„Warum wollen Sie Oberbürgermeisterin von Wuppertal werden?“

„Weil ich in den letzten fünf Jahren gemerkt habe, dass ich etwas bewegen kann.“

Es ist ein warmer Augustnachmittag. Dagmar Liste-Frinker sitzt auf einer Wiese im Kleingartenverein Böherfeld zwischen Apfelbäumen. In einer Kleingartensiedlung ist sie aufgewachsen, sagt sie. Hier habe sie gelernt, dass man zusammenhalten muss, wenn es darauf ankommt. Jetzt will die 63-Jährige Wuppertals neue Oberbürgermeisterin werden – obwohl sie erst seit fünf Jahren im Stadtrat sitzt.

„Ich habe jetzt ein Alter erreicht, wo ich weiß, was ich will“, sagt Liste-Frinker. „Ich muss mich nicht mehr beweisen.“

Liveticker zur Kommunalwahl in Wuppertal

In unserem Liveticker zur Kommunalwahl in Wuppertal findest du am Sonntag (14. September) alle Entwicklungen des Wahltages – und ab 18 Uhr alle aktuellen Ergebnisse.

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Eigentlich könnte sie jetzt die Füße hochlegen. Mit 63 Jahren, kurz vor der Rente, zwei erwachsene Töchter, ein erfülltes Ehrenamt als Bürgermeisterin. Warum dann noch dieser Kraftakt bei der Kommunalwahl in Wuppertal? „Weil es Spaß macht und was bringt“, antwortet sie ohne zu zögern. „Es macht einfach Spaß, mit Menschen zu kommunizieren, Geschichten von Menschen zu hören.“

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Wie Dagmar Liste-Frinker in die Wuppertaler Politik gekommen ist

Politik macht Dagmar Liste-Frinker „eigentlich immer schon“. Ihr Vater war ein alter SPDler, der seine Tochter schon als Kind ernst nahm, wenn sie Fragen stellte. Aber richtig aktiv wurde sie erst durch eine Bürgerinitiative – für die Wuppertalerin gilt: Probleme nicht beklagen, sondern anpacken.

Wo sie wohnte, sollte die ganze Straße gleichzeitig aufgerissen werden, damit ein Kanal gelegt werden kann. „Nun hatten wir da alte Fachwerkhäuser und alte Leute“, sagt Liste-Frinker. „Was passiert, wenn es brennt oder jemand einen Herzinfarkt hat? Wir können ja keine Eimerkette machen wie bei unserer kleinen Farm.“

Dagmar Liste-Frinker hält ihre Hand in Richtung eines Apfels auf einer Obstbaumwiese im Kleingartenverein Böhlerfeld in Wuppertal.
Dagmar Liste-Frinker ist gerne in der Natur, dafür soll nach der Wahl wieder mehr Zeit sein. Am liebsten mit einem Hund.© Niklas Berkel

Nach der Wahl habe sich nur noch ein Politiker für das Problem interessiert: Peter Vorsteher von den Grünen, heutiger Vorsitzender der Tafeln in NRW. „So wurde er mein Mentor“, erzählt Liste-Frinker – und führte sie zu den Grünen.

Liste-Frinker will als Politikerin anders sein als andere. Sie schreit nicht, sie unterbricht nicht. „In Wuppertal geht die Umgangskultur verloren“, kritisiert sie. „Man fällt sich ins Wort und ist laut.“

Als Wuppertals Oberbürgermeisterin will sie eine „Uhrmacherin“ sein

Sie will mit ihrer Art dagegenhalten: „Ich will Ruhe reinbringen.“ Als Oberbürgermeisterin will sie „Menschen zusammenbringen“. Nicht mit großen Worte, sondern kleinen Schritten.

Dagmar Liste-Frinker sieht sich selbst als „Uhrmacherin“:

  • „Als Oberbürgermeisterin kann man die kleinen Schrauben so einsetzen, dass sie sich bewegen. Und letztendlich sind die kleinen Schrauben das, was das große Ganze in Bewegung setzt.“

Ein Satz, der zum Kern ihrer politischen Philosophie führt. Liste-Frinker setzt auf Ausgleich statt Konfrontation, auf Vernetzung statt Abgrenzung.

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Zwischen grünen Idealen und der harten Realität

Die politische Realität in Wuppertal ist hart: Die Stadt steuert auf die Haushaltssicherung zu. Mit dem nächsten Haushalt wird es soweit sein, sagt Liste-Frinker. Dann müssen Gelder gekürzt werden – auch im sozialen und kulturellen Bereich. „Das wird dem einen oder anderen auch wehtun müssen“, sagt sie ehrlich. „Vielleicht jagen mich die Wuppertaler nach fünf Jahren zum Teufel. Das kann durchaus passieren.“

Im Programm will Liste-Frinker deshalb zwar mit idealen Visionen, aber auch Pragmatismus glänzen:

  • In ihrem Wahlprogramm fordern die Grünen ‚kostenlose Schulmaterialien für alle‘: „Das wäre schön. Ob das umsetzbar ist, muss man sehen. Es wäre zumindest ein Ziel.“
  • Wuppertal klimaneutral bis 2035? „Das wird ein dickes Brett.“
  • Keine neuen Gewerbeflächen im Außenbereich? „Man muss abwägen: Was macht Sinn und was nicht? Ich glaube, dass ich so viel Intelligenz mitbringe, diese Abwägungen dann auch wirklich gut zu treffen.“
  • 10-Minuten-Takt für den ÖPNV? „So pauschal ist das natürlich schön dahingesagt. Es gibt Buslinien, da braucht es diese Taktung nicht. Gleichzeitig gibt es Linien, die könnten diese Taktung wirklich sehr gut gebrauchen.“

„Als Oberbürgermeisterin muss man Wuppertal im Blick haben“, sagt sie über mögliche Kompromisse. „Man muss auch mal eine Kröte schlucken.“

Was sie für Wuppertal will

Wuppertal kennt Liste-Frinker wie ihre Westentasche – dachte sie zumindest. Geboren in Unterbarmen, gewohnt in Wichlinghausen, Vohwinkel, wieder Unterbarmen, dann Elberfeld, schließlich „langsam auf die Höhen gekrochen“ nach Cronenberg. Als Bürgermeisterin entdeckte sie in den vergangenen fünf Jahren trotzdem immer neue Facetten. „Da bekommt man plötzlich Ecken mit, wo man denkt: Hey, das ist auch Wuppertal!“

Was sie an ihrer Stadt liebt? „Sie ist vielfältig, hat Macken. Sie ist nicht rund. Sie ist einfach eckig und kantig, liebenswert und vielfältig. Und wenn es darauf ankommt, stehen die Wuppertaler zusammen – auch wenn sie gerne moppern und erst mal gegen alles sind.“

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Ihren absoluten Lieblingsort in Wuppertal verrät sie übrigens nicht. „Dann treffe ich ja da ganz viele Leute. Ich möchte an meinem Lieblingsort gerne für mich sein.“ Denn bei aller Leidenschaft für Menschen und Politik: Dagmar Liste-Frinker möchte auch Ruhe. Zum Stricken. Zum Lesen. Für Spaziergänge im Burgholz, am liebsten mit einem Hund – der nächste soll nach dem Wahlkampf kommen.

Es ist das Menschliche, das sie auszeichnen soll. Die Ehrlichkeit, mit der sie sagt: „Ich bezeichne mich nicht als diejenige, die die Weisheit morgens mit Löffeln isst.“ Aber sie kann zuhören, sagt sie. Menschen wertschätzen. Und sie will die kleinen Schrauben bewegen, die das große Ganze in Gang setzen.