Donald Trump hat aus einem Popauftritt ein Politikum gemacht – und zwar maximal. Auf seinem Social-Media-Kanal Truth Social gab er nach der Super-Bowl-Halbzeitshow mit Bad Bunny ungefragt den Punktrichter: „Absolut schrecklich“, „Affront gegen die Größe Amerikas“, „Repräsentiert nicht unsere Standards für Erfolg, Kreativität oder Exzellenz“. Wie bitte? Benito Antonio Martínez Ocasio, wie der Künstler mit bürgerlichem Namen heißt, ist der zurzeit erfolgreichste Popinterpret auf dem Planeten.

Trump drehte rhetorisch hoch: „Niemand versteht ein Wort von dem, was dieser Typ sagt, und die Tänze sind widerlich, insbesondere für kleine Kinder, die in den gesamten USA und auf der ganzen Welt zuschauen.“ Wochen zuvor hatte der Präsident die Auswahl des Puerto Ricaners durch die Football-Liga NFL für die von über 100 Millionen Menschen verfolgte Darbietung bereits als „völlig lächerlich“ abgewertet. Kern seiner Botschaft: Ein spanischsprachiger Superstar auf Amerikas größter Bühne sei ein kultureller Fehlgriff. Die Wortwahl trifft einen Nerv bei rund 68 Millionen Menschen hispanischer Abstammung – immerhin 20 Prozent der US-Bevölkerung. In einem Wahljahr wie diesem kann das Konsequenzen haben.

News aus den USA

Bei der Präsidentschaftswahl 2024 stellten Hispanics rund zehn Prozent der Wählerschaft. Trump profitierte damals sichtbar vom Rechtsruck in Teilen dieser Gruppe. Nach Auswertungen des AP VoteCast kam er auf 43 Prozent unter Latino-Wählern, 2020 waren es nur 35 Prozent gewesen. Das war für die Republikaner ein strategischer Durchbruch – und für die Demokraten, sonst die Stammdresse von Wählern, die ihre Wurzeln südlich der USA haben, ein Warnsignal.

„Gärtner und Taco-Truck-Damen“

Jetzt bröckelt genau dieses Fundament. Aktuelle Umfragen bei AP-NORC-Track zeigen einen steilen Abstieg. Trumps Beliebtheitswert unter Hispanics fiel von 44 Prozent (vor Amtsantritt) auf 25 Prozent im Oktober vergangenen Jahres. Selbst unter hispanischen Republikanern rutschte die einst positive Sicht auf Trump von 83 Prozent auf 66. Besonders heikel für das Weiße Haus: Jüngere Latinos und Latino-Männer, also jene Gruppen, die 2024 teils deutlich von den Demokraten (Kamala Harris) zu Trump drifteten, drehen wieder ab.

Das Meinungsforschungsinstitut Pew kommt zu einem noch düstereren Bild: 70 Prozent der Latino-Erwachsenen missbilligen Trumps Amtsführung, 65 Prozent seine Einwanderungspolitik. 61 Prozent sagen, seine Wirtschaftspolitik habe die Lage verschlechtert; nur zehn Prozent sehen Vorteile für Latinos, 78 Prozent eher Schaden. Der Trend ist eindeutig: Enttäuschung frisst den 2024er-Bonus, den Trump in dieser Wählergruppe besaß, immer weiter auf. 

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Am Tag des Super Bowls protestierten Hunderte in Santa Clara gegen Trumps Einwanderungspolizei.© Polaris/laif | Polaris/laif

Republikanische Strategen sagen offen, das ehemals stärkste Trump-Thema – Einwanderung – werde zur Bürde: John Feehery nennt die Lage eine „politische Haftungsfrage“. Giancarlo Sopo, einst in Trumps Hispanic-Outreach-Team, warnt vor einem fatalen Eindruck, sobald Menschen glauben, im Fokus des Abschiebungsfurors der Regierung stünden „Gärtner und Taco-Truck-Damen”.

Und die Bad-Bunny-Attacke, die Attacke auf den weltweit meistgestreamten Künstler auf Spotify, fällt in genau diese Phase. Sie wirkt nicht wie ein isolierter Ausrutscher, sondern wie die Verlängerung einer Linie, von der vorzugsweise Latino-Familien betroffen sind: harte Operationen der Einwanderungspolizei ICE, martialische Rhetorik, kulturelle Abgrenzung. Reuters/Ipsos fand vor wenigen Tagen heraus, dass über 60 Prozent der US-Befragten sagen, ICE sei „zu weit gegangen“.

