Drastischer als der stellvertretende polnische Ministerpräsident Krzysztof Gawkowski kann man es wohl nicht ausdrücken: „Die digitalen Panzer sind schon da“, sagte der 45-Jährige gerade in einem Interview mit dem polnischen Radiosender RMF FM und spielte damit auf einen Cyberangriff auf das polnische Energiesystem Ende Dezember an.

Wäre die Attacke, hinter der mutmaßlich Russland steckte, erfolgreich gewesen, hätte dies zu einer massiven, lange anhaltenden Unterbrechung der Stromversorgung in großen Teilen des Landes geführt, räumte Gawkowski ein. „Wir standen kurz vor einem Blackout“, erklärte Gawkowski, der im Kabinett von Donald Tusk Minister für Digitalisierung ist.

Der Politiker der Partei Nowa Lewica ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wen er als Drahtzieher der Attacke vermutet: Russland. Der Angriff sei der bisher schwerste auf die polnische Energieinfrastruktur gewesen. Er sei koordiniert durchgeführt worden und habe zum Ziel gehabt, die Kommunikation zwischen Erzeugungsanlagen und Netzbetreibern zu stören. Die für Cybersicherheit zuständigen Dienste hätten jedoch schnell gehandelt und den Angriff vereitelt. Nach Angaben von Energieminister Milosz Motyka seien sowohl ein großes Heizkraftwerk als auch mehrere EE-Quellen in ganz Polen ins Visier genommen worden.

Auch interessant

Jeden Tag 20 bis 50 Angriffe auf die kritische Infrastruktur

Wie kaum ein anderes Land in Europa ist Polen mutmaßlich russischen Cyberattacken ausgesetzt. Im August des vergangenen Jahres hatten die Behörden im letzten Augenblick einen Cyberangriff auf die Wasserversorgung und das Abwassersystem einer Stadt abgewendet. Den Namen wollte Gawkowski damals nicht nennen, um eine Panikreaktion der Bevölkerung zu vermeiden. Schon damals hatte der Digitalminister auf der Plattform X geschrieben: „Es werden keine russischen Flugzeuge nach Warschau fliegen und keine Panzer einrollen – stattdessen werden ihre digitalen Entsprechungen auftauchen.“

Auch interessant

Auch andere Bereiche der kritischen Infrastruktur in Polen werden nach Angaben von Offiziellen immer wieder attackiert, etwa Krankenhäuser oder auch der digitale Zahlungsverkehr. Gawkowskis Stellvertreter Dariusz Standerski sagte in einem Gespräch mit der „Financial Times“, Polen sei täglich mit 20 bis 50 Angriffen auf kritische Infrastrukturen konfrontiert. 99 Prozent dieser Attacken könnten vereitelt werden. Wie Regierungschef Donald Tusk vergangenen Juli erklärte, seien in Polen bisher 32 Verdächtige wegen mutmaßlicher Zusammenarbeit mit russischen Geheimdiensten festgenommen worden.

Polen investiert massiv in die Cybersicherheit

Für politische Analysten ist es keine Überraschung, dass gerade Polen immer wieder ins Visier von Putins Hackern gerät. „Polen ist ein Frontstaat, der sehr aktiv ist in der westlichen Gemeinschaft, ein Land an der Ostflanke der Nato, das sicherlich die Allianz derer mit anführt, die (...) eine harte Gangart gegenüber Russland anmahnen, die für eine uneingeschränkte Solidarität mit der Ukraine stehen“, sagte Kai-Olaf Lang, Polen-Experte beim Institut für Politik und Wissenschaft, im November in einem Interview mit ZDFheute live. Polen sei zudem eine Drehscheibe für die Versorgung der Ukraine. Dies erkläre auch, warum immer wieder Bahnstrecken zum Ziel von Sabotageakten würden.

Die Abwehr von Cyberangriffen lässt sich Polen deshalb auch einiges kosten. Im vergangenen Jahr kündigte die Tusk-Regierung an, das Budget für Cybersicherheit auf eine Milliarde Euro anzuheben. Neben den bereits mehr als vier Jahren bestehenden „Streitkräften zur Verteidigung des Cyperspace“ rief Verteidigungsminister Wlodzimierz Kosiniak-Kamysz Ende 2025 auch die so genannte „Cyberlegion“ ins Leben. In ihr will die Armee IT- und KI-Spezialisten versammeln, die ihre Expertise in den Dienst der polnischen Sicherheit stellen sollen. Ins Militär müssen sie dafür nicht eintreten. Jaroslaw Wacko, der Leiter der Cyberlegion, zeigte sich im Gespräch mit tagesschau.de im Dezember überwältigt von der Resonanz. Über 2000 Interessierte hätten sich binnen kürzester Zeit gemeldet; sie würden nun nach und nach überprüft.

Meeting of the Council of Ministers - Polish Government
Krzysztof Gawkowski, polnischer Digitalminister und stellvertretender Ministerpräsident© imago/Newspix | IMAGO/FOT. TEDI/NEWSPIX.PL

Polnische Experten bei der Cybersicherheit führend

Polens Engagement im Bereich der Cybersicherheit trägt bereits Früchte. Innerhalb der Nato gilt das Land als führend bei der Abwehr von Gefahren aus dem Cyberspace. Bei der jährlichen Übung „Locked Shields“, die vom „Nato Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence“, organisiert wird, belegten polnische und finnische Spezialisten 2024 den ersten Platz. Im vergangenen Jahr kam ein polnisch-französisches Team auf den zweiten Rang. Der Gewinner: eine Truppe aus Deutschland und Singapur, die erfolgreich tausende simulierte Attacken auf die kritische Infrastruktur abwehren konnte.

230993_1325_230993_cover.jpg
#32 Dietmar Bartsch über das Vermögen der SED und seine Zeit in Moskau
Meine schwerste Entscheidung
 

tok