Hauptsache, Alessio geht’s gut. Der Satz aus dem Privatleben von Sarah Engels drängt sich an einem Abend auf, an dem die Weltlage im Ersten so bedrohlich ist, dass erst eine Sondersendung zum Angriff auf den Iran läuft, bevor Deutschland über seine ESC-Hoffnung abstimmen darf.
ESC-Vorentscheid 2026 im Schatten der Weltpolitik
Während draußen über Krieg gesprochen wird, wird drinnen gesungen, gewitzelt, gejubelt – und am Ende verkündet derselbe Sender, der gerade noch Schlager und Schlaghosen feierte, dass der iranische Revolutionsführer laut Donald Trump getötet worden sei.
Dass ausgerechnet Sarah Engels, deren Karriere mit „Hauptsache, Alessio geht’s gut“ zum Meme wurde, an diesem Abend zur Hoffnungsträgerin Europas ausgerufen wird, ist der vielleicht ironischste Drehbuchmoment dieser Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest (ESC).
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SWR übernimmt den ESC-Vorentscheid: Große Show, kleine Risikobereitschaft
Obwohl der Vorentscheid mit aller Kraft versucht, in den Modus „nur Unterhaltung“ zu schalten, stolpert er über die eigenen Ansprüche. Die ARD zeigt mit der vom SWR verantworteten Show zwar, dass sie große Samstagabendunterhaltung inszenieren kann: Die Bilder sind stimmig, die Ideen liebevoll, die Kandidaten klug ausgewählt. Doch der Song, der am Ende nach Wien fährt, wirkt wie ein mutloser Trost.
Auf der Bühne ist zunächst alles so bunt, wie es das ESC-Publikum erwartet. BELA steht an einer Bushaltestelle, um die herum getanzt wird, sein Stil erinnert ein wenig an Cro, stimmlich bleiben aber Schwächen. „Das war mein erster großer Auftritt“, erzählt er später. Ragazzki bekommen eine Tankstelle in Italo-Farben, tanzen sich durch Neonlicht und Jubel – ein Auftritt, der so leichtfüßig, mitreißend und selbstironisch ist, dass man sofort versteht, warum der Saal tobt.
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Die 80er möchten (nicht) wieder abgeholt werden
Dreamboys The Band sind entgegen ihrem Namen vier Frauen mit langen Haaren, Schlaghosen und Mikroständern, die „We got nothing to lose“ singen und damit einen 80er-Vibe beschwören, der Herz und Nostalgie bedient. MYLE stellt „A OK“ als Song vor, der aus einem nächtlichen Gespräch nach einem Konzert entstanden ist, in dem ihm jemand sein Herz ausgeschüttet habe. Er beginnt stark mit einer intimen Strophe, wirkt zwischendurch ein wenig atemlos.
Laura Nahr bringt mit „Wonderland“ den leiseren Zwischenton in diesen Retro-Abend: Die Strophe bleibt fragil, der Refrain bricht selbstbewusst nach vorn – ein moderner Popmoment, dem allerdings der letzte Feinschliff fehlt. Malou Lovis, „The Voice of Germany“-Gewinnerin von 2023, erzählt in „When I’m With You“ eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, spricht im Einspielfilm von Verantwortung und davon, dass Musik „Hoffnung geben“ könne. Ihr zeitgemäßer Song klingt nach Streaming-Playlists und Queer-Visibility und wirkt wie ein Ausblick darauf, wie Deutschland beim ESC eigentlich auftreten könnte.
Molly Sue, die schon bei „The Voice Kids“ und „DSDS“ Erfahrungen gesammelt hat, kommt mit „Optimist (Ha Ha Ha)“ daher, indem sie besingt, dass man Menschen nicht ansehen kann, wie es ihnen wirklich geht – im Einspieler erzählt sie von chronischen Krankheiten, von Schmerzen. Wavvyboi wiederum reißt mit seinem arroganten Gitarrensolo mit und entführt das Publikum scheinbar in eine andere Zeit.
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Hazel Bruggers neue Frisur: Ein Fall für die Internetpolizei
Getragen wird das Ganze von zwei Moderatorinnen, die wissen, was sie tun. Hazel Brugger und Barbara Schöneberger singen sich zu Beginn zu schlechtem Playback durch ESC-Hits, Hazel trällert „Ein bisschen Frieden“, Barbara schmettert „Dschinghis Khan“. „Weil sie als Schweizerin so emotional und sympathisch ist“, kündigt Schöneberger ihre Co-Moderatorin an, die mit ihrer platinblonden Frisur und trockenem Humor der Internetpolizei neue Aufregung verschafft.
