Acetaminophen. So heißt der Wirkstoff eines täglich zigtausendfach in den USA rezeptfrei über die Ladentheke gehenden Fiebersenkers namens „Tylenol” – hierzulande und im Rest der Welt unter Paracetamol bekannt.
Donald Trump kann Acetaminophen zwar nicht unfallfrei aussprechen. Das hält den amerikanischen Präsidenten aber nicht davon ab, vor laufender Kamera schwangeren Frauen Angst zu machen und von der Einnahme des seit 70 Jahren im Umlauf befindlichen und weithin als wirksam anerkannten Medikaments abzuraten. Seine Begründung: Es bestehe erhöhtes Autismus-Risiko für das ungeborene Leben.
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Autismus, darunter sind neurologische Entwicklungsstörungen zu verstehen, die sich durch Schwierigkeiten in den sozialen und kommunikativen Fähigkeiten sowie in sich wiederholenden Verhaltensweisen manifestieren, ist das Lieblingsthema von Trumps umstrittenem Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr.
Autismus: Gründe für Anstieg nach Angaben von Wissenschaftlern unklar
Der als Impf-Gegner und Verschwörungstheoretiker bekannte Kennedy ist Verfechter der international durch zig Studien widerlegten These, dass auch Impfstoffe Autismus auslösen. Seiner Ansicht nach ist der amtliche Impfplan für Kinder in Amerika hoffnungslos überfrachtet.

Der ehemalige Demokrat hatte im Frühjahr angekündigt, bis zum Herbst die Ursachen für den Anstieg von Autismus-Diagnosen zu liefern. Allein das sorgte bei vielen Forschern für Alarm-Stimmung. Ihr Tenor: Solche Untersuchungen, wenn sie denn seriös sein sollen, dauerten Jahre. Kennedy drückte jedoch aufs Tempo. Nach Zahlen der zuständigen Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) leidet eines von 31 Kindern im Alter von 8 Jahren in den USA an Autismus. Vor 25 Jahren war es eins von 150 Kindern.
Die Gründe für diesen starken Anstieg sind nach Angaben von Ärzten und Wissenschaftlern unverändert umstritten und unklar. Viele Forscher glauben, dass neben mehr als 100 vererbbaren Genen, die mit Autismus in Verbindung gebracht werden, weitere Faktoren – etwa die individuellen Lebensumstände – eine Rolle spielen.

Der Präsident dagegen machte es sich einfach. In eindringlichen Worten rief er Schwangere dazu auf, nicht zu dieser Arznei zu greifen – sondern im Zweifelsfall die Schmerzen auszuhalten. „Nehmen Sie kein Tylenol. Nehmen Sie es nicht. Kämpfen Sie mit aller Kraft dagegen an, es einzunehmen“, sagte Trump.
Er berief sich dabei indirekt auf Studien von Forschern renommierter Einrichtungen wie Mount Sinai und der Harvard-Universität, die zuletzt auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Tylenol in der Frühschwangerschaft und einem erhöhten Autismus-Risiko bei Kindern hingedeutet haben. Auf präzise Nachfragen von US-Medien erklärten Vertreter beider Häuser, dass es sich um einen Verdacht handle, der nur durch umfangreiche Studien erhärtet oder ausgeräumt werden könne.
Donald Trumps Auftreten erinnert an die Corona-Pandemie
Dr. Andrea Baccarelli, Dekan der Harvard School of Public Health, betonte, es gebe keinen erwiesenen kausalen Zusammenhang zwischen dem Schmerzmittel und Autismus. Gleichwohl sei gerade bei starker oder längerer Einnahme von Paracetamol Vorsicht geboten.
Dass und wie Präsident Trump mit alarmistischem Unterton die behauptete Verbindung von Autismus und Paracetamol simplifizierte, weckt nach Ansicht von Kritikern Erinnerungen an seine quacksalberhaften Auftritte während der Corona-Pandemie.
Trump machte sich ohne jede Fachkenntnis zum Fürsprecher von Mitteln wie Ivermectin oder propagierte das Injizieren von Bleiche. Fachärzte schüttelten damals fassungslos den Kopf darüber, wie Trump sein prominentes Podium als erster Mann im Staat derart hemdsärmelig „missbrauchen“ konnte und womöglich indirekt dazu beigetragen habe, dass Corona-Kranke falsche Therapiewege einschlugen.
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Auch diesmal ließ die Kritik nicht lange auf sich warten. Der ehemalige Chef der Arzneimittelbehörde FDA, Scott Gottlieb, der während der ersten Trump-Regierung im Amt war, sagte, dass die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Tylenol und Autismus gewiss „weitere Untersuchungen wert“ sei. Dass es jedoch keine eindeutigen Beweise dafür gebe, dass es bei Kindern von Frauen, die es einnehmen, Autismus verursacht. Ähnlich äußerten sich nahezu alle großen medizinischen Gesellschaften. Sie betonten, dass Paracetamol während der Schwangerschaft das einzige sichere Schmerzmittel für von Fieber bedrohte Mütter in spe sei. Selbstredend müsse die Einnahme auf das Nötigste beschränkt bleiben und vorher mit dem behandelnden Gynäkologen individuell abgestimmt werden.
Kenvue, ein Ableger des Pharma-Riesen Johnson & Johnson und Hersteller von Tylenol, wies die von Trump unterstellte Verbindung zu Autismus scharf zurück. „Wir glauben, dass unabhängige, fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse eindeutig zeigen, dass die Einnahme von Paracetamol keinen Autismus verursacht“, sagte Kenvue-Sprecherin Melissa Witt. „Wir widersprechen jeder anderen Behauptung entschieden und sind zutiefst besorgt über das Gesundheitsrisiko, das dies für werdende Mütter und Eltern darstellt.“
In krassem Kontrast zum Anti-Paracetamol-Feldzug der Regierung steht das Marketing für ein auf B-Vitaminen basierendes Medikament namens Leucovorin, das zur Behandlung von Autismus bisher nur an vier Dutzend Probanden getestet wurde. Minister Kennedy und der neue FDA-Leiter, Dr. Marty Makary, zeigten sich als lautstarke Befürworter.








