Ein kleiner Junge sitzt vorm Fernseher und schaut gebannt zu, wie ein aus Puerto Rico stammender junger Mann eine Rede hält, in seiner Hand einen Grammy Award. Wenige Sekunden später geht genau dieser Mann an dem Jungen vorbei und drückt ihm seinen Grammy in die Hand. Der Junge lächelt.

Es ist ein Moment aus der Halbzeitshow des Super Bowl der National Football League (NFL) im Levi’s Stadium in Santa Clara, Kalifornien. Gespielt wird das Finale der US-Footballliga, das alljährlich zu den meistgesehenen Fernsehereignissen weltweit zählt.

Stumm und trotzdem laut: Bad Bunnys Grammy-Moment bei der Halbzeitshow 

Die Rede, die der Junge sieht, bleibt stumm. Kein Ton, kein Applaus, keine Erklärung. Es ist eine Einblendung aus Bad Bunnys Dankesrede bei den Grammy Awards, wo er gleich mehrfach ausgezeichnet wurde. Jene Rede, in der er wenige Tage zuvor die US-Einwanderungsbehörde ICE scharf kritisiert hatte – wegen ihres Vorgehens gegen Migrantinnen und Migranten in den USA. Beim Super Bowl wird dieser Moment nicht wiederholt, sondern visuell zitiert. Bildlich, tonlos, aber wirkungsvoll.

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Bad Bunny (31), mit bürgerlichem Namen Benito Antonio Martínez Ocasio, zählt seit Jahren zu den weltweit meistgestreamten Künstlern und nutzt seine Popularität immer wieder, um auf soziale und politische Themen aufmerksam zu machen – insbesondere mit Blick auf Puerto Rico und die lateinamerikanische Community in den USA. 

Warum politische Worte beim Super Bowl verboten sind

Dass dieser Moment so funktioniert, liegt auch an den Regeln der NFL. Künstlerinnen und Künstler dürfen während der Halbzeitshow keine expliziten politischen Statements machen. Keine Reden, keine Parolen, keine direkten Botschaften. Bad Bunny hält sich daran – und setzt gerade deshalb auf Bilder statt Worte.

Die ganze Inszenierung verteilt sich über eine riesige Zuckerrohr-Plantage – in den USA kein zufälliges Motiv. Aber vor allem für Puerto Rico nicht: Der Inselstaat war das Herz der Zuckerherstellung der spanischen Kolonialmacht; auch nach dem Ende von Sklaverei und Kolonialismus blieb das Zuckerrohr die wichtigste Nutzpflanze auf der Insel, Exporte gingen vor allem in die USA. Ihr Niedergang folgte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Heute spielt der Anbau keine Rolle mehr.

NFL 2026: Super Bowl LX FEB 08
Bad Bunny performt bei der Halftime-Show.© IMAGO/ZUMA Press | IMAGO/Charles Baus

Trump bleibt lieber fern und mault

Dass ausgerechnet ein spanischsprachiger Künstler aus Puerto Rico in diesem Bild steht, erzeugt Reibung. Puerto Rico gehört zwar zu den USA, ist politisch aber kein Bundesstaat, kulturell oft ausgegrenzt und im öffentlichen Diskurs häufig als „nicht ganz amerikanisch“ markiert.

Dass Donald Trump dem Super Bowl fernbleibt und in seinem Umfeld parallel eine „alternative Halbzeitshow“ beworben wird, unterstreicht, wie sehr dieser Auftritt über Musik hinaus verhandelt wird. Bad Bunnys Auftritt, für den US-Präsidenten der „schlimmste“ in der Geschichte des Super Bowls.

In dem Zuckerrohr-Feld tun sich immer neue Welten auf: Boxkämpfe. Straßenszenen. Eine Familie. Ein Heiratsantrag. Nichts wird auserzählt, alles bleibt Fragment. Amerika erscheint nicht als geschlossene Geschichte, sondern als Montage. Als Land, das sich aus Vielfalt zusammensetzt.

News aus den USA

Gastauftritte von Lady Gaga und Ricky Martin und prominente Komparsen 

Immer wieder erklimmt der Rapper unterschiedliche Orte: Mal ist es das Dach eines Pick-ups, um ihn herum Tänzerinnen, die in erstaunlicher Synchronität und mit atemberaubender Energie tanzen. Dann ist es das Dach eines Hauses, das plötzlich einstürzt. Bad Bunny schüttelt sich, geht aus der Tür und läuft weiter. Vorbei an Cardi B und Jessica Alba, die in der Menge tanzen. 

Apple Music Super Bowl LX Halftime Show
Lady Gaga (r.) steht bei der Super Bowl Halbzeitshow mit Bad Bunny auf der Tribüne.© Getty Images | Neilson Barnard

Die Gastauftritte bleiben beiläufig. Lady Gaga erscheint hinter einem sich küssenden Liebespaar, trägt ein hellblaues Kleid und singt „Die With a Smile“. Nach einer kurzen gemeinsamen Tanzsequenz mit Bad Bunny verschwindet sie wieder in der Menge. Ricky Martin übernimmt später eine Gesangseinlage.

Die Show ist wie ein riesengroßes Überraschungsei. Plötzlich taucht ein klassisches Streichensemble auf, dann folgen Street-Dance-Battles, ein Blasorchester, urbane Bilder. Die Brüche sind gewollt, nichts soll glatt wirken, nichts gefällig. Stillstand gibt es nicht.

Zwei Sätze bleiben im Gedächtnis

Im Finale setzt Bad Bunny sein zweites und letztes Statement. Er hebt die Flagge Puerto Ricos – weißer Stern auf blauem Grund, rote Streifen. Puerto Rico ist Teil der USA, aber kein Bundesstaat, politisch abhängig, kulturell oft an den Rand gedrängt. Die Flagge steht damit zugleich für Zugehörigkeit und Ausschluss.

New England Patriots - Seattle Seahawks
Bad Bunny tritt in der Halbzeitpause auf. In der Hand hält der Künstler die Flagge Puerto Ricos.© Mark J. Terrill/AP/dpa | Mark J. Terrill

Die Spielfläche füllt sich mit weiteren Flaggen und die Stadiondisplays zeigen den Satz: „The only thing more powerful than hate is love.“ Es ist der einzige explizit formulierte Satz des gesamten Auftritts und wirkt weniger wie eine Parole als wie eine Zusammenfassung dessen, was zuvor gezeigt wurde – regelkonform für die NFL, aber politisch eindeutig lesbar.

Der zweite Satz, der von dieser Show hängenbleiben wird, bleibt unausgesprochen: Ganz zum Schluss hält Bad Bunny einen Football hoch, darauf eingestickt die Worte, die als Message an den gesamten amerikanischen Kontinent und Amerika als dominierende Macht im speziellen zu lesen sind: „Together, we are Amercia.“ Amerikaner, das sind wir gemeinsam. Nicht nur das christlich-weiße anglosächsische Maga-Amerika.

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Dass diese Halbzeitshow polarisiert, ist einkalkuliert. Bad Bunny ist der erste Headliner der Super-Bowl-Geschichte, der einen Auftritt weitgehend auf Spanisch bestreitet. In konservativen Kreisen gilt allein das bereits als Provokation. Die NFL wiederum erreicht genau das, was sie will: Aufmerksamkeit, Debatte – und Reichweite in neuen Märkten.