In den frühen Morgenstunden des 16. August fuhren die drei Schwestern Ella, Niamh und Alma K. auf der M9-Autobahn in Irland in Richtung Flughafen Dublin; auch Almas siebenjähriger Sohn saß auf dem Hintersitz. Die vier waren auf dem Weg zu einer Hochzeit in England. Plötzlich kam ihnen ein BMW entgegen. Mit 140 Kilometer pro Stunde raste er auf der falschen Spur, Momente später krachten die zwei Autos frontal ineinander. Die drei Schwestern und der Junge wurden mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert – die fünf Teenager, die im BMW saßen, wurden bei der Kollision getötet.

Der Unfall ereignete sich nur eine Woche nach einem ähnlichen Zwischenfall in Irland: Ein Auto, in dem acht Teenager saßen, fuhr in der falschen Richtung eine Autobahnauffahrt hinunter und kollidierte mit einem anderen Wagen. Justin Kelly, der irische Polizeichef, sagte nach dem Crash auf der M9: „Was diese Geisterfahrten besonders erschreckend macht, ist die Tatsache, dass es in manchen Fällen für Likes in den sozialen Medien gemacht wird.“

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Geisterfahrt für Clicks: Soziale Medien befeuern Phänomen

Dies ist ein zunehmender Trend auf den britischen Inseln: Junge Männer, viele im Teenageralter, filmen sich selbst, wie sie durch die Straßen rasen, oft auf der falschen Fahrbahn, und posten die Clips dann auf Tiktok oder Youtube. Oft versuchen die Fahrer und Insassen, die Polizei zu riskanten Verfolgungsjagden zu provozieren. Es geht um Nervenkitzel und darum, bei Gleichgesinnten Bewunderung auszulösen. Die Videos werden tausendfach angeschaut, manche haben mehr als eine Million Views. Es ist eine groteske, potenziell tödliche Art von „Joyriding“.  

Solches Verhalten unter Jugendlichen sei zwar nichts Neues, aber die sozialen Medien hätten das Phänomen potenziert, sagt Mary Aiken, Professorin für forensische Cyberpsychologie an der University of East London gegenüber dem Guardian. „Ich würde es als hybrides Verhalten bezeichnen“, sagte Aitken: Die Jungs fahren Auto und filmen sich gleichzeitig, entweder in einem Live-Stream oder um den Inhalt später hochzuladen. „Sie haben einen Fuß in der richtigen Welt und einen Fuß im Cyberspace“, sagt Aiken. Das habe zur Folge, dass sie die Konsequenzen ihrer Handlungen viel leichter ignorieren können.

Die Sozialpsychologin Sonia Livingstone von der London School of Economics sagt: „Die Online-Welt des Ruhms und der Sichtbarkeit ist zunehmend wichtig für Jungs und junge Männer, die sonst wenig Möglichkeiten der Affirmation haben.“ Oft sind die Täter schon früher straffällig geworden. Die fünf toten Teenager in Irland beispielsweise waren den Behörden bekannt; sie hatten zuvor in den sozialen Medien geprahlt, wie sie der Polizei entkommen waren. Zwei von ihnen waren im Zusammenhang mit mehreren Autodiebstählen ins Visier der Behörden geraten, zudem waren sie mutmaßliche Mitglieder einer kriminellen Gang.

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Tiktok will gegen Raser-Videos vorgehen

Am vergangenen Samstag sorgte ein schockierender Autounfall in Nordengland für Schlagzeilen; auch hier besteht offenbar eine Verbindung ins kriminelle Milieu – und zum Tiktok-Raser-Trend. Ein Auto, in dem fünf junge Männer und Teenager saßen, versuchte in der Nähe von Middlesbrough, von mehreren Polizeifahrzeugen davonzufahren. Als es in falscher Richtung in eine Schnellstraße einbog, brach die Polizei die Verfolgungsjagd ab. Wenige Momente später kollidierte das Auto mit einem anderen Polizeifahrzeug, das ihm auf der Schnellstraße entgegenkam. Die zwei Polizisten, die darin saßen, wurden beim Frontalzusammenstoß getötet, ebenso die fünf Insassen im Geisterfahrer-Auto.

Die Polizei hat im Zusammenhang mit der Kollision 17 Personen festgenommen. Sie werden verdächtigt, im Besitz einer Schusswaffe und Mitglieder einer kriminellen Organisation zu sein. Die lokale Polizei spricht von „ernster krimineller Aktivität, die zu diesem tödlichen Unfall geführt hat“. Es gebe derzeit keine Hinweise, dass die Insassen ihre Flucht vor der Polizei gefilmt hätten, hieß es. Allerdings hat eine BBC-Recherche ergeben, dass einer der Teenager zuvor auf Tiktok-Videos von Geisterfahrten gepostet hatte.

Der Fall hat in Großbritannien für Debatten gesorgt. Vor allem die sozialen Medienplattformen werden zur Verantwortung gezogen. Premierminister Andy Burnham sagte am Montag, dass das Teilen von Geisterfahrten in den sozialen Medien „abscheulich“ sei. Luke Pollard, Staatsminister im Verteidigungsministerium, forderte, dass die Medienplattformen solche Inhalte entfernen und die Algorithmen anpassen sollten, um zu verhindern, dass sie geteilt werden. Tiktok sagte gegenüber der BBC, dass solche Videos gegen ihre Richtlinien verstoßen – das Unternehmen arbeite proaktiv daran, diese Inhalte zu entfernen.