Am Dienstagmorgen wurde Ben Roberts-Smith am Flughafen Sydney in Handschellen abgeführt. 17 Jahre zuvor soll er an einem Ostersonntag im südlichen Afghanistan einen gefangenen Mann mit einer Beinprothese mit mindestens zehn Schüssen in den Rücken getötet haben. Die Prothese, so lautet einer der dunkelsten Vorwürfe gegen ihn, soll er anschließend als Trophäe behalten – und daraus mit Kameraden Bier getrunken haben. Roberts-Smith bestreitet diese und alle weiteren Vorwürfe. Strafrechtlich gilt der 47-Jährige als unschuldig – bis ein Gericht etwas anderes entscheidet.
Roberts-Smith ist kein Unbekannter. Er ist Träger des Victoria-Kreuzes, der höchsten Tapferkeitsauszeichnung des Commonwealth. Sein Foto mit der verstorbenen Queen Elizabeth II. ging um die Welt. Seine Uniform hängt im australischen Kriegsmuseum in Canberra. 2013 wurde er zum „Vater des Jahres“ gekürt. Und nun steht er vor der möglicherweise bedeutendsten Kriegsverbrecherverfolgung in der Geschichte Australiens.
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Australische Soldaten in Afghanistan: Ein Dorf, eine Klippe, ein Befehl
Die Vorwürfe, um die es geht, sind von erschreckender Konkretheit. Während seines Einsatzes in Afghanistan zwischen 2006 und 2012 soll Roberts-Smith mehrere wehrlose Gefangene eigenhändig getötet oder Untergebene dazu angewiesen haben. Angeklagt wird er nun in fünf Fällen, wobei die Höchststrafe für die Vergehen lebenslange Haft ist.
Zwei Fälle haben dabei besondere Medienaufmerksamkeit erhalten: Im September 2011 soll Roberts-Smith im afghanischen Dorf Darwan einen gefesselten Bauern – die Hände in Handschellen auf dem Rücken – eine zehn Meter hohe Klippe in ein ausgetrocknetes Flussbett hinuntergestoßen haben. Der Mann namens Ali Jan schlug sich beim Sturz mehrere Zähne aus. Was folgte, war laut Zeugenaussagen kein Unfall, kein Kampfgeschehen: Untergebene zerrten ihn zu einem Baum und erschossen ihn dort – auf Befehl von Roberts-Smith.
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„Blooding“-Rituale: Junge Soldaten werden ins Töten eingeweiht
Wenige Jahre zuvor, im April 2009, hatten australische Spezialeinheiten ein Taliban-Gelände namens „Whiskey 108“ angegriffen. Zwei Männer kamen unbewaffnet aus einem Tunnel und ergaben sich. Einer von ihnen trug die besagte Beinprothese. Roberts-Smith soll ihn außerhalb des Geländes mit einem Maschinengewehr von hinten erschossen haben.
Den zweiten Mann soll er einen jungen Soldaten töten lassen haben – als eine Art Initiierung ins Kriegshandwerk, ein Ritual, das in der SAS-Sprache „Blooding“ heißt. Beide Opfer waren laut Anklage Gefangene. Ihre Tötung wäre nach der Genfer Konvention ein Kriegsverbrechen – und australische Soldaten werden darin umfassend geschult. Zum Vorwurf des Mordes an dem Mann mit der Beinprothese stellten drei Bundesrichter in ihrem Berufungsurteil 2025 trocken fest: „Anders als bei den meisten Morden gab es hier drei Augenzeugen.“
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Ben Roberts-Smith: Vom Helden zum Angeklagten
Der Weg zu diesem Moment war lang. Roberts-Smith selbst versuchte, die Narrative zu kontrollieren: 2018 klagte er gegen die australischen Tageszeitungen „Sydney Morning Herald“, „The Age“ und „Canberra Times“, die seine mutmaßlichen Verbrechen detailliert dokumentiert hatten. Der Journalist Nick McKenzie und seine Kollegen hatten sich auf Augenzeugenberichte und interne Militärdokumente gestützt. Roberts-Smith sah seinen Ruf irreparabel beschädigt – und griff zur Verleumdungsklage, finanziert vom Medienmilliardär Kerry Stokes.
