Wenn Mary Francis sich abends entspannen will, klappt sie häufiger mal ihren Laptop auf, besucht eine Pornoseite und wählt eines ihrer Lieblingsgenres aus. Und dann geht’s los. Der 31–jährigen Mitarbeiterin einer Behörde in Manila, der Hauptstadt der Philippinen, ist das auch nicht unangenehm: „Für mich ist das kein Tabu oder so, es ist einfach, was es ist. Also Unterhaltung, und Erregung.“

In einer normalen Woche gucke sie ungefähr dreimal Pornos, immer für rund zehn oder 15 Minuten. „Mir gefallen vor allem lesbische Settings, Transfrauen, und Cuckolding, also wenn ein Mann seiner Frau dabei zusieht, wie sie mit jemand anderem Sex hat. Zwischen diesen drei Genres wechsle ich hin und her.“ Manchmal tausche sie sich auch mit Freunden darüber aus.

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In ihrem Heimatland ist Mary Francis nicht nur durch ihre Vorlieben bei Pornogenres typisch. Sondern auch dafür, dass sie als Frau überhaupt regelmäßig Pornos guckt. Laut Pornhub, der weltweit führenden Pornoplattform, stechen die Philippinen aber international heraus: als das Land, wo Frauen häufiger Pornos gucken als Männer. Dies zeigen jedenfalls die Daten, die Pornhub jährlich von seinen Nutzerinnen und Nutzern auswertet. 64 Prozent des Datenverkehrs aus den Philippinen komme von Frauen.

Im Vergleich zu Philippinen: Deutsche Frauen sind keine Porno–Fans

Das sind fünf Prozentpunkte mehr als im Vorjahr, als die Philippinen auch schon als weiblichste Pornokonsumnation herausragten. Von den 20 Ländern, die Pornhub vergleicht, haben die Philippinen also auch 2025 den höchsten Frauenanteil, sind neben Kolumbien und Argentinien das einzige Land, wo Frauen mehr Porno konsumieren als Männer. Der internationale Durchschnitt der Nutzung durch Frauen liegt demnach bei 38 Prozent. Deutschland liegt mit 26 Prozent deutlich unterhalb des Durchschnitts.

„Unsere Statistikerinnen haben im letzten Jahrzehnt den Anteil weiblicher Besucherinnen auf Pornhub untersucht“, heißt es hierzu im Pornhub–Report. „Sie stellten über die Jahre einen Aufwärtstrend fest, was die überholte Aussage ‚Nur Männer schauen Pornos‘ in Frage stellt.“ So lag der Anteil vermutlich weiblichen Traffics auf der Plattform 2015 noch bei 24 Prozent. Seither hat er sich demnach um gut die Hälfte erhöht.

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Generell hat sich die Pornobranche in den vergangenen Jahren stark diversifiziert. Produzentin und Darstellerin Paulita Pappel etwa hat mit Formaten wie „Lustery“ und „Hardwerk“ Pornos geprägt, die das Spielerische betonen, oft auch eine intimere Ästhetik bieten, die häufig eher Frauen ansprechen dürfte. Dabei betont Pappel, dass sie feministische Gangbangs produziert – wo eine Frau meist mit mehreren Männern gleichzeitig oder nacheinander Sex hat, und selbstbestimmt im Zentrum steht.

Frauen haben überraschende Porno-Vorlieben

Wobei es ohnehin ein Irrtum wäre zu glauben, dass Frauen nur soften Porno mögen, in dem ein ausgeklügelter Plot oder Romantik im Vordergrund steht. Madita Oeming, Autorin und Pornoexpertin, schreibt in ihrem 2023 bei Rowohlt erschienen Buch „Porno: Eine unverschämte Analyse“, dass Frauen in Pornos häufig extremere Szenarien suchen als Männer.

Aber warum stechen die Philippinen offenbar international heraus? Sabrina Gacad, Professorin für Gender Studies an der University of the Philippines in Manila, hat eine Erklärung: „Wenn wir an Fragen der Geschlechtergleichheit denken, dann sehen wir schon länger Veränderungen in Sachen Bildung, Zugang zu Technologien, Jobs, aber auch einen Wertewandel. Der Gedanke, dass Frauen sexuelle Wesen sind, ist heute viel akzeptierter als früher.“

Sabrina Gacad ist Professorin für Gender Studies an der University of the Philippines in Manila weiß, warum Frauen in den Philippinen mehr Pornos konsumieren als Männer.
Sabrina Gacad ist Professorin für Gender Studies an der University of the Philippines in Manila weiß, warum Frauen in den Philippinen mehr Pornos konsumieren als Männer.

