Was Dominique Pelicot seiner Frau angetan hat, ist an Grauen kaum zu überbieten: Über Jahre hinweg betäubte der Franzose sie regelmäßig, um sie zu vergewaltigen – und um sie vergewaltigen zu lassen. So bot er ihren willenlosen Körper anderen Männern an, die sich wiederum einen Dreck darum scherten, was sie der Frau antun.
Wie groß das Entsetzen gewesen sein muss, als Gisèle Pelicot erfuhr, dass sie Opfer eines kaum zu überbietenden Missbrauchs wurde, ist kaum vorstellbar. Weil es so brutal, so perfide ist, wie Dominique Pelicot das Urvertrauen seiner Frau ausnutzte und sie zu einem willenlosen Objekt machte, steht natürlich die Frage im Raum: Wie konnte das passieren? Und Gisèle Pelicot wird sie sich auch selbst gestellt haben: Wie konnte mir das passieren?
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Ob Interviews oder Memoiren: Gisèle Pelicot zeigt der Öffentlichkeit ihr Gesicht
Diese Frage ist es, die Opfer aus Scham in die Defensive treibt. Gisèle Pelicot tut das Gegenteil: Sie geht mit offenem Visier an die Öffentlichkeit, stellt sich Kamerateams und Fotografen. Sie schreibt ihre Memoiren, gibt Interviews.

Mit ihrem von Falten durchzogenen Gesicht und ihrem klaren Blick ist sie längst zur Ikone geworden für alle Menschen, die Opfer wurden von Missbrauch. Deren Vertrauen brutal ausgenutzt wurde, die Angst haben vor Tätern, ob es Väter sind, Ehemänner oder Zufallsbekannte. „Seht her“, drückt dieses Gesicht aus. „Ich bin Opfer eines schweren Verbrechens. Es ist mein Körper, der missbraucht wurde. Mein Vertrauen, das verraten wurde. Und das ist nichts, wofür ich mich schämen muss.“
Mit ihrer Haltung nimmt Gisèle Pelicot der Scham ihre Macht – und gibt sie den Tätern zurück. Damit macht sie all jenen Mut, die sich verstecken, obwohl ihnen Unrecht widerfahren ist. Was für ein Vorbild!



