- Zahl der Autismus-Diagnosen bei Kindern steigt
- Bei Mädchen wird die Entwicklungsstörung häufig später erkannt, als bei Jungen
- Eine Studie enthüllt, warum Autismus bei Mädchen übersehen wird
Wie eine Auswertung der hkk-Krankenkasse zeigt, hat sich der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit einer Autismus-Diagnose hierzulande in den vergangenen Jahren verdoppelt. Während 2013 noch 0,4 Prozent der hkk-Versicherten betroffen waren, lag die Quote 2022 bereits bei 0,8 Prozent. Dies ist jedoch kein rein deutsches Phänomen – weltweit wird ein Anstieg der Diagnosen von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) bei Kindern verzeichnet.
Trotz der steigenden Zahl an Diagnosen bleibt eine Gruppe häufig unentdeckt: Mädchen. Eine neue Studie aus den USA legt nahe, dass ein weit verbreitetes Diagnoseverfahren – das Autism Diagnostic Observation Schedule (ADOS) – die Symptome von Mädchen anders bewertet als die von Jungs. Dies könnte laut Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Grund dafür sein, dass Autismus bei Mädchen deutlich seltener oder zu spät diagnostiziert wird.
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Autismus: Forscher untersuchen Daten von 4550 Kleinkindern
Die umfangreiche Beobachtungsstudie stützt sich auf Daten des Baby Siblings Research Consortium (BSRC) im Umfang von 4550 Kleinkindern im Alter von 20 bis 40 Monaten. Die Probanden wurden im Zeitraum von 2003 bis 2021 bis zu dreimal untersucht. Rund 3100 der Kinder gehörten zur Hochrisikogruppe, da sie ein älteres Geschwisterkind mit Autismus hatten. Die restlichen 1400 Kinder wiesen kein bekanntes familiäres Risiko auf.
Das Autism Diagnostic Observation Schedule (ADOS) gehört zu den wichtigsten Verfahren zur Diagnose von Autismus. Der Test bewertet unter anderem ungewöhnlichen Augenkontakt, Gesichtsausdrücke, geteilte Aufmerksamkeit, Reaktionen auf soziale Reize sowie eingeschränktes und repetitives Verhalten wie Echolalie oder stereotype Bewegungen. Ziel der neuen Studie war es, zu überprüfen, ob diese Verhaltensindikatoren bei Jungen und Mädchen gleich bewertet wurden.
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Studie enthüllt: Autismus-Test benachteiligt Mädchen
Das Forscherteam stellte deutliche Unterschiede bei der Bewertung von Verhaltensindikatoren zwischen Jungen und Mädchen fest: Je nach Geschlecht interpretierte das Diagnoseverfahren vergleichbares Verhalten verschieden. Dabei wurden vor allem soziale Auffälligkeiten bei Mädchen seltener als solche erkannt als bei Jungen. Die Wissenschaftler ziehen folgendes Fazit: Damit Mädchen im ADOS als auffällig eingestuft werden, müssen ihre Verhaltensweisen deutlich stärker von der altersgerechten Norm abweichen. Besonders bei sozialen Reaktionen zeigt der Test weniger Sensibilität.
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Diese Verzerrung lässt sich durch den sogenannten REMSD-Wert quantifizieren. In der Studie war dieser für das Geschlecht (0,42) deutlich höher als für das Alter (0,01). Das verdeutlicht, dass das Geschlecht einen spürbar größeren Einfluss auf die Bewertung hatte.
Die Studienautoren weisen darauf hin, dass Mädchen mit Autismus möglicherweise stärkeren Augenkontakt halten oder ein weniger auffälliges Sozialverhalten zeigen als Jungs. Außerdem könnten sie Symptome aufweisen, die im Testverfahren bislang nicht berücksichtigt werden. Laut den Forschern ist das Testverfahren vor allem auf typisch männliche Ausdrucksformen ausgerichtet. Um die Diagnosen präziser stellen zu können, müsste das Testsystem auch mildere Erscheinungsbilder erfassen.
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Einschränkungen der Autismus-Studie
Die Studie zählt zu den umfassendsten Untersuchungen, die geschlechtsspezifische Unterschiede bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) im Kleinkindalter analysieren. Die Ergebnisse zeigen klar, dass das weit verbreitete Diagnoseverfahren ADOS die Symptome von Mädchen nicht ausreichend erfasst. Werden Mädchen später diagnostiziert, könnte dies nachteilige Auswirkungen für Hilfsangebote oder Frühförderung haben.
Das Forschungsteam plädiert dafür, künftige Diagnosetools besser an geschlechtsspezifische Besonderheiten anzupassen. Gleichzeitig sollten Fachkräfte gezielt geschult werden, um auch feinere und weniger offensichtliche Autismus-Merkmale bei Mädchen zu erkennen.










