Fast 13.000 Arbeitslose, immer weniger Ausbildungsplätze und Hunderte junge Menschen ohne berufliche Perspektive: Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ist die Entwicklung auf dem Hagener Ausbildungsmarkt ein unübersehbares Warnsignal. „Bei jetzt schon fast 13.000 Arbeitslosen in Hagen ist ein weiterer Abbau von Ausbildungsplätzen eine denkbar schlechte Perspektive für die junge Generation“, sagt der Hagener DGB-Vorsitzende Adrian Joseph.

Besonders alarmierend sei, dass die Betriebe ihr Ausbildungsangebot ausgerechnet in einer Stadt zurückführen würden, die dringend neue berufliche Chancen benötige. Wer heute nicht ausbilde, verschärfe zudem den Fachkräftemangel von morgen, warnt Joseph. Ausbildung sei „keine freiwillige Sozialleistung, sondern eine Investition in die Zukunft unserer Region“.

Bei jetzt schon fast 13.000 Arbeitslosen in Hagen ist ein weiterer Abbau von Ausbildungsplätzen eine denkbar schlechte Perspektive für die junge Generation.

Adrian Joseph, DGB-Vorsitzender in Hagen

Die Zahlen der Agentur für Arbeit geben der Sorge des DGB Gewicht. Im Juni waren in Hagen 1123 betriebliche Ausbildungsplätze gemeldet. Das waren sieben Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Im Vergleich zu 2024 sank das Angebot sogar um 287 Stellen – ein Rückgang von rund 20 Prozent innerhalb von nur zwei Jahren.

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Die Zahl der Ausbildungsplätze sank in Hagen in den vergangenen zwei Jahren um 20 Prozent. © dpa | Sebastian Kahnert

Gleichzeitig suchten 1557 junge Menschen nach einem Ausbildungsplatz. Noch vor zwei Jahren hätten sich die Zahlen der Bewerberinnen und Bewerber sowie der gemeldeten Stellen nahezu die Waage gehalten, erklärt der DGB. Inzwischen übersteige die Zahl der Ausbildungssuchenden das Angebot deutlich. Für viele Jugendliche bedeute das, dass sie von Beginn an erheblich schlechtere Chancen hätten.

Mehr als 700 Jugendliche ohne Stelle

Nach Angaben der Arbeitsagentur waren zuletzt 705 Bewerberinnen und Bewerber unversorgt. Das waren drei Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig blieben 410 Ausbildungsplätze unbesetzt. Dass auf beiden Seiten Hunderte ohne Abschluss dastünden, sei nach Einschätzung des DGB kein Beleg für eine angeblich „unwillige Jugend“. Vielmehr plane das Ausbildungssystem an vielen jungen Menschen vorbei.

Die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt

Die Hagener Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt steht nicht für sich allein. Der Berufsbildungsbericht 2026 zeichnet für Deutschland ein ähnliches, wenn auch regional unterschiedlich ausgeprägtes Bild: Im Jahr 2025 wurden bundesweit rund 476.000 neue Ausbildungsverträge geschlossen – 10.300 oder 2,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Das gesamte Ausbildungsangebot sank sogar um 4,6 Prozent; die Betriebe stellten rund 27.000 Plätze weniger bereit. Gleichzeitig erreichte die Zahl der vollständig unversorgten Bewerberinnen und Bewerber mit knapp 40.000 einen neuen Höchststand innerhalb der seit 2009 geführten Zeitreihe.

Für 2026 prognostiziert der Bericht einen weiteren Rückgang. Das Bundesinstitut für Berufsbildung rechnet in seiner Punktschätzung mit etwa 526.100 angebotenen Ausbildungsplätzen – rund 4200 weniger als 2025 – und nur noch etwa 468.000 neuen Verträgen. Zugleich könnten sowohl die Zahl der unversorgten Jugendlichen als auch die der unbesetzten Stellen steigen.

Es gebe keine einfache Nachfragelücke, sondern ein massives Passungsproblem: Jugendliche suchten Ausbildungsplätze, während Betriebe Nachwuchs suchten – dennoch kämen beide Seiten nicht zusammen. Die Gründe dafür lägen nach Ansicht der Gewerkschaften nicht allein bei fehlender Berufsorientierung oder unpassenden Berufswünschen. Auch die Anforderungen vieler Unternehmen seien zu eng.

