Dürfen Eltern ihre Kinder abseits der Gesellschaft im Einklang mit der Natur großziehen? Diese Frage sorgt in Italien derzeit für intensive Debatten. Auslöser ist eine britisch-australische Familie mit drei Kindern, die in einem abgelegenen Haus in einem Wald in der Bergregion Abruzzen lebt – ohne Strom, Gas oder fließendes Wasser. Auch die Schulbildung findet nicht in einer staatlichen Einrichtung statt, sondern zu Hause durch eine private Lehrerin.
Ein Jugendgericht hält diese Lebensumstände für nicht kindgerecht und hat entsprechende Maßnahmen ergriffen. Die drei Kinder des Ehepaars, ein achtjähriges Mädchen und zwei Zwillingsgeschwister im Alter von sechs Jahren, wurden vergangene Woche ihren Eltern weggenommen und in einem Heim untergebracht.
Lesen Sie auch
Kindesentzug in Italien: Viele haben Mitleid mit den Eltern
Als „schockiert und traumatisiert“ beschreibt der Brite Nathan T. (51) den Zustand seiner Kinder, die am vergangenen Donnerstag von den Carabinieri aus ihrem Zuhause in den Wäldern von Palmoli in den Abruzzen geholt und in ein betreutes Wohnheim in der Stadt Vasto gebracht wurden. Die Mutter der Kinder, die 47-jährige Australierin Catherine B., die lange als Reitlehrerin in Deutschland gearbeitet hat, durfte die Minderjährigen zwar begleiten, aber nicht im selben Apartment wie sie wohnen.

Der Fall spaltet Italien, genau genommen die Befürworter der „Wald-Familie“ und diejenigen, die ihren Lebensstil, insbesondere für die drei kleinen Kinder, als zu extrem ansehen. Mehr als 150.000 Menschen unterzeichneten online eine Petition zugunsten der anglo-australischen Familie, die sich 2019 in Palmoli, einem Dorf mit rund 800 Einwohnern niedergelassen hatte.
Das Elternpaar wird von den Behörden genau unter die Lupe genommen: Nach einem Leben in mehreren Staaten beschloss das Paar, das sich 2016 auf Bali kennengelernt hatte, sich 2019 in einer abgelegenen Gegend der Abruzzen niederzulassen. Sie erwarben für 20.000 Euro ein abgelegenes Bauernhäuschen in Palmoli, das sie renovierten. Die drei Kinder sind in Italien zur Welt gekommen. Dort lebten die Eltern und ihre Kinder mitten im Wald. Gekocht und geheizt wurde mit Holz. Das Trinkwasser kommt aus einer nahen Quelle. Zum Haushalt der Familie gehören ein Pferd und ein Esel, dazu Hunde, Katzen und Hühner.
Auch interessant
Behörden stellten „unzureichende Lebensbedingungen“ fest
Die Behörden wurden vor etwa einem Jahr auf die Familie aufmerksam. Wegen einer Pilzvergiftung mussten die Kinder ins Krankenhaus eingeliefert werden. Bei dem Rettungseinsatz kontrollierten die Behörden das Bauernhaus und stellten „unzureichende Lebensbedingungen“ für die Kinder fest. Sie beklagten, dass eine Toilette im Haus fehle und die hygienischen Verhältnisse unzumutbar seien. Die Kinder seien vom Kontakt zu Gleichaltrigen abgeschnitten. Die schulische Bildung sei lückenhaft, die Kinder und auch die Eltern sprächen schlecht Italienisch.
Der Anwalt der Familie, Giovanni Angelucci, hingegen argumentiert, die Kinder seien glücklich, gesund und sauber. Die Eltern hätten die notwendigen Genehmigungen für den häuslichen Unterricht in ihrer Muttersprache Englisch eingeholt; außerdem hätten die Kinder die entsprechenden Überprüfungstests des örtlichen Schulamts stets bestanden.

Streit um Entscheidung: Verletzte die italienische Justiz Grundrechte?
Der Fall ist inzwischen zum Politikum geworden. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zeigte sich „betroffen“ und „besorgt“. Justizminister Carlo Nordio hat die Akten beim Jugendgericht angefordert und entsandte Inspektoren, um prüfen zu lassen, ob der Kindesentzug rechtmäßig war. Italiens Vizepremier und Chef der rechten Regierungspartei Lega, Matteo Salvini, spricht sogar davon, dass die Kinder „auf unwürdige Weise entführt“ worden seien.
Seine Partei reichte eine Anfrage an die Europäische Kommission ein. „Wir fordern Brüssel auf, zu prüfen, ob die Entscheidung der italienischen Justiz eine Verletzung der Charta der Grundrechte der Europäischen Union darstellen könnte“, erläutert die EU-Parlamentarierin Ceccardi. Inzwischen sind bei der Jugendrichterin, die die Entfernung der Kinder angeordnet hatte, sogar Morddrohungen eingegangen. Vor dem Familienministerium in Rom ist für den 6. Dezember eine Solidaritätsdemonstration mit der anglo-australischen Familie geplant. Der Anwalt der Familie arbeitet an den Unterlagen für den Einspruch gegen den Richterbeschluss.
Lesen Sie auch: Therapeut klärt auf – Sätze wie diese sollten Kinder nicht hören müssen
„Das erste Ziel ist es, die Familie wieder zusammenzuführen, das zweite, sie nach Hause zu bringen“, so Angelucci gegenüber unserer Redaktion. Um dies zu erreichen, könnte es notwendig sein, die in der Gerichtsverfügung aufgetretenen Lücken zu schließen, von der schulischen Betreuung bis hin zu Maßnahmen wie der Installation eines Bades im Haus.