Zwar werde noch immer häufig erwartet, dass Frauen mit ihrer Sexualität diskret umgehen. „Aber Onlinepornographie bietet da ja gute Möglichkeiten: Man kann sie ja auf dem Smartphone konsumieren“, betont Gacad. „Es gibt auch immer mehr Angebote, die nicht nur Personen mit vermeintlichen Idealmaßen zeigen, sondern normale Leute.“ Dies gebe vielen Zusehenden ein besseres Gefühl, was den eigenen Körper betrifft.

Darum sind Pornos für die Frauen mehr als nur Spaß

Die Philippinen, wo rund 85 Prozent der Bevölkerung offiziell katholisch sind, der Rest anderen christlichen Kirchen oder dem Islam folgt, erleben einen Umbruch. Im World Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums, der 146 Länder nach Geschlechtergleichstellung vergleicht, stehen die Philippinen bereits auf Platz 25 – vor den USA oder den Niederlanden.

Dies habe auch mit einer subtilen, aber deutlichen Zurückdrängung der Religion über die vergangenen Jahrzehnte zu tun, sagt Sabrina Gacad: „In den Sonntagsmessen wird den Menschen sicherlich erzählt, dass sie von Pornos die Finger lassen sollen.“ Aber, betont die Expertin: „Es gibt Studien dazu, wie in den Philippinen eine Art gespaltenes Christentum aufkommt: Man geht zwar noch zur Messe, folgt auch teilweise der Bibel. Aber gleichzeitig bricht man hier und da die Regeln.“

Gerade in der 12–Millionenmetropole Manila wollen sich „viele Gruppen der Gesellschaft heute einfach frei ausleben und erwarten auch zusehends Anerkennung“, so Gacad. Pornokonsum sei für Frauen in den Philippinen also auch eine Art des Aufbegehrens und des Ausdrucks von Selbstbewusstsein.

Das spielt beim Pornokonsum eine große Rolle

Wobei die Aussagekraft der Pornhub–Daten fragwürdig ist – Annahmen über das Geschlecht einer Userin trifft Pornhub durch das Sammeln von Cookies, also Informationen über das sonstige Surfverhalten einer Person. Wer außer Pornhub auch Modeseiten besucht hat, wird eher als Frau klassifiziert; wer Fußballseiten aufsucht, eher als Mann. Die Statistiken sind also nur Tendenzen.

Aber da die Erhebung in allen Ländern gleich abläuft, und Pornhub die einzige große Plattform ist, die solche Informationen überhaupt herausgibt, haben die Daten dennoch informativen Wert. Passend zu den Erklärungen von Sabrina Gacad berichtet Mary Francis, die wegen ihres Jobs ihren wahren Namen nicht verraten will, von wachsenden Online-Communitys: „Auf sozialen Medien haben sich in den letzten Jahren, ungefähr mit der Pandemie, Gruppen gebildet, wo sich Leute über Sex austauschen.“

Eine Botschaft ist den Frauen besonders wichtig

Auf Facebook, X und so weiter sprechen vor allem Frauen über Probleme, Wünsche und Fantasien. „Für viele Frauen ist das ein Safe Space und wirkt ermutigend. Als ich jünger war, gab es so etwas noch nicht.“ Etwas Ähnliches sagt Emma Feliciano, eine 32–jährige Modeberaterin. Auch sie schaut mehrere Male in der Woche Pornos. Wie Mary Francis wuchs sie katholisch auf. Aber: „Nimmt die Religiosität ab? Ja. Die Boomergeneration geht noch zur Kirche und folgt den Regeln, auch so richtig.“

Aber Millennials wie sie selbst, oder jüngere Leute, hörten zumindest in den urbanen Räumen weniger darauf, was ein Priester sagt. Und auch Emma Feliciano sagt: „In Manila ist es heutzutage nicht mal mehr ein Problem, wenn ich mit meinen Freunden im Café über Pornos rede. Aber wenn ich in meine Heimatregion gehe, die eher ländlich ist, ist es noch etwas anders.“

Wie Mary Francis sagt Emma Feliciano außerdem, dass sie Pornos auch schaut, um sich über Sexualität weiterzubilden, zum Beispiel über neue Stellungen. Und dafür müsse man sich eben nicht schämen, ob man nun religiös sei oder nicht: „Bei Pornos geht es wirklich nicht nur um Masturbation. Das ist eine Sache dabei, aber nicht die einzige. Pornos können auch Kunst sein“, findet die Modeberaterin.