Es gibt Momente in Talkshows, in denen die politische Debatte plötzlich verblasst. Bei „Maischberger“ gehört dieser Moment am Dienstagabend Gisèle Pelicot.

Zunächst aber geht es um Krieg. Der israelisch-amerikanische Angriff auf Iran bestimmt den Auftakt der Sendung. Sahra Wagenknecht, Gründerin des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW), und Bijan Djir-Sarai, ehemaliger Generalsekretär der FDP, liefern sich ein erwartbares, aber scharf geführtes Duell über Sinn und Folgen militärischer Intervention.

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Wagenknecht lässt keinen Zweifel an ihrer Haltung. „Die Naivität, wieder dieser Lüge auf den Leim zu gehen, dass man Demokratie und Freiheit herbeibomben kann“, sagt sie – und verweist auf Afghanistan, Irak und Libyen. „Was danach kam, war in der Regel noch übler.“ Besonders US-Präsident Donald Trump greift sie an. Der Angriff sei „ein so unverantwortliches Verbrechen“, sagt sie. Trump gehe es darum, „das letzte Regime, das sich nicht den amerikanischen Interessen unterwirft, beiseitezuräumen“.

Djir-Sarai widerspricht. Die Bilder feiernder Menschen nach dem Tod des iranischen Revolutionsführers seien „authentisch und echt“, sagt er. Trauerbilder dagegen seien inszeniert. Zwar räumt auch er ein: „Sie haben in einem Punkt recht: Man kann Frieden nicht herbeibomben.“ 

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Doch Iran unterscheide sich von anderen Ländern der Region. Die junge Generation wolle nicht mehr unter der Herrschaft der Islamisten leben. „Die wollen die Werte, die wir auch in Europa haben“, sagt Djir-Sarai. Die Iraner seien nicht naiv – sie wüssten, dass geopolitische Interessen eine Rolle spielen.

Beide eint zumindest ein Punkt: der Wunsch nach einem Ende des Mullah-Regimes. Doch der Weg dahin trennt sie deutlich. Wagenknecht warnt vor einem Flächenbrand: „Ich habe große Angst, dass auch der Irankrieg sich ausweitet.“

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Gisèle Pelicot: „Ich bin keine Ikone“ 

Dann folgt ein Bruch im Ton der Sendung. „Ein harter Schnitt“, sagt Moderatorin Sandra Maischberger selbst – und trifft damit die Stimmung im Studio. Denn mit Gisèle Pelicot betritt eine Frau die Bühne, deren Geschichte jede politische Debatte überragt.

Mit warmem Applaus wird die Französin begrüßt. Pelicot wurde weltbekannt, weil ihr damaliger Ehemann sie über Jahre hinweg mit Medikamenten betäubte und fremden Männern zur Vergewaltigung überließ. 2024 wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Maischberger fragt, ob sie sich als Ikone sehe. Pelicot lehnt ab. „Das Wort Ikone passt nicht zu mir“, sagt sie. Eine Historikerin habe sie einmal anders beschrieben: „eine Aufrüttlerin“. Das treffe es eher – jemand, der erzählt, „was passiert ist, und damit das Bewusstsein weckt“.

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Polizeifotos und Schock: „Was ich dann gesehen habe, hat mein Leben zerstört“

Die Geschichte, die folgt, ist schwer auszuhalten. Pelicot erinnert sich an den Moment, als sie auf einer Polizeistation erstmals Bilder sah. „Was ich dann gesehen habe, hat mein Leben zerstört“, sagt sie. Auf den Fotos liegt eine bewusstlose Frau auf einem Bett, „schlaff, wie eine Stoffpuppe“. Neben ihr Männer, die sie nicht kennt. „Ich erkannte sie nicht wieder“, sagt Pelicot. Erst später begreift sie: Diese Frau ist sie selbst.

Die Ermittler sichern 20.000 Fotos und Videos. Bis zu 80 Täter stehen im Raum, rund 200 mutmaßliche Vergewaltigungen. „Es war extreme Gewalt“, sagt Pelicot. „Ich würde sogar sagen Barbarei.“

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Warum sie den Prozess öffentlich machte

Dass sie den Prozess öffentlich führen ließ, war eine bewusste Entscheidung. „Ganz am Anfang wollte ich im Erdboden versinken“, sagt sie. Drei Jahre habe es gedauert, bis sie ihr Leben wieder in den Griff bekam. Dann beschloss sie, nicht länger zu schweigen. „Ich wollte beweisen, dass das Opfer keine Verantwortung trägt.“

Ihr Satz wird zu einem Leitmotiv der Sendung: „Die Scham muss die Seite wechseln.“

Vier Monate lang sitzt sie im Gerichtssaal – gegenüber 51 Angeklagten und deren Anwälten. „Sie kannten mich. Sie waren zu mir nach Hause gekommen. Aber ich kannte sie nicht“, sagt sie. Viele der Männer hätten versucht, ihre Taten kleinzureden. Einer habe erklärt: „Ich habe ihr keine Gewalt angetan, ich war sogar zärtlich.“ Ein anderer: „Ich habe sie aus Versehen vergewaltigt.“ Noch ein anderer: „Ich bin kein Vergewaltiger, aber wenn ich jemanden vergewaltigt hätte, dann wäre es keine 57-jährige Frau gewesen, sondern eine schöne Frau.“

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„Ein Prozess gegen die Feigheit“ – gegen 51 Angeklagte

Pelicot beschreibt den Prozess als „einen Prozess gegen die Feigheit und gegen das Leugnen“. Der Einzige, der die Taten gestand, sei ihr Ex-Mann gewesen.

Im Studio bleibt sie dabei bemerkenswert gefasst. Ruhig, kontrolliert, freundlich, aber bestimmt erzählt sie von Jahren der Manipulation, von Gedächtnislücken, von Ärzten, die zunächst andere Diagnosen stellten. Erst später wird klar: Sie hatte vier sexuell übertragbare Krankheiten. 

„Und sie hatten großes Glück. Wir wissen heute: Einer der Vergewaltiger war HIV-positiv und keiner trug ein Kondom“, sagt Maischberger. „Ja, absolut, Herr Pelicot bestand darauf, dass keine Kondome benutzt worden. Er hat mein Leben aufs Spiel gesetzt. Es läuft mir eiskalt den Rücken runter“, antwortet Pelicot. Immer wenn sie von ihrem Ex-Mann redet, nennt sie ihn „Herr Pelicot“.

„Heute erlaube ich mir, glücklich zu sein“ 

Der einzige Moment, in dem ihre Stimme bricht, kommt, als sie ihre Tochter im Einspielfilm sieht. „Ich bin sehr stolz auf sie“, sagt Pelicot. Die Tochter habe einen Verein gegen chemische Unterwerfung gegründet.

Mittlerweile hat Pelicot ein Buch geschrieben – und einen neuen Partner gefunden. „Die Lebensfreude ist Teil meiner DNA“, sagt sie. „Heute erlaube ich mir, glücklich zu sein.“ Das Publikum steht auf. Standing Ovations sind in Talkshows selten. An diesem Abend wirken sie nicht wie eine Geste, sondern wie eine stille Anerkennung für eine Frau, die sich entschieden hat, nicht mehr zu schweigen.