- Hinter Erziehungssätzen wie „stell dich nicht so an“ steckt selten eine schlechte Absicht.
- Dennoch sollten Eltern sie bei ihren Kindern nicht unbedingt verwenden.
- Familientherapeutin Carina Thiemann erklärt, wann solche Sätze Kinder sogar diskriminieren.
Viele Familien geben nicht nur Omas Rezepte, Schmuck oder Opas Kriegserinnerungen an die nächste Generation weiter, sondern auch ihre vermeintlich erprobten Werte und Ratschläge für die Kindererziehung. Doch sollten Eltern ihren Kindern wirklich „einen Grund zum Heulen“ androhen? Die Familientherapeutin und Autorin Carina Thiemann erklärt in ihrem Ratgeber „Kindheit ohne Gepäck“, wie unbewusste Verhaltensmuster und Prägungen in einer Familie Kinder negativ beeinflussen können.
Im Gespräch mit unserer Redaktion kommentiert sie bekannte Erziehungssätze und erklärt, wie Kinder diese wahrnehmen könnten. Dabei macht sie deutlich: Was lange zu funktionieren schien, ist für Kinder nicht immer die beste Option. Zudem zeigt die Expertin deutlich bessere Alternativen auf.
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Erziehungssatz 1: „Stell dich nicht so an.“
Carina Thiemann: Ich möchte diesen Satz aus der Perspektive des Kindes erklären. Wenn es könnte, würde es sich anders verhalten. Daher gilt: Wenn sich Kinder auffällig benehmen, dann sollte Eltern auch etwas auffallen. Oft steckt dahinter Überforderung oder Angst. Doch um das zu achten, brauchen die Erwachsenen eine „OK“-Haltung gegenüber dem Kind, seiner Kommunikation und auch sich selbst gegenüber: „Dein Verhalten ist vielleicht gerade nicht OK, aber ich achte das, was dahintersteckt.“
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Je jünger die Kinder sind, desto mehr Zeit brauchen sie, um zu reifen und angemessenes Verhalten zu erlernen. In der kindlichen Welt hat es eine große Bedeutung, ob Gummistiefel an den Füßen stecken oder andere Schuhe. Wenn ich als Erwachsene Barfußschuhe tragen will und jemand zwingt mich, in Stöckelschuhen zu gehen, mache ich das auch nicht. So hat auch das Kind das Recht, manches selber zu entscheiden.

Erziehungssatz 2: „Ist doch nichts passiert.“
Thiemann: Es ist schon etwas passiert, denn das Kind ist gestürzt oder hat sich erschrocken. Vielleicht ist es am Ende wirklich nicht so dramatisch, doch das Kind empfindet das für einen Moment womöglich so. Wenn wir das unterdrücken und ihm das absprechen, verschlimmern wir die Situation. Eigentlich widerspricht der Satz auch der Intention der Eltern: Wir wollen das Kind gut aus dem Schreck herausführen.
Das funktioniert besser, wenn wir dem Schreck kurz Raum geben und sagen: „Boah, jetzt bist du hingefallen. Hast du dich erschrocken? Sollen wir mal nachschauen, ob noch etwas passiert ist?“. Es ist legitim, auch als Eltern Bedürfnisse zu haben und nicht zu wollen, dass die Kinder ständig schreien und unzufrieden sind. Wenn wir dem kindlichen Empfinden einen Kurzrahmen geben, geht es von alleine und die Situation löst sich schneller auf.
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Erziehungssatz 3: „In unserer Familie macht man das nicht.“
Thiemann: Zu „unserer Familie“ gehört jedes einzelne Familienmitglied, mit allem, was es mitbringt. Das zählt für Erwachsene genau wie für Kinder. Jeder sollte das Recht haben, die Familie mitzuprägen und sein Temperament, seine Ideen und seine Vorstellungen mit einzubringen. Jeder wird gleich gehört. „Wenn der Kuchen spricht, haben die Krümel Pause“, ist ein bekannter Satz, der ebenfalls das Gegenteil vermittelt und adultistisch ist.
Erziehungssatz 4: „Ich gebe dir gleich einen Grund zum Heulen.“
Thiemann: Wenn ich das als Elternteil sage, ist die Intention sicherlich, dass das Kind lernt, in einer harten Welt zu bestehen. Aber die Frage ist nicht, wie wir unsere Kinder für eine harte Welt stärken, sondern wie wir unsere Welt für unsere Kinder weich machen. Das erfordert ein Umdenken: Wir haben die Chance, dieses harte Kalte im Umgang mit Kindern und anderen Erwachsenen zu beenden und es mit Wärme und Milde zu ersetzen.
Das ist mutig, weil wir damit neue Paradigmen etablieren. Aber für mich ist es auch alternativlos, denn ich will nicht in einer kalten, harten Welt leben. Eine Veränderung kann im Kleinen beginnen und sich dann erstrecken: Eine Familie mit mildem Herzen prägt die Kita, diese prägt andere Kitas, die tragen es in die Gemeinde oder die Nachbarschaft weiter. So entsteht ein großes Netz, und nach und nach fluten wir die Welt mit milden Herzen.
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Erziehungssatz 5: „Uns hat es doch auch nicht geschadet.“
Thiemann: Dieser Satz ist das Abbild von Tapferkeit und hat auf seine Art einen wahren Kern. Dennoch denke ich, dass wir uns nicht wegen der uns zugefügten Traumata und Verwundungen entwickelt haben, sondern trotz ihnen. Wenn wir uns die Zahlen zu mentalen Problemen und zu Suiziden anschauen, wird das krasse Gepäck deutlich, das wir mit uns tragen. Diese gesellschaftlichen Themen zeigen: Doch, es hat schon geschadet.
Es geht aber nicht darum, den Großeltern, den Eltern oder jemand anderem jetzt die Schuld zu geben. Vielmehr geht es darum, jetzt Verantwortung zu übernehmen. Wir dürfen dankbar sein, wir dürfen unsere Eltern lieben und achten und es gleichzeitig anders machen und aus ihren Fehlern lernen. Diese Gleichzeitigkeit sollte immer präsent sein.





