Feminismus-Ikone Peaches bringt es auf den Punkt: „Vor 20 Jahren wären die Menschen über das, was sie hier sehen, wohl weniger schockiert gewesen.“ Ihr Werk „Fleshie Fountain“ gehört zu den wohl spektakulärsten der insgesamt 400 Objekte, die das NRW-Forum in seiner neuen Ausstellung „Sex Now“ zeigt: Mehrere überdimensionierte und ineinander verschlungene Sextoys aus Silikon befriedigen sich in dem raumfüllenden Brunnen selbst, für Peaches eine Auflehnung gegen das Patriarchat. Ihr Wunsch: „Es wäre schön, wenn Sexualität nicht politisch wäre und sich jeder mit seinen Wünschen, Sehnsüchten und seinem Körper wohlfühlen würde“, sagt die Streiterin der Sex-Positivity.
Für Alain Bieber, der das NRW-Forum nach dieser Ausstellung als künstlerischer Leiter verlässt, kommt die Schau genau zur richtigen Zeit. Der Titel „Sex now“ ist nicht von ungefähr gewählt. Auch in westlichen Ländern erfahre die sexuelle Aufklärung einen konservativen Rückschlag. Zu oft hafte dem Thema wieder eine neue Scham an, die nach 68er-Bewegung, Beate Uhse, Playboy und #MeToo doch eigentlich der Vergangenheit angehören sollte.

Wie sehr das Thema polarisiert, merkte das Kunstforum schon im Vorfeld der Ausstellung: Noch nie sei das Team mit so viel Reaktionen konfrontiert worden, sogar Hassbriefe gingen ein. Ekelerregend sei das, was die kleine Schwester des Kunstpalastes sich da erlaube, befanden einige. „Dabei geht uns das Thema alle an, ohne Sex wären wir schließlich alle nicht hier“, bricht es die kuratorische Assistenz Judith Winterhager herunter. Auf Kritik und Diskussionen sei das Team eingestellt, „wir wollen ja über die Kunst mit den Menschen ins Gespräch kommen“, unterstreicht Alain Bieber.
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Zur Begrüßung winken beleuchtete Dildos
Für zart besaitete Gemüter ist die Schau nicht geeignet: Am Eingang „winken“ beleuchtete Dildos, weniger Meter weiter zeigt Vincent Wechselberger mit seinem Werk „Löcher“ etliche Ani im Großformat. Direkt nebenan zerfließen im Gemälde „Die Taufe“ von Fausto die Grenzen zwischen Kunst und Pornographie. Letzterem Genre ist ein eigenes Kino gewidmet, Lustschaukel inklusive. Die feministische Bewegung „PorYes“ setzt sich dort mit ihrer Kunst für eine selbstbestimmte und gendergerechte Pornografie ein, in denen Frauen mehr als passive Objekte männlicher Begierde sind. Ein weiterer Raum ist ausschließlich der „Sexual Wellness“ gewidmet und bietet einen umfassenden Überblick über historische und zeitgemäße Sexspielzeuge.
Begleitprogramm Sex Now
Zur neuen Ausstellung hat das Team des NRW-Forums neben einem umfassenden Awareness-Konzept zur Vermeidung sexueller Belästigung auch ein buntes Begleitprogramm konzipiert. Parallel läuft eine Gesprächsreihe „Im Bett mit...“, bei der verschiedene Gesprächspartner am 9.10., 4.12., 26.2. und 23.4. jeweils um 19 Uhr zu sexuell-kontroversen Themen sprechen. Zu Gast ist unter anderem der Journalist Mohamed Amjahid. Am 11. September stellt Sarah Koldehoff ihr Buch „Dick Pics“ vor (19 Uhr). Gewalt gegen Frauen ist am 27. November Thema (19 Uhr). Eine Übersicht gibt es auf www.nrw-forum.de/veranstaltungen
Überhaupt gab es bislang wohl keine Ausstellung, die so viele Bilder, Skulpturen und Abbildungen von Vulven und Penissen vereinte. Wer sie sehen möchte, muss am Eingang des NRW-Forums mit Personalausweis nachweisen, dass er 18 Jahre alt ist. Dann aber ist der Besuch hochwillkommen: Explizit angesprochen werden soll die GenZ und die großen Themen ihrer Generation: Body Positivity, sexuelle Emanzipation, körperliche Selbstbestimmung und das Aufbrechen körperlicher Ideale umspannen die gesamte Schau wie eine Klammer.

Mit den unterschiedlichen Darstellungen von Männern in der Kunst hat sich etwa Martin de Crignis beschäftigt, der in Dortmund Fotografie studierte und heute in Bochum lebt. „The Beauty & The Boys“ heißt seine Fotosammlung, in der er zeigt, wie unterschiedlich Männerkörper sind und dabei bewusst auf die Abbildung der Genitalien verzichtet (was in dieser Ausstellung eine große Ausnahme ist). „Ich wollte den Fokus auf die Körper lenken“, sagt der Künstler. Seit 2000 Jahren würden Männerkörper verhandelt, sei die Abbildung meist zweigeteilt in adonishafte oder weichere, femininere Typen. „Das ist natürlich Quatsch“, sagt de Crignis, der seine Fotografien mit lautmalerischer Poesie ergänzt. „Braucht man einen Pimmel, um ein Mann zu sein? Auch diese Frage möchte ich stellen und Körpernