Die Angst vor Verbrechen kann trügerisch sein. Das belegen zahlreiche Studien. Mehr Menschen glauben, sie werden im nächsten Jahr Opfer einer Gewalttat – als es tatsächlich am Ende Betroffene sind. In Umfragen überschätzen Befragte regelmäßig die Zahl der schweren Delikte. Einen Anstieg der Kriminalität wollen Menschen auch dort sehen, wo es faktisch keinen gibt. Und gerade Ältere haben größere Angst, obwohl sie statistisch seltener Opfer werden.

Kriminalitätsfurcht hängt vom eigenen Empfinden ab, von Erfahrungen mit gewalttätigen Übergriffen – und stark auch von Berichten über Verbrechen in Medien. Die Angst hat Konjunktur, wenn besonders brutale Mörder über Tage Schlagzeilen machen.

Zugleich schwebt diese Furcht nicht in einem luftleeren Raum, sie ist nicht nur irrational. Die tatsächliche Bedrohungslage – muss nicht, aber – kann sich auswirken auf das Gefühl von Unsicherheit in der Bevölkerung, wie Studien nahelegen. Derzeit erlebt die Welt einen russischen Angriff auf die Ukraine, in mehreren Staaten gewinnen rechtsautoritäre Kräfte an Macht – auch in Deutschland. Einzelne, schwere Gewalttaten erschüttern viele Menschen. Das wirkt offenbar.

Sicherheit beim Weihnachtsmarkt in Hannover
Hannover: Patrouille für mehr Sicherheit? Polizisten laufen durch die Innenstadt vor der Weihnachtspyramide am Kröpcke. © Julian Stratenschulte/dpa | Julian Stratenschulte

Mehrere Umfragen der vergangenen Monate zeigen: Die Unsicherheit in Deutschland wächst. In einer Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) antworteten 56 Prozent, dass Deutschland unsicherer geworden sei. 2022 waren es noch 42 Prozent. Und laut einem aktuellen ARD-„Deutschlandtrend“ fühlt sich noch jeder Zweite (50 Prozent) auf der Straße oder in Parks sehr oder eher sicher – fünf Prozentpunkte weniger als noch im Februar. Fast ebenso viele (48 Prozent) empfinden öffentliche Räume als eher oder sehr unsicher.

Innenminister Dobrindt: „Verunsicherung vieler Menschen ist nachvollziehbar“

Und so ist Unsicherheit vor allem eines: eine relevante Kategorie für die Politik – besonders für die Innenministerinnen und Innenminister in Bund und Ländern. Wer den Menschen kein Gefühl von Sicherheit vermittelt, wird nicht gewählt. So lautet die simple wie harte Logik für die Innenressortchefs.

„Sicherheit und Unsicherheit kennen viele Einflussfaktoren“, sagt Bundesminister Alexander Dobrindt (CSU) unserer Redaktion. „In Zeiten globaler Krisen und rasanter technologischer Veränderungen, gepaart mit steigenden Ängsten vor Wohlstandsverlust ist die Verunsicherung vieler Menschen nachvollziehbar.“ Deshalb brauche es eine Politik, „die Klarheit gibt, Kontrolle gewinnt und konsequent für Sicherheit und Stabilität sorgt“, hebt Dobrindt hervor. „Genau das haben wir zu Beginn dieser Legislatur gestartet: illegale Migration begrenzen, Sicherheitsbehörden stärken und das Land gegen hybride Gefahren besser schützen.“

Es ist die Botschaft, die Dobrindt derzeit in die Welt sendet. Dabei ist das Gefühl der Menschen nur eine Motivation. Eine andere ist: Die Wähler von der AfD fernhalten. Bisher scheint Dobrindts Rechnung begrenzt aufzugehen. Im Gegenteil: Die extrem rechte Partei ist so stark wie selten zuvor.

Drohnen und Desinformation – Russlands hybrider Angriff auf Deutschland

Deshalb legt Dobrindt nach. In dieser Woche steht er in diesigem Dezemberwetter auf dem Balkon des noblen Parkhotels in Bremen. Umzingelt ist der CSU-Mann von Innenministern der Länder, es ist ihre gemeinsame Konferenz. Und gerade lässt Dobrindt von seinen Bundespolizisten Drohnen über den See vor dem Hotel starken. Eine große Drohne verfolgt eine kleine. Surren, Staunen, ein Knall. Ein Netz schießt aus einer Drohne, fängt die zweite.

