Wenn Japans Kaiser dieser Tage durch Europa reist, kann er sich einmal mehr darüber freuen, wie besonders sein Leben doch ist: Mitte Juni landete Naruhito mit seiner Gattin Masako in Amsterdam, wo ihm vom dortigen Königshof sprichwörtlich der Hof gemacht wurde. Während eines zweiwöchigen Trips reiste das Paar auch noch nach Belgien. Japanische Medien bezeichnen die Reise als „bedeutend“. Schließlich sei der Kaiser ein Aushängeschild Japans, das sich immer wieder in der Welt zeigen müsse.
Wobei über solchen Besuchen auch oft ein Fragezeichen hängt: Im ostasiatischen Land fragt man sich nämlich schon länger, wie lange das wohl noch so weitergehen wird. Zwar ist Japans Hof darauf stolz, dass die Monarchie seit rund 2600 Jahren ununterbrochen sei – länger als irgendwo sonst. Nur droht ihr ein nahes Ende. Aktuell existiert ab der Folgegeneration nur ein Thronfolger, der 19-jährige Hisahito. Danach wäre der Thron unbesetzt. Dann gäbe es wohl keine pompösen Trips in ausländische Schlösser mehr.
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Japans Kaiserfamilie: Strenge Erbfolge bedroht den Fortbestand
In Japan alarmiert dieses Thema seit mittlerweile Jahrzehnten. Schon in den frühen 2000er Jahren wurde offiziell darüber diskutiert, was sich tun ließe, um die Erbfolge auch nachhaltig zu sichern. Hintergrund sind die strengen Regeln in der Erbfolge: Nur männliche Familienmitglieder aus der männlichen Blutlinie dürfen den Thron besteigen. Heiratet eine Frau dagegen einen bürgerlichen Mann, muss sie aus der Kaiserfamilie ausscheiden. Die Folge: Die Familie schrumpft. Und droht gar zu verschwinden.
Die Lage ist so akut, dass die 16 verbleibenden Familienmitglieder teils ihre repräsentativen Verpflichtungen zurückstutzen müssen, weil sie nicht mehr die nötige Kapazität haben. Zu den typischen Aufgaben der Familie gehört es, bei großen Einweihungen vor Ort zu sein, von Naturkatastrophen betroffene Gebiete zu besuchen und Japan im Ausland zu repräsentieren. Aber da die Familie seit Langem schrumpft, wird dies immer schwieriger. Und dann ist da auch noch die Frage des Kaiserthrons.
Reformvorschläge für Japans Kaiserhaus stoßen auf Kritik
Nun will die Regierung die Lösung haben. Eine Kommission präsentierte jüngst Reformvorschläge: Demnach soll es künftig möglich werden, dass Frauen, die bürgerlich heiraten, weiterhin ein Teil der Familie wären. Außerdem soll die Familie eine Möglichkeit erhalten, Mitglieder von Familien, die einst zum Hof gehörten, zu adoptieren. So soll der Kaiserhof künftig seine Pflichten wieder umfänglicher wahrnehmen können. Aber ist das wirklich die Lösung?
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Nicht alle sind der Meinung. „Das Beharren auf Kaisern aus der männlichen Linie untergräbt eine echte Lösung für das japanische Kaiserhaus-System“, klagt die zentristisch eingestellte Zeitung „Mainichi Shimbun“ in einem Leitartikel. Die liberale „Asahi Shimbun“ kritisiert, die Vorschläge bildeten keinen Konsens unter den im Parlament vertretenen Parteien. Denn umstritten bleibe, „darauf zu bestehen, dass die kaiserliche Erbfolge nur Söhnen aus der patrilinearen Linie vorbehalten bleibt“.
Mehrheit der Japaner befürwortet Thronfolge auch für Frauen
Im Streit über die Frage, ob nicht auch Frauen – oder zumindest Männer aus der weiblichen Blutlinie – den Kaiserthron besteigen dürfen, geht es auch um Tradition. Dem Mythos zufolge stammt das Kaiserhaus von der in der Urreligion Shinto wichtigen Sonnengöttin Amaterasu ab; der Kaiser ist demnach der oberste Priester im Shinto. Viele Schreine im Land fordern heute, diese auch religiöserweise traditionsträchtige Rolle müsse einem Mann vorenthalten bleiben.
Kritiker sehen es genau andersherum. Zumal es in vergangenen Jahrhunderten, bevor Japan im 19. Jahrhundert mit Einflüssen aus Preußen sein aktuelles Erbrecht beschloss, auch schon Kaiserinnen gab. Überhaupt sehen viele Menschen in der Unmöglichkeit einer Kaiserin ein Symbol der Diskriminierung von Frauen. Bei internationalen Vergleichen der Geschlechtergleichstellung schneidet Japan regelmäßig schlecht ab. Vor allem in Wirtschaft und Politik werden Frauen systematisch benachteiligt.
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Reformvorschlag könnte neue Konflikte schaffen
Umfragen zeigen dabei, dass die Mehrheit der Menschen in Japan dafür wäre, auch Frauen den Thron besteigen zu lassen. Aiko, die einzige Tochter von Kaiser Naruhito, gilt als Liebling der Massen. So ist die Diskussion über die Thronfolge kurioserweise auch zu einer Metapher über die Gleichberechtigung der Geschlechter geworden. Während eine Monarchie per se kaum für Gleichberechtigung stehen mag, stößt die Ungleichbehandlung von Mann und Frau vielen Menschen im Land doch sauer auf.
Aber die aktuellen Reformvorschläge, die noch in diesem Sommer in Gesetzesform übertragen werden könnten, sehen eine weibliche Kaiserin wieder einmal nicht vor. Stattdessen könnten sie sogar neue Konfliktfelder öffnen. Indem der Hof Personen aus Familien adoptieren dürfte, die einst der Monarchie angehörten, vor rund 80 Jahren aber aus ihr ausschieden, gilt es als möglich, dass zuletzt bürgerliche Familien künftig den Kaiser stellen. Einige im Land fänden das unfair, andere gar verfassungswidrig. Die „Mainichi Shimbun“ vermutet, dass Artikel 14 der Verfassung, der die Diskriminierung aufgrund familiärer Abstammung untersagt, in so einem Fall verletzt wäre. Und das könne man in Kaiserfragen doch nicht wollen.