Ein Drittel der US-Fans hört Musik auf Spanisch

Dazu kommt die Betriebsblindheit, die Trump in der Sache ereilt hat. „Englisch ist nicht mehr die Lingua franca der Kultur oder zumindest nicht die einzige“, sagt Noah Shachtman, Ex-Chef des Magazins „Rolling Stone“. Ein Drittel der US-Popmusik-Fans hört laut den Datenanalysten von Luminate Musik auf Spanisch; fast zwei Drittel hören Künstler aus anderen Ländern. Und je jünger und engagierter diese Fans sind, desto internationaler sind wahrscheinlich ihre Vorlieben. Mit seiner redneckigen Kritik an Bad Bunny, der sich nur einmal auf Englisch äußerte bei seinem Auftritt – mit der Botschaft „The only thing more powerful than hate is love“ –, habe sich Trump ein „dickes Eigentor“ geschossen, sagten Analysten im US-Frühstücksfernsehen.

US-Präsident Trump
Donald Trump hat den Kulturteil des diesjährigen Super-Bowl-Endspiels in Bausch und Bogen verurteilt – als unamerikanisch.© Evan Vucci/AP/dpa | Evan Vucci

Zumal es einen Resonanzraum gibt für Angriffe aus den USA in Richtung Süden. 2015 sprach Trump beim Start seiner ersten Kampagne über Migranten aus Mexiko mit Formulierungen wie „Vergewaltiger“ und „Mörder“. 2016 folgten die „Bad Hombres“; später benutzte er über Migranten Wendungen wie „nicht menschlich“ und „Tiere“. Im Wahlkampf 2024 explodierte die Debatte geradezu, als der weiße Comedian Tony Hinchcliffe bei einer Trump-Veranstaltung im Madison Square Garden Puerto Rico als „floating island of garbage“, als „schwimmende Müll-Insel“, verspottete. Das war nicht Trumps eigener Satz – geschah aber auf seiner Bühne. Republikanische Latino-Abgeordnete gingen auf Distanz. María Elvira Salazar erklärte: „Dieser Witz spiegelt nicht die Werte der Republikaner wider.“ Carlos Gimenez konterte: „Das ist nicht lustig – und es ist nicht wahr.“ Genau diese Stimmen sind Warnlampen im konservativen Lager.

Puerto Rico als „schwimmende Müll-Insel“

Dort reicht der Konflikt längst über Rhetorik hinaus und trifft konkrete Politik gegenüber Mexiko, Venezuela und anderen Ländern des „südlichen Hinterhofs“. Die Trump-Regierung drückte auf härtere Abschiebung und wollte Schutzmechanismen für Gruppen aus Venezuela, Haiti, Kuba und Nicaragua zurückfahren; der Supreme Court gab in einem wichtigen Punkt grünes Licht, während Gerichte in anderen Fällen bremsten. María Elvira Salazar forderte Korrekturen. Diese innerparteiliche Reibung ist neu – und strategisch brisant. Hinzu kommt die Symbolpolitik gegen Mexiko. Trumps Vorstoß, den Golf von Mexiko in „Gulf of America“ umzubenennen, mag juristisch begrenzt sein, wirkt aber als kulturelle Machtdemonstration in einem ohnehin aufgeheizten Klima. Solche Gesten treffen nicht nur Außenpolitik, sondern Identitätspolitik im Inland – besonders bei Wählerinnen und Wählern mit familiären, sprachlichen oder emotionalen Bezügen nach Lateinamerika.

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Kalifornische Landarbeiter, oftmals Latinos, reagieren enttäuscht auf die Einsätze der Einwanderungspolizei ICE.© picture alliance / abaca | TNS/ABACA

Verliert Trump damit schon jetzt seine Latino-Bastion für die Kongress-Zwischenwahlen im November? Abwarten. In Teilen der Community bleiben konservative Bindungen stark: religiöse Werte, Skepsis gegenüber linker Wirtschaftspolitik, Priorität auf Grenzkontrolle. Aber die Daten zeigen Risse an den entscheidenden Rändern – bei Unabhängigen, moderaten Konservativen in den Vorstädten und bei jüngeren Latinos, die Trumps Herabsetzungen nicht mehr als „nur Rhetorik“ abhaken. In den USA entscheiden bei Wahlen nicht die lauten 70 Prozent, sondern die beweglichen fünf bis acht Prozent in den umkämpften Distrikten.

Halbzeitshow beim Super Bowl: Bad Bunny verärgert Donald Trump

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    Der Bad-Bunny-Streit ist deshalb mehr als Popkultur-Feuilleton. Er ist ein Test, wie weit Trump das Land kulturell verengen kann, ohne sich politisch zu schaden. Wenn Millionen Bürger den Eindruck bekommen, sie seien ökonomisch erwünscht, kulturell aber verdächtig, wird aus einer Halftime-Provokation ein Wahlrisiko mit Langzeitwirkung.