„Was wir brauchen, sind Arbeitgeber, die wirklich ausbilden wollen – und keine, die fertige Fachkräfte direkt aus der Schule erwarten“, sagt Julia Busbach, Vorsitzende des Regionsjugendausschusses des DGB Ruhr-Mark. Junge Menschen starteten heute mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in das Berufsleben. Gerade angesichts des künftigen Fachkräftemangels müssten Betriebe ihnen jedoch eine Chance geben, „auch wenn sie nicht zu 100 Prozent auf die Stellenanforderungen passen“.

Ausbildungsreport
In Hagen waren nach Angaben der Arbeitsagentur zuletzt 705 Bewerber unversorgt. Das waren drei Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig blieben 410 Ausbildungsplätze unbesetzt.© DPA Images | Sebastian Kahnert

Ausbildung wird zum Sparposten

Der DGB befürchtet, dass Ausbildungsplätze in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zunehmend als Sparposten behandelt würden. Betriebe reduzierten ihr Angebot häufig zuerst beim Nachwuchs – obwohl sie gerade dann in die Fachkräfte von morgen investieren müssten.

Hinzu komme, dass Unternehmen teilweise Bewerberinnen und Bewerber erwarteten, die schon beim Ausbildungsstart möglichst alle Anforderungen erfüllten. Jugendliche mit schwächeren Schulabschlüssen, Sprachbarrieren oder zusätzlichem Unterstützungsbedarf würden dadurch zu früh aussortiert. Damit werde gerade jenen jungen Menschen der Zugang zum Berufsleben erschwert, die besonders auf eine betriebliche Chance angewiesen seien.

Was wir brauchen, sind Arbeitgeber, die wirklich ausbilden wollen – und keine, die fertige Fachkräfte direkt aus der Schule erwarten.

Julia Busbach, Vorsitzende des Regionsjugendausschusses des DGB Ruhr-Mark

Doch auch die Qualität der angebotenen Stellen spiele eine Rolle. Ausbildungsbedingungen, Vergütung, Betreuung und spätere Übernahmechancen beeinflussten die Entscheidung der Jugendlichen. Wenn trotz zahlreicher Bewerbungen 410 Stellen unbesetzt blieben, müsse deshalb auch gefragt werden, wie attraktiv und verlässlich die jeweiligen Angebote seien. Ferner erreiche die Berufsorientierung nach Auffassung des DGB nicht alle Schülerinnen und Schüler früh genug. Vermittlung und Unterstützung müssten gezielter auf die einzelnen Jugendlichen sowie auf die Anforderungen der Betriebe zugeschnitten werden.

Mehr als ein Problem des Ausbildungsmarktes

Für Hagen geht es dabei um weit mehr als den Start des neuen Ausbildungsjahres. Wenn Jugendliche dauerhaft keinen Zugang zu einem Beruf fänden, drohten Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und fehlende Zukunftsperspektiven. In einer Stadt mit bereits hoher Arbeitslosigkeit könnte der Rückgang der Ausbildungsplätze bestehende soziale Probleme weiter verschärfen.

Zugleich riskierten die Unternehmen, ihren eigenen Fachkräftenachwuchs zu verlieren. Der DGB sieht darin einen gefährlichen Widerspruch: Betriebe beklagten einen Mangel an qualifizierten Beschäftigten, seien aber zu selten bereit, junge Menschen selbst auszubilden und während ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Die Gewerkschaften fordern deshalb eine gesetzliche Ausbildungsgarantie, verbindliche Ausbildungsquoten und eine solidarische Umlagefinanzierung. Betriebe, die nicht oder nur wenig ausbildeten, würden dabei an der Finanzierung zusätzlicher Ausbildungsangebote beteiligt. Außerdem müssten verbindliche Qualitätsstandards, eine stärkere Berufsorientierung und überbetriebliche Ausbildungsangebote in strukturschwachen Regionen geschaffen werden.

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Die Gewerkschaften selbst wollten Auszubildende unter anderem bei Konflikten im Betrieb, Prüfungen, Übernahmefragen und Problemen mit der Ausbildungsqualität unterstützen. Sie verstünden sich dabei nicht nur als Interessenvertretung, sondern auch als Sozialpartner der Unternehmen, sagt Joseph: „Dazu gehört es auch, die Betriebe immer wieder an ihre Verantwortung zu erinnern.“

Seine Warnung richtet sich an Wirtschaft und Politik gleichermaßen. Wer ausschließlich nach Idealbewerberinnen und Idealbewerbern suche, vergebe Chancen. Ohne einen Kurswechsel könnten in Hagen immer mehr Jugendliche den Anschluss verlieren – während den Unternehmen wenige Jahre später genau jene Fachkräfte fehlten, die sie heute nicht ausgebildet hätten.