Lange haben Friedrich Merz und Emmanuel Macron an diesem Spätsommerabend zusammengesessen, unter freiem Himmel mit weitem Blick über das Mittelmeer und die Côte d’Azur. Der französische Präsident hatte den deutschen Bundeskanzler auf seine Sommerresidenz Fort de Brégançon eingeladen. „Merveilleux“, also wunderbar, sei die auf einem Felsen vor der Küste gelegene Mittelalterfestung, schwärmte der Kanzler in fließendem Französisch.

Das Treffen am Vorabend des deutsch-französischen Ministerrats in Toulon soll das gute persönliche Verhältnis der beiden beweisen. Unter Olaf Scholz war das Verhältnis zwischen Kanzleramt und Élysée-Palast meist schwierig. Aber nicht allein gegenseitige Sympathie schweißt den Kanzler und den Präsidenten zusammen, Merz und Macron haben eine gemeinsame Mission: Sie wollen Donald Trump einflüstern – und den US-Präsidenten in der Ukraine-Politik auf die Linie der Europäer einschwören. Es ist jedoch zweifelhaft, ob dies gelingt.

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Der US-Präsident schwankte lange hin und her zwischen Wohlwollen gegenüber Kreml-Chef Wladimir Putin und heftiger Kritik an der angegriffenen Ukraine sowie wachsender Ungeduld mit dem andauernden Krieg und dem brennenden Wunsch seines übergroßen Egos, als Friedensbringer in die Geschichte einzugehen. Vor wenigen Wochen entwickelte Trump plötzlich rege Aktivität.

Erst traf er Putin zu einem Zweiergipfel in Alaska. Dann lud er Merz und Macron sowie andere Europäer gemeinsam mit dem ukrainischen Wolodymyr Selenskyj ins Weiße Haus ein. Nach einem Telefonat mit Putin berichtete Trump ihnen von einer angeblichen Bereitschaft des Kreml-Chefs, sich mit Selenskyj zu treffen. Von einer persönlichen Begegnung innerhalb von zwei Wochen war die Rede. Es wäre ein Durchbruch nach dreieinhalb Jahren Krieg. „Es sind in der Tat schicksalhafte Tage für die Ukraine und Europa“, sagte Merz noch in Washington.

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Merz in der Churchill-Falle
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Der Kanzler flog mit der leisen Hoffnung zurück nach Deutschland, dass es Fortschritte auf dem Weg zu einem Waffenstillstand geben könnte. Zumal Trump auch den Eindruck erweckt hatte, dass seine Geduld am Ende sei und er den Druck auf Putin erhöhen könnte.

Trumps Friedensbemühungen: In Europa macht sich Ernüchterung breit

Deutsch-französisches Regierungstreffen
Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron begrüßen sich beim deutsch-französischen Regierungstreffen in Südfrankreich.© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld

Elf Tage ist der Besuch der Europäer im Weißen Haus an diesem Freitag her. Durch Putins Luftangriffe sterben weiter Menschen in der Ukraine, ein Raketeneinschlag beschädigte vor wenigen Tagen das Gebäude der EU-Vertretung in Kiew. In der Bundesregierung wird der Beschuss nicht für einen Zufall gehalten. Putin wolle den Krieg möglicherweise noch „monatelang“ weiterführen, warnte Merz.

Ernüchterung macht sich breit. „Trotz intensiver internationaler diplomatischer Bemühungen zeigt Russland keine Absicht, seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden“, kritisieren die Regierungen von Deutschland und Frankreich in Toulon gemeinsam. Offensichtlich komme es in der Zwei-Wochen-Frist nicht zu einem Treffen zwischen Selenskyj und Putin, stellte Merz in Macrons Sommerresidenz fest und fügte hinzu: „Anders als es zwischen Präsident Trump und Präsident Putin in der letzten Woche verabredet worden war.“ Putin setze sich offenbar über Trump hinweg, kritisierte Macron und forderte: „Das kann nicht ohne Antwort bleiben.“

Die Botschaft an den US-Präsidenten lautet: Du wirst von Putin vorgeführt, du musst den russischen Machthaber nach der verstrichenen Zwei-Wochen-Frist unter Druck setzen, zum Beispiel mit neuen Sanktionen. Merz und Macron bekräftigten, es müsse ein Treffen von Putin und Selenskyj geben.

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Aber kommen die Forderungen bei Trump an? Die Europäer ringen um die sparsame und sprunghafte Aufmerksamkeit des 79-Jährigen. Ein weiteres Problem: Trump sage in der Öffentlichkeit immer das, was sein letzter Gesprächspartner ihm erzählt habe, so die Analyse im Kanzleramt. Das schmälert den Einfluss der Europäer auf den Chef im Weißen Haus – und macht es unmöglich, geschlossen gegenüber Putin aufzutreten.

Vor allem, weil Trump das Handeln des Angreifers Russland und der überfallenen Ukraine immer wieder gleichsetzt. „Die Menschen ziehen in den Krieg, weil sie glauben, dass sie gewinnen werden“, schwadronierte der US-Präsident vor wenigen Tagen. „Und dann werden sie vernichtend geschlagen und verlieren ihr Land und Millionen von Menschenleben.“ Als ob die Ukraine dieses Schicksal gewählt hätte. Für die Ukraine und die Europäer eine gefährliche Verdrehung der Tatsachen.

Merz und Macron: Der Moment der Trump-Flüsterer

Der Sicherheitspolitik-Analyst Nico Lange hält allerdings nicht nur den Einfluss der Europäer auf Trump für begrenzt. „Die Europäer umschmeicheln Trump in der Hoffnung, dass er böse auf Putin wird und dann Druck auf ihn ausübt. So wird es nicht funktionieren“, kritisiert Lange im Gespräch mit dieser Redaktion die Gesamtstrategie . „Die Europäer müssen sich selbst um seine Sicherheit kümmern und Stärke gegenüber Russland zeigen – etwa indem sie die Ukraine mit weitreichenden Abstandswaffen versorgen.“

Macron und Merz besprachen unter vier Augen ihre nächsten Schritte. Sie würden gemeinsam eine europäische Führungsrolle ausfüllen, versprach der Kanzler. Deswegen wollen die europäischen Trump-Flüsterer bald zum Telefonhörer zu greifen und sich mit dem Oval Office verbinden lassen. Macron kündigte ein Gespräch mit Trump möglicherweise schon am Wochenende an. Merz und Macron hoffen, dass Trump ein offenes Ohr für sie hat. Und ihm keiner so schnell wieder das Gegenteil erzählt.