Sechseinhalb Monate nach der Tat, die weit über Mecklenburg-Vorpommern hinaus Entsetzen ausgelöst hat, beginnt am Dienstag (28. April, 9.30 Uhr) vor dem Landgericht Rostock der Prozess um den Mord am achtjährigen Fabian aus Güstrow. Dass ausgerechnet eine Frau auf der Anklagebank sitzt und ihr eine derart ungeheuerliche Tat vorgeworfen wird, macht den Fall für viele besonders erschütternd.
Denn die Staatsanwaltschaft Rostock ist überzeugt: Gina H., eine gute Bekannte der Familie, soll den Jungen umgebracht haben. Gegen sie wurde Anklage wegen Mordes erhoben. Bis zum Urteil, mit dem Anfang Juli gerechnet wird, gilt die Unschuldsvermutung. Doch schon jetzt zeichnet sich eine schwierige Beweisführung ab.
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Fabian verschwand am 10. Oktober 2025. Es war ein Freitag und der achtjährige Junge blieb wegen Unwohlseins zu Hause, während seine Mutter zur Arbeit ging. Als sie zurückkam, war Fabian verschwunden, nur sein Handy lag noch da. Auch zur sonst üblichen Zeit tauchte er nicht auf. Gegen 20.30 Uhr meldete die Mutter ihren Sohn als vermisst. Der Junge gelte als zuverlässig und nicht als Ausreißer, hieß es.
Gina H. soll Fabians Leichnam gefunden haben
Die Eltern des Kindes leben getrennt. Fabian wohnte bei der Mutter in Güstrow, hatte jedoch Kontakt zu seinem Vater, der in einem Dorf südlich davon wohnt. Zunächst nahmen die Ermittler an, dass das Kind am Tag seines Verschwindens möglicherweise auf dem Weg zum Vater war. Später wurde klar: Zur Zeit der Vermisstenmeldung lebte Fabian schon nicht mehr. Demnach starb der Junge zwischen 11 und 15 Uhr – gewaltsam durch mindestens sechs Messerstiche in den Oberkörper.
Gefunden wurde er erst vier Tage nach seinem Verschwinden von einer Spaziergängerin nahe einem Tümpel in Klein Upahl, rund 15 Kilometer südlich von Güstrow. Medienberichten zufolge handelte es sich bei der Spaziergängerin um Gina H., die einst eine Beziehung mit Fabians Vater geführt haben soll. In Interviews, unter anderem mit dem Sender RTL, bezeichnete sie sich selbst als Fabians „Ziehmama“ und behauptete, er sei für sie „wie ein eigenes Kind“ gewesen.

Im November dann die überraschende Wende: Die Polizei verhaftete eine Tatverdächtige, die seither in Untersuchungshaft sitzt. Näheres zur Identität der Frau teilte die Staatsanwaltschaft zunächst nicht mit. „Wir sind dort in einer relativ kleinstädtischen oder dörflichen Umgebung“, so die Begründung von Staatsanwalt Harald Nowack. Weitere Angaben würden die Identifizierung ermöglichen. In einer gemeinsamen Mitteilung der Staatsanwaltschaft und des Polizeipräsidiums Rostock von Anfang März 2026 wird die 30-jährige Gina H. schließlich als Angeklagte benannt.
„Heimtückisch“: Tatverdächtige soll Mord alleine geplant haben
Über das mögliche Tatmotiv soll nun der Prozess Aufschluss bringen. Die Anklageschrift umfasst laut Medienberichten mehr als 60 Seiten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, Gina H. habe Fabian „heimtückisch und aus sonst niedrigen Beweggründen“ ermordet. So soll Gina H. „den ihr gut bekannten achtjährigen Jungen unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt haben“, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Anschließend soll sie mit dem Jungen in ihrem Auto, einem orangefarbenen Ford-Pick-up, etwa 15 Minuten lang nach Klein Upahl gefahren sein.
Nach Überzeugung der Ermittler soll die Tatverdächtige das Kind zu einem Tümpel geführt haben. „Dort soll sie den Jungen, wie von ihr alleine geplant und durchgeführt, mittels mindestens sechs Messerstichen im Bereich des Oberkörpers getötet haben“, so die Staatsanwaltschaft. Um die Spuren zu beseitigen, soll sie den Leichnam später mithilfe von Brandbeschleuniger angezündet haben.
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Verteidigung sieht Mangel an „handfesten Beweisen“
Trotz des enormen Aufwands hat die Anklage Lücken. Die Ermittler haben bislang keine Tatwaffe gefunden. Zudem schweigt die Tatverdächtige zu den Vorwürfen. Laut Anklage fehlt ebenfalls ein zweifelsfreier Beweis dafür, dass Fabian an dem Tag in H.s Ford saß. Zeugen hätten Gina H. und ihr Auto in der Nähe des Tatorts gesehen. Jedoch gebe es niemanden, der die Tatverdächtige und Fabian am Tag der Tat zusammen gesichtet habe.
Der Anwalt von Gina H. versuchte, eine Entlassung seiner Mandantin aus der Untersuchungshaft zu erwirken. Er verwies darauf, dass es in der Ermittlungsakte keine „handfesten Beweise“ gebe. Doch die Bemühungen blieben ohne Erfolg. Nun sind insgesamt 17 Prozesstage vor dem Rostocker Landgericht angesetzt. Insgesamt sind etwa 60 Zeugen geladen, dazu kommen mehrere Experten, darunter Rechtsmediziner und ein Brandsachverständiger. Die Kammer prüft, ob die Tat Mord oder Totschlag oder eine andere Straftat war. Bei einer Verurteilung wegen Mordes droht einer voll schuldfähigen Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe. Das Urteil soll frühestens am 2. Juli verkündet werden. Die Verteidigung fordert Freispruch.
Für Fabians Familie und Freunde bedeutet die Gewalttat einen unfassbaren Verlust. Güstrow war nach der Tat im absoluten Ausnahmezustand. Bürgermeister Sascha Zimmermann berichtet unserer Redaktion von einer Art Schockstarre in dem Ort: „Der Tod des kleinen Fabian hat die Einwohner tief bewegt. Die Umstände sind unvorstellbar und schrecklich.“ Als Bürgermeister hoffe er auf eine abschließende Antwort zur Täterschaft. „Wenn der Angeklagten die Schuld nachgewiesen werden kann, wünsche ich mir ein gerechtes und deutliches Urteil.“
mit dpa