Als die beiden eng aneinandergerückt in ein Mikro sprechen, sagt Schöneberger: „Zwei Frauen, die sich näherkommen: Das möchten die Zuschauer im Hauptprogramm sehen.“ Brugger ergänzt: „Sonst gibt es ja auch keinen Grund, warum zwei Frauen im Fernsehen moderieren sollten.“ Der Seitenhieb auf männerdominierte Showbühnen sitzt. Schöneberger zwinkert: „Nächstes Jahr moderieren wieder zwei Männer.“
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Technik-Desaster beim ESC-Vorentscheid
Technisch ist dieser Vorentscheid kaum sendereif: Fast alle Acts singen konstant einen Hauch zu hoch, die Intonation schwimmt, die Tonmischung ist so verwaschen, dass Feinheiten in Hall und Brei untergehen. Es wirkt, als hätten sich die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne nicht richtig gehört – ein Versäumnis, das bei einer Liveproduktion dieser Größenordnung schlicht unverzeihlich ist. Die liebevollen Bilder verdienen einen Klang, der nicht nach Generalprobe klingt.
Auch dramaturgisch trägt die Show schwer an sich selbst. Der verspätete Start, endlose Rückblicke, immer neue Einspieler – inklusive Bilder von Bundeskanzler Friedrich Merz, der verhaltene Buhrufe erntet, während die Kaulitz-Brüder Jubel bekommen – ziehen den Abend in die Länge.
Man merkt es sogar den Moderatorinnen an, wie sehr sich das Format dehnt. Dazwischen darf kurz Kommentator Thorsten Schorn auf die Bühne, „damit er nicht nur in seiner Kommentatorenkabine versauert“, wie es heißt. Es ist einer dieser Momente, in denen die Show sich selbst feiert, statt vorwärtszukommen.
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Viel Talent, wenig Mut: Das Grundproblem des deutschen ESC
Nachdem alle Acts gesungen haben, greift zunächst eine internationale Expertenjury ein. Molly Sue, Wavvyboi und Sarah Engels schicken sie ins Superfinale. Damit ist entschieden, wer überhaupt noch eine Chance hat – und wer, wie Ragazzki, trotz Jubel im Saal nicht einmal ins Televoting kommt. Ein Verfahren, das Vielfalt verspricht und dann ausgerechnet einen der lebensfroheren Beiträge aussortiert, wirkt in einem Land, das sich beim ESC nach Leichtigkeit sehnt, mindestens erklärungsbedürftig.
Im letzten Schritt entscheiden die Zuschauerinnen und Zuschauer per Telefonvoting – ein vermeintlich demokratischer Akt, der allerdings nicht ausgleicht, dass hier plötzlich eine national bekannte Sängerin gegen Namen antritt, die sich erst noch etablieren müssen. Dass Engels am Ende klar vorne liegt, überrascht da kaum. Sie kündigt an, sie wolle „um ihr Leben performen“, und präsentiert „Fire“ vor lodernden Flammen. Nach der Verkündung der Entscheidung nimmt sie strahlend den Pokal entgegen, umarmt ihre Mitstreiterinnen, performt ihren Song ein drittes Mal und wirkt, als könne sie ihr Glück selbst kaum fassen.
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Warum der deutsche ESC-Song musikalisch vertraut klingt
Musikalisch bleibt allerdings ein schaler Beigeschmack. Die Harmonien von „Fire“ erinnern frappierend an „Englishman in New York“ von Sting, insbesondere im Schluss des Chorus – man achte auf den identischen Terzsprung. Wer beide hintereinander hört, sucht die Eigenständigkeit des deutschen Beitrags für Wien länger als die Regie nach dem nächsten Rückblick. Dass ausgerechnet ein so vertraut klingender Song nun Europa überzeugen soll, passt zu einem Abend, der an vielen Stellen lieber auf Sicherheit als auf Risiko setzt.
Bitter ist das auch, weil deutlich wird, was möglich gewesen wäre. Ragazzki hätten mit ihrem energetischen Auftritt Lebensfreude liefern können, die Deutschland in den vergangenen Jahren so oft gefehlt hat. Malou Lovis mit ihrer starken Stimme eine queere Perspektive, Wavvyboi eine spannende Edginess, Molly Sue einen Einblick in das Leben mit chronischer Krankheit – es ist eine Auswahl, die zeigt, dass es an Material nicht mangelt, sondern an Mut, das wirklich nach vorne zu stellen.
So steht am Ende ein Abend, der demonstriert, wie gut das deutsche Fernsehen Show kann – und zugleich, wie schwer es sich damit tut, Risiko zuzulassen. Sarah Engels wird im Mai mit einem professionell inszenierten, aber musikalisch erstaunlich vertraut klingenden Beitrag nach Wien fahren. Hauptsache, Alessio geht’s gut.