Der Schuss ging nach hinten los. 110 Verhandlungstage, schätzungsweise 25 Millionen australische Dollar Kosten (rund 15 Millionen Euro) – und am Ende ein vernichtendes Urteil: Richter Anthony Besanko befand 2023, dass die Vorwürfe „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit“ der Wahrheit entsprächen. Das Berufungsgericht bestätigte dies 2025. Der Weg zum High Court blieb Roberts-Smith versperrt – sein Antrag auf eine weitere Berufung wurde abgelehnt.
Parallel dazu arbeitete seit 2021 das eigens gegründete Office of Special Investigations (OSI): abgehörte Telefone, Abhörgeräte, Razzien. Und, am entscheidendsten, die Kooperation von SAS-Veteranen, die bereit waren, gegen einen der Ihren auszusagen. Einer von ihnen sagte dem „Sydney Morning Herald“: „Es geht um die Wahrheit und um Ehre. Wie ehrt man die Männer, die wir in Afghanistan verloren haben? Indem man die Wahrheit sagt.“
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Australische Kriegsverbrechen: Ein Muster, kein Einzelfall
Der Fall wirkt auch deshalb so beunruhigend, weil er über die Person hinausweist. Der Brereton-Bericht, 2020 nach vierjähriger Untersuchung vorgelegt, stützt sich auf mehr als 20.000 Dokumente und 423 Zeugenaussagen und kommt zu dem Schluss, dass australische Elitesoldaten zwischen 2005 und 2016 mutmaßlich 39 Zivilisten und Kriegsgefangene getötet haben.
Die Vorwürfe deuten nicht auf einzelne Exzesse im Gefecht, sondern auf kalkulierte Tötungen. 2023 wurde ein weiterer australischer Soldat im Zusammenhang mit einem mutmaßlichen Kriegsverbrechen wegen Mordes angeklagt; sein Prozess soll voraussichtlich im Februar kommenden Jahres beginnen.
Die Militärsoziologin Samantha Crompvoets, die mit ihrer Kulturanalyse der Spezialeinheiten den Anstoß für den Brereton-Bericht gab, beschrieb bereits 2020, was sie in ihren Interviews gehört hatte: Soldaten, die in Wettbewerben maßen, wie viele Menschen sie an einem Tag töten konnten. Ein Insider nannte die Täter „absolute Psychos“ mit einer regelrechten „Blutlust“. Crompvoets Diagnose war eindeutig: „Töten war für sie ein Sport.“
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Sieg für den Journalismus, offenes Ende vor Gericht
Für den investigativen Journalismus ist das Verfahren bereits jetzt ein Präzedenzfall. McKenzie dankte nach dem Berufungsurteil den „mutigen Soldaten, die nicht nur für ihr Land, sondern auch für die Wahrheit gekämpft haben“. Und er formulierte eine unmissverständliche Forderung: Es dürfe nicht allein Journalisten und Soldaten überlassen bleiben, einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher entgegenzutreten. „Die australischen Behörden müssen Ben Roberts-Smith vor unser Strafrechtssystem bringen.“
Das ist nun geschehen. Ob ein Geschworenengericht ihn schuldig spricht, ist offen; bis dahin gilt die Unschuldsvermutung. Die Witwe des Bauern Ali Jan aus Darwan, Bibi Dhorko, wartet derweil seit Jahren auf Gerechtigkeit. 2019 sagte sie der Presse in Kabul: „Er hatte nie eine Waffe. Er lebte in den Bergen und ging nur ins Dorf, wenn wir Vorräte brauchten.“ Ihr Mann hat keinen Prozess bekommen. Roberts-Smith wird einen bekommen.







