Für viele Paare ist Sex ein wichtiger Teil ihrer Beziehung. Herrscht im Bett Flaute, droht Frust. Doch selbst wenn zu Hause regelmäßig die Laken glühen, kriechen hin und wieder vergleichende Fragen in unser Unterbewusstsein: Ist unser Sex eigentlich gut so, wie er ist – und vor allem: Ist er lang genug? Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht, doch eine Therapeutin erklärt, welche Faktoren die ideale Sexdauer im Einzelfall beeinflussen und welcher Punkt immer wichtiger ist als die Zeit-Frage.
Wie lange Sex durchschnittlich dauern kann, verdeutlichen zahlreiche Studien: Eine Umfrage unter US-amerikanischen und kanadischen Sex- und Familientherapeuten, Psychologinnen und Medizinerinnen zeigte 2008, dass die meisten Patienten und Patientinnen zwischen 3 und 7 Minuten Sex als „angemessen“ empfanden, zwischen 7 und 13 als „wünschenswert“. In einer australischen Umfrage unter 500 Paaren kam dagegen heraus, dass der durchschnittliche Akt 5,4 Minuten dauert. Allerdings nahmen an der Studie nur Paare aus der Türkei, Großbritannien, den Niederlanden, den USA und Spanien teil.
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Durchschnittliche Sexdauer: „Minutenangaben“ sind nicht entscheidend
Die systemische Paar- und Sexualtherapeutin Nina Jares hält wenig von solchen Statistiken. Gegenüber unserer Redaktion erklärt sie, dass die durchschnittliche Sexdauer zwar messbar sei, über die Qualität aber wenig aussage würde: „Entscheidend ist, ob sich alle Beteiligten wohlfühlen, ob es stimmig ist, und ob man miteinander im Kontakt bleibt“, sagt die Expertin. „Es geht also weniger um Minutenangaben als um ein gelungenes, gemeinsames, intimes Erleben.“
Laut Jares fehlt bei diesen Durchschnittswerten die entscheidende Information, ob die Beteiligten den Sex auch genossen hätten. „Zeit spielt im positiven Erleben eine erstaunlich kleine Rolle“, erklärt sie. „Die meisten Paare könnten gar nicht sagen, wie lange der Sex, den sie als gut oder erfüllend empfinden, eigentlich dauert.“ Viele Paare konzentrieren sich demnach eher darauf, wie sie sich beim Sex gefühlt haben, als auf die Dauer.

Sexdauer im Durchschnitt: Definition verfälscht viele Statistiken
Wer die ideale Länge für den Liebesakt messen will, muss Sex zudem genauer definieren. Für jeden zählen andere Bausteine zum eigentlichen Sex: Während manche damit die reine Penetration meinen, ist es für andere das Gesamtpaket mit Vorspiel und anschließendem Kuscheln. Für Nina Jares gehört zumindest das Vorspiel fest zum eigentlichen Geschlechtsverkehr.
Die vermeintliche „Aufwärmphase“ sei ein essenzieller Bestandteil des gemeinsamen sexuellen Erlebnisses, sagt die Expertin. „‚Vorspiel‘ suggeriert, dass alles in einer festen Reihenfolge stattfinden muss, statt einfach das zu tun, worauf man gemeinsam Lust hat“, sagt sie. Das könne Leistungsdruck oder sogar mehr Distanz erzeugen – etwa, wenn Lust auf Nähe da wäre, aber nicht auf eine vermeintlich notwendige Penetration im Anschluss.
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Zudem führe die Unterscheidung zwischen Vorspiel und Penetration beim Verständnis von Sex dazu, dass „viele andere Formen von Intimität so wirken, als wären sie weniger wichtig oder kein richtiger Sex“, erklärt Jares. Dabei seien genau diese Komponenten für viele Menschen besonders bedeutsam. Das gelte auch für die Zeit nach dem Orgasmus. „Für manche ist Kuscheln nach dem Sex ein enorm wichtiger Teil, weil es Verbindung, Nähe und Geborgenheit bestätigt“, so die Expertin.
Sex im Alter: Selbst bei Langzeitpaaren verändert sich Sexdauer
Ein weiteres Problem bei der Definition einer vermeintlich idealen Sexdauer: Nicht einmal Langzeitpaare können eine solche klar für sich bestimmen. Oft bräuchten Menschen Zeit, um sich im Schlafzimmer aufeinander einzustimmen, sagt Jares. Während manche gleich zu Beginn ein Feuerwerk zündeten, dauere es bei anderen, die Bedürfnisse ihres Gegenübers wirklich nachzuvollziehen.
Die Expertin warnt davor, nach einem holprigen Start zu früh aufzugeben und einen eigentlich kompatiblen Partner zu verabschieden. Anders herum müsse auch das Abflachen des anfänglichen Feuerwerks nicht zwingend ein Grund zur Sorge sein: „Wir alle sind psychosexuelle Wesen“, sagt Jares. „Das heißt: Wir lernen und entwickeln uns ein Leben lang, und damit verändert sich auch unser Bedürfnis nach Sexualität.“ So könne die Sexualität im Teenager-Alter anders aussehen als nach der Elternschaft oder in den Wechseljahren.
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Der Therapeutin zufolge wäre es „ein enorm großer Zufall, wenn diese Entwicklung bei Paaren immer zeitgleich und inhaltlich mit dem jeweiligen Partner übereinstimmt“. So fällt die Frage nach der idealen Sexdauer in eine ähnliche Kategorie wie das Bild, das viele Hollywood-Filme vom vermeintlich perfekten Sex zeichnen. Um diesen nachhaltig schön und erfüllend zu gestalten, empfiehlt Jares: „Kommunikation, Ausprobieren, Humor, Leichtigkeit, eventuell externe Beratung, Literatur, Podcasts und ein echtes Interesse an einer gemeinsamen neuen Paarsexualität“.





