Von , Korrespondent

Nach dem vertraulichen Hinweis aus Mexiko erkannte der ukrainische Geheimdienst ein neues Problem für die Armee: Wird die internationale Freiwilligentruppe der ukrainischen Streitkräfte von Kriminellen unterwandert? In den Einheiten hätten sich Kämpfer aus Lateinamerika mit gefälschten Papieren und aufwendiger Tarnung eingeschmuggelt, die für Drogenkartelle aus Mexiko und Kolumbien arbeiteten, so die Warnung des mexikanischen Nachrichtendienstes Centro Nacional de Inteligencia an die Kollegen in Kiew.

Die Gangmitglieder sollten demnach in der ukrainischen Armee den effizienten Einsatz von Drohnen lernen. Vor allem gehe es um jene First-Person-View-Drohnen, mit denen erstmals in einem Krieg per Video und Fernsteuerung Jagd auf gegnerische Soldaten gemacht wird. Einige der Kriminellen sollen auch im Drohnenbau oder dem Ausschalten gegnerischer Elektronik unterwiesen worden sein, wie nachträgliche Untersuchungen ergaben. Inzwischen hat die Armee Konsequenzen gezogen und die Überprüfung von ausländischen Bewerbern verschärft.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

Doch die Hinweise auf getarnte Bandenmitglieder in ukrainischen Truppen sind wohl nur die Spitze des Eisbergs: Das Interesse internationaler Verbrecherorganisationen an der Drohnentechnologie auf dem Schlachtfeld in Osteuropa ist gewaltig, wie Sicherheitsexperten beobachten. Drohnen haben einzelne kriminelle Gruppen auch zuvor schon verwendet. Aber der Krieg wirkt als Gamechanger. Die EU-Polizeibehörde Europol warnt in einem neuen Report: Das Jahr 2022, der Beginn des Krieges, „könnte der Wendepunkt für die organisierte Kriminalität gewesen sein, unbemannte Systeme in allen Bereichen einzusetzen“.

Die Europol-Experten für internationale Bandenkriminalität sprechen von „ernsthaften Sicherheitsbedenken“, weil Verbrecher Drohnen zunehmend zum Schmuggel, zur Überwachung und sogar für Angriffe auf die Polizei nutzten. Die Entwicklungen seien besorgniserregend und stellten ein wachsendes Problem dar, auch mit Blick auf terroristische Netzwerke. Europol steht mit der Warnung nicht allein.

Experten-Gruppe: Weitreichende Folgen für organisierte Kriminalität weltweit

Die Globale Initiative gegen organisierte Kriminalität (GI-Toc), eine unabhängige Expertengruppe mit Sitz in der Schweiz, zieht in einer neuen Analyse ein ähnliches Fazit: „Die in der Ukraine beobachtete Reichweite, Komplexität und strategische Nutzung von Drohnen markieren einen Wendepunkt – eine Transformation, die weitreichende Folgen für die organisierte Kriminalität weltweit haben könnte.“

Kriege seien immer schon Innovationsschmieden gewesen, deren Entwicklungen sich nach Kriegsende in der Gesellschaft verbreiteten, erklärt Co-Autor Paddy Ginn. Der frühere britische Offizier und UN-Militärberater meint, möglicherweise erlebe man gerade die „ersten Anzeichen eines Paradigmenwechsels in der Unterwelt“.

Ein Drohnenschwarm. Immer öfter nutzen jetzt Kriminelle die unbemannten Flugkörper für ihre Zwecke.
Ein Drohnenschwarm. Immer öfter nutzen jetzt Kriminelle die unbemannten Flugkörper für ihre Zwecke. © mauritius images / Alamy | Ed Darack

Große Nutznießer sind einstweilen lateinamerikanische Drogenkartelle. Mexikanische Banden haben schon vor Jahren begonnen, mit „Narco-Drohnen“ Rauschgift über die Grenze zu bringen, vor allem in die USA – der US-Grenzschutz rüstet deshalb mit Anti-Drohnen-Systemen auf, die die Funkkommunikation von Drohnen erkennen und stören können.

Jetzt lernen die großen Banden schnell dazu und weiten den Einsatz aus: Sie beladen, wie in Mexiko, Drohnen mit Plastiksprengstoff und improvisierten Splittergranaten, um rivalisierende Gruppen zu bekämpfen. Mit Drohnen werden Polizeistationen und Einsätze von Sicherheitskräften überwacht und angegriffen, die Bevölkerung eingeschüchtert. Das Drogenkartell Jalisco Nueva Generación soll sogar eine eigene Drohneneinheit unterhalten.  

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In Kolumbien rüsten Banden, die Verbindungen zur Rebellengruppe FARC haben, mindestens ebenso auf. Seit Jahresbeginn wurden in dem Land über 80 Drohnenangriffe gezählt auf Polizeistationen, Patrouillen, Armeebasen – viermal mehr als voriges Jahr. Im Oktober wurde vor der Küste Kolumbiens ein unbemanntes „Drogen-U-Boot“ mit Satellitenantenne beschlagnahmt. Mit Drohnen attackierten Kriminelle ein Schiff der kolumbianischen Marine. Und eine Drogenbande brachte mit Drohnen im Sommer einen Polizeihubschrauber zum Absturz, der eine Kokainplantage observierte – zwölf kolumbianische Polizisten kamen ums Leben.

Für die Kriminellen sind die Erfahrungen, die im Ukraine-Krieg gemacht werden, Gold wert: Das Wissen von der Front, wie man Schwärme kommerzieller Drohnen zur Überwachung einsetzt, Präzisionsschläge gegen wichtige Ziele koordiniert und die elektronische Verteidigung des Gegners umgeht, ist auch im Drogenkrieg nützlich. Ex-Militärberater Paddy Ginn sagt: „Was wir jetzt in der Ukraine sehen, ist eine Revolution der Fähigkeiten.“ Der Einstieg in den Drohneneinsatz ist zwar einfach, aber schwierig ist es, sie effektiv zu nutzen. Daher verfehlen noch viele Angriffe der Drogenbanden ihr Ziel.

