogar aufgefordert, aktiv mit ihnen zu networken und die Erkenntnisse aus diesen Gesprächen in die Heimat zu kabeln.

Doch auch wenn Lucassen in München die AfD-Fahne hochhält, spricht er längst nicht für die gesamte Partei. Für viele, bis hin zu Parteichefin Alice Weidel, ist nicht Russland ein kriminelles „Regime“, sondern die Ukraine. Nicht Moskau, sondern die Nato gefährde den Weltfrieden, und die Wehrpflicht lehnen sie ohnehin ab. Ganz anders Lucassen: „Für mich ist der Besuch auf dieser MSC auch die nächste Stufe meiner eigenen Befreiung“, sagt er. „Ich mache ab jetzt mein Ding.“ Lucassen will sich künftig nicht mehr darum scheren, ob der russlandfreundliche, pseudo-pazifistische Parteiflügel aufheult bei seinen Wortmeldungen.
AfD-Politiker Lucassen sieht Russland-Lager im Rückzug
Wer den AfD-Mann über die Zukunft der Nato und Deutschlands Rolle bei der Verteidigung gegen russische hybride Kriegsführung sprechen hört, könnte ihn für einen Unionspolitiker halten. Da der 74-Jährige wenig krawallig auftritt, schafft er es selten in die Schlagzeilen. Mehr Präsenz hat seine Parteifreundin Beatrix von Storch, die gerne mit ihren Kontakten ins Weiße Haus prahlt. Oder Markus Frohnmaier, außenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, der jüngst streute, er werde auch ohne Einladung zur Sicherheitskonferenz reisen und plane ein Treffen mit einer Top-Beamtin des US-Außenministeriums. Das Treffen kam nicht zustande, war nach Angaben aus der US-Delegation auch nie konkret geplant gewesen. Aber Frohnmaier hatte seine Headline.
Trotzdem bleibt Lucassen optimistisch: „Nach vier Kriegsjahren implodiert das Lager der Russlandfans und Friedensbewegten“, ist er überzeugt. Oder um es in militärische Begriffe zu kleiden: „Die kämpfen hinhaltend“, seien also faktisch schon auf dem Rückzug.
Für Lucassen muss die AfD schnellstmöglich regierungsfähig werden, und auf dem Weg dahin sollte sie alle rechts liegen lassen, die diesem Ziel im Wege stehen. Doch da steht noch eine beträchtliche Zahl von AfD-Leuten, weiß Lucassen. Als er den Extremisten Björn Höcke im Bundestag für seine Ablehnung der Wehrpflicht kritisierte, kassierte er gleich eine Rüge der Parteispitze.