Auf einer Pressekonferenz vor dem Hotel hält Dobrindt die gefangene Drohne in der Hand. „Da ist der Übeltäter“, sagt er. Spricht von 30 Millionen Euro, die er in Technik investiere. Vom gemeinsamen Drohnenabwehrzentrum, das bald in Berlin eröffnet wird, und in dem sich Innenbehörden, Nachrichtendienste und Bundeswehr vernetzen. Von der Anti-Drohnen-Spezialeinheit, der nun 50 und bald 130 Bundespolizisten angehören.

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Manch ein Innenminister möchte nach einer knappen Stunde gern ins Warme, die Gespräche beginnen. Aber Dobrindt hat noch nicht genug, weshalb er noch ein paar Amtskollegen zusammentrommelt für ein Foto mit Abfangdrohne. „Man sieht hier ganz schön die Kartusche“, sagt er. Druck zum Abfeuern. Dann heben alle mit an. Motor, Kartusche, Propeller. 25 Kilo. Dobrindts Gegengewicht gegen die Angst.

Die Bedrohung vor allem durch russische Drohnenangriffe ist stark gestiegen. Die Sorge vor Angriffen ist berechtigt, denn sie passieren bereits. Vor Wochen lag der Münchner Flughafen lahm. Drohnen wurden über Kasernen und Unternehmen gesichtet, im Oktober überflogen vier Drohnen einen Bundeswehr-Standort in Mecklenburg-Vorpommern.

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    Weitere Fälle sind den Sicherheitsbehörden bekannt. Oftmals gelingt es nicht, die Piloten der Drohnen zu fassen. Trotzdem sind sich Nachrichtendienstler und Polizisten sicher, dass pro-russische Akteure in vielen Fällen dahinterstecken können. Eingebettet sind die Drohnenflüge demnach in einen hybriden Krieg, den Russland gegen Deutschland und andere europäische Staaten führe. Das Bundeskriminalamt zählt nach Informationen unserer Redaktion knapp 150 Fälle von Sabotage im ersten Halbjahr dieses Jahres – darunter Brandanschläge, Spionagevorwürfe, sogar das Getriebe einer Korvette der Bundeswehr sei mit Metallspänen manipuliert worden.

    Für die Beschlüsse in Bremen gibt es Lob, etwa von der Gewerkschaft der Polizei. Gemeinsames Zentrum, Spezialeinheit, Millionen-Investition – immerhin passiere bei der Drohnenabwehr nun endlich etwas, sagt man einer auf der Konferenz. Zugleich sagen andere: Es passiert angesichts der Bedrohungslage viel zu wenig. Der Bund müsse mehr Geld für Investitionen in Technik und Ausbildung von Piloten bei der Polizei ausgeben. Auch die Bundeswehr brauche mehr Befugnisse.

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    Die Polizeistatistiken signalisieren einen Trend, den viele noch nicht erklären können. Nach der Corona-Pandemie sind die Fälle von Gewalttaten in Deutschland deutlich gestiegen – obwohl sie eigentlich in den Jahren zuvor immer weniger wurden. Jetzt scheint es: Die Täter werden jünger, die Straftaten teilweise brutaler. Vor allem die politisch motivierte Gewalt wächst: Rechtsextremisten gründen mutmaßliche Terrorzellen, Islamisten verüben Anschläge, Linksradikale attackieren das Stromnetz.

    Angesichts der Debatten im Vorfeld über diese wachsende Gewalt und angebliche Unsicherheit bei Bewohnern („Stadtbild“) berieten die Innenminister in Bremen nur wenig über Terror und Täter. Stattdessen diskutierten die Landesregierungen lange über Gewalt in Fußballstadien. Und auch ein Böllerverbot zu Silvester stand (mal wieder) auf der Agenda – der Bund hat sich zumindest offen für mehr Spielraum für Städte wie Bremen und Berlin gezeigt. Weitreichende Beschlüsse gab es bei beiden Themen nicht.

    Alexander Dobrindt mit dem „Übeltäter“: Der Bundesminister führt eine Drohnenabwehr-Show auf der Innenministerkonferenz in Bremen vor.
    Alexander Dobrindt mit dem „Übeltäter“: Der Bundesminister führt eine Drohnenabwehr-Show auf der Innenministerkonferenz in Bremen vor. © dpa | Sina Schuldt

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