Europol: Auch in Europa nutzen Schmuggler Drohnen

Deshalb die Versuche der Drogenmafia, Mitglieder vor Ort zu trainieren. Die zeigen sich entsprechend engagiert: Ausbilder der ukrainischen Armee wurden misstrauisch, als sich einer der Freiwilligen als außergewöhnlich versiert im Umgang mit analogen Steuerungen, Wärmebildkameras und dem Austricksen von Überwachungskameras erwies. Zur Tarnung soll er sich als Bürger aus El Salvador ausgegeben und seine Dienste als humanitärer Helfer angeboten haben, bevor er sich in der Armee ausbilden ließ – tatsächlich aber gehörte der Mann früher den mexikanischen Streitkräften und heute offenbar einem mexikanischen Drogenkartell an.

Auf der mexikanischen Marine-Basis Guerrero bewachen Soldaten 1,3 Tonnen Kokain, die bei einem Einsatz beschlagnahmt worden waren.
Auf der mexikanischen Marine-Basis Guerrero bewachen Soldaten 1,3 Tonnen Kokain, die bei einem Einsatz beschlagnahmt worden waren. © AFP | HANDOUT

Längst nutzen kriminelle Organisationen die Technologie auch in Europa. Vor allem in ländlichen und unbewohnten Gebieten sei der Einsatz zum Schmuggel verbreitet, so der Europol-Report. Eine potenziell größere Bedrohung sei jedoch die Fähigkeit dieser Systeme, unentdeckt Informationen zu sammeln, die für kriminelle oder terroristische Operationen genutzt werden könnten.

In Spanien wurden schon mehrfach Netzwerke zerschlagen, die mit Drohnen große Mengen Haschisch aus Marokko nach Spanien brachten. Die Fluggeräte stammten aus der Ukraine, doch waren auch schon von den Tätern selbstgebaute Unterwasserdrohnen im Einsatz, die bis zu 200 Kilo Rauschgift durch die Straße von Gibraltar transportierten.

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Aktuell herrscht Drohnenalarm an der israelisch-ägyptischen Grenze: Dort werden im großen Stil Waffen mit unbemannten Flugkörpern nach Israel geschmuggelt, manchmal sollen es über hundert Drohnen an einem Tag sein. Drohnen älterer Bauart konnte das israelische Militär noch relativ einfach ausschalten, fortschrittlichere Modelle machen den Abwehrkampf schwieriger; die Furcht vor neuen Terroranschlägen geht um. Waffen, die früher über Tunnel in den Gazastreifen gelangten, werden nun durch die Luft nach Israel gebracht. „Der Trend geht dahin, dass kriminelle Banden Drohnen in immer größerem Umfang und mit immer ausgefeilteren Methoden nutzen“, erklären Militärexperte Ginn und seine Kollegen. „Das Risiko sollte nicht unterschätzt werden.“

Das neue Wettrüsten: Die Polizei verwendet längst Drohnen

Die Schweizer Experten haben gemeinsam mit ukrainischen Drohnenpiloten durchgespielt, wie das organisierte Verbrechen die Fluggeräte in der Luft, an Land und auf See einsetzen könnte: Bei ihren Untersuchungen entwarfen sie Szenarien für den Schmuggel von Granaten und Gewehren, aber auch für größere Drogentransporte über das Meer, für Piraterie oder gar für Attentate.

Alles schon dagewesen. Venezuelas Präsident Nicolas Maduro ist bereits einmal einem Mordversuch per Drohne entgangen. Die mit Sprengstoff beladenen Drohnen explodierten zu früh. Europol verweist darauf, dass auch die Hamas-Terroristen bei ihrem Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 massiv Drohnen einsetzten. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat schon vor einiger Zeit vor Terroranschlägen mit Hilfe von Drohnen gewarnt, vor allem „aus dem Bereich des islamistischen Terrorismus“.

Auf Venezuelas Präsident Nicolas Maduro ist schon einmal ein Drohnenattentat versucht worden.
Auf Venezuelas Präsident Nicolas Maduro ist schon einmal ein Drohnenattentat versucht worden. © AFP | WENDYS OLIVO

Die Sicherheitsbehörden müssen sich dringend auf die neuen Gefahren einstellen und sich darauf vorbereiten, wie Kriminelle die Technologie in Zukunft nutzen könnten, mahnt deshalb auch Europol. Allerdings: Die Polizei rüstet selbst längst auf. Denn Drohnen, betont die europäische Polizeibehörde, bieten neue Möglichkeiten für Strafverfolgungseinsätze und operative Unterstützung. Zur Überwachung, Fahndung, Tatortuntersuchung, zur Aufnahme schwerer Verkehrsunfälle oder bei Demonstrationen und Sucheinsätzen haben sie längst auch in Deutschland Einzug in die polizeiliche Praxis gehalten.

Das BKA zum Beispiel hat sich vor einiger Zeit an einem EU-weiten Polizeiprojekt beteiligt, bei dem Mini-Drohnen mit Kameras die Spur organisierter Einbrecherbanden verfolgten. Am Ende gingen hunderte Verdächtige ins Netz. Europol-Direktorin Catherine De Bolle vergleicht den Drohnen-Trend mit der Einführung des Internets oder dem Siegeszug von Smartphones: Beides habe sowohl große Chancen als auch große Herausforderungen mit sich gebracht. So werde es nun auch bei der Verbreitung von Drohnen sein.