Sandra Maischberger startet an diesem Dienstagabend sportlich – und landet mitten in der großen Politik. Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), inzwischen Präsidentin der UN-Generalversammlung und frühere Bundesaußenministerin, soll eine Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees, IOC, einordnen: Der ukrainische Skeletonfahrer Wladyslaw Heraskewytsch wird disqualifiziert, weil er auf seinem Helm an im Ukraine-Krieg getötete Sportlerinnen und Sportler erinnert.
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„Wahnsinnig schwierig“ – Annalena Baerbock weicht diplomatisch aus
Baerbock weicht aus: „Wahnsinnig schwierig zu sagen“, sie kenne die IOC-Regeln im Detail nicht, „ich wäre mehr dafür, dass man sich an die Regeln hält.“ Die Moderatorin hakt nach, erinnert an den Kontext des russischen Angriffskrieges – doch Baerbock bleibt bei der Formel vom Regelwerk.
„Eine Welt ohne Regeln“, warnt sie, rutsche in „Anarchie“; das Gewaltverbot sei „die wichtigste Regel“. Also erklärt sie die UN-Charta, die Logik von Mehrheiten. In diesen Momenten zeigt sich, wie sehr die einstige Außenministerin ihre neue Rolle verinnerlicht hat. 193 Staaten, komplizierte Mehrheiten – Baerbock erklärt die Vereinten Nationen ein ums andere Mal als System, das nur mit gemeinsamen Normen funktioniert.
„Wir rutschen auf eine absolut gefährliche Bahn“, warnt sie mit Blick auf die Enthaltung der USA bei der Ukraine-Resolution, die eine „komplette und bedingungslose Waffenruhe“ fordert. Doch je häufiger sie auf Regeln pocht, desto sichtbarer wird das Problem des Abends: Wer so sehr auf Normen setzt, sollte sich bei den Fakten nicht vertun.
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Der Grönland-Moment: Wenn der Faktenanspruch auf die Realität trifft
Das lehrreichste Beispiel liefert sie selbst. „Fakten und die Wahrheit auszusprechen, sei jede Mühe wert“, sagt Baerbock, als sie den Streit um Donald Trumps Grönland-Pläne als Beleg dafür anführt, wie wichtig klare Worte seien. Sie erzählt, sie habe frühzeitig klarstellen müssen: „Stopp mal, aber Grönland ist auch EU-Gebiet“, sogar CEOs in Davos hätten sie gefragt, „warum ist denn jetzt Europa Grönland so wichtig?“
Maischberger schaut skeptisch und korrigiert trocken: „Ich glaube, Grönland ist nicht EU-Gebiet. Dänemark ja, aber Grönland hat dagegen optioniert.“ Baerbock versucht, „in die Tiefe“ zu gehen, verweist darauf, Grönländer seien EU-Staatsbürger und damit verlaufe dort die EU-Außengrenze. Es ist der Moment, in dem sich ihre Botschaft gegen sie selbst richtet. Denn Grönland zählt zu den Überseegebieten und gehört ausdrücklich nicht zum Hoheitsgebiet der EU. Die Moderatorin fasst zusammen: „Fakten, immer kompliziert.“
Gerade weil Baerbock kurz zuvor gefordert hat, man müsse „Fakten klar aussprechen“, wirkt dieser Fehlgriff größer als ein Versprecher. Hier zeigt sich eine Schwäche, die sich durch den Abend zieht: Der Wille zur eindeutigen moralischen Botschaft ist stärker als die Sorgfalt im Detail.
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Maischberger hakt nach: „Welchen Krieg haben die UN beendet?“
Wenn Baerbock über die Vereinten Nationen spricht, gewinnt die Sendung an Substanz. Die Präsidentin der UN-Generalversammlung beschreibt die Enthaltung der USA bei der Ukraine-Resolution als Signal, dass „die Lage noch komplexer und frustrierender“ geworden sei. Sie verweist darauf, dass die amerikanische Delegation zentrale Passagen zu einem „dauerhaften, gerechten Frieden“ und zur Wahrung der UN-Charta „bewusst streichen“ wollte – und erst als das scheiterte, habe sie sich enthalten.

Maischberger fragt hartnäckig: „Welchen Krieg haben die UN zuletzt beendet?“ Baerbock kontert, der Sicherheitsrat sei durch Vetos blockiert, wer alles „kaputtmache“ und dann sage, das System funktioniere nicht, trage selbst Verantwortung. Ihre Grundthese an diesem Abend lautet: Ohne Regeln und Imperfektion der UN wäre die Alternative eine „Welt der Regellosigkeit“. Das ist analytisch plausibel, bleibt in der Sendung aber abstrakt – konkrete Reformideen über das bekannte „Wir sind mitten in einem Prozess“ hinaus bleiben diffus.
Interessant ist, dass sie den Blick auch auf die journalistische Brille lenkt. Die Mehrheit der Staaten, die die Resolution unterstützt habe, sei unterberichtet, findet Baerbock. Man müsse nicht nur berichten, „was nicht gut läuft“, sondern auch die Staaten zeigen, „die diese Welt in Frieden halten wollen“. Das ist ein berechtigter Hinweis – und gleichzeitig die Verteidigung einer Institution, deren Ohnmacht der Abend immer wieder sichtbar macht.
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Alice Schwarzer wirft Baerbock Symbolpolitik vor bei der feministischen Außenpolitik
Das Gespräch gewinnt an Schärfe, als Maischberger den Vorwurf von Feministin Alice Schwarzer einspielt, Baerbock sei „eine Meisterin der Worte und weniger der Taten“ gewesen und habe mit ihrer feministischen Außenpolitik „in der Sache total versagt“. Baerbock antwortet mit einem Zitat aus der Außenpolitik-Tradition: „Außenpolitik ist manchmal die Wahl zwischen Pest und Cholera.“
Die Ex-Ministerin verweist auf Aufnahmeprogramme für Afghanistan und ihre Gespräche über Menschenrechte im Iran, räumt aber zugleich ein: „Natürlich können wir nicht alle Frauen in Afghanistan retten. Aber wenn ich hundert Menschenleben rette – oder da waren es Zehntausende – war es jede Mühe für mich wert.“
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Annalena Baerbock: „Ich will die Welt zum Besseren verändern“
Maischberger setzt einen Kontrapunkt: „Oder man weckt weniger Erwartungen. Das wäre ja noch ’ne Möglichkeit.“ Baerbock lässt das nicht stehen: „Ja, aber mein Anspruch war immer: Ich will die Welt zum Besseren verändern.“ Hier wird deutlich, woran sich die Kritik entzündet: an einem hohen moralischen Anspruch, der im Alltag der Machtpolitik auf harte Grenzen trifft – und in der Sendung nur selten selbstkritisch durchdekliniert wird.
Zwischendurch blitzen jene kleinen Szenen auf, die sie an die Grenzen des Diplomatinnen-Modus bringen. Als es um die Trauung von Cem Özdemir durch Boris Palmer geht, fragt Baerbock spontan: „Darf der das?“ Maischberger erklärt: Palmer „ist Bürgermeister. Er darf.“ Und als ein Foto eingeblendet wird, stichelt Baerbock: „Warum ist das in Schwarz-Weiß? Das ist doch keine Beerdigung.“ Man merkt: Diese Sendung lebt dann am meisten, wenn sie kurz aus dem Regelwerk herausfällt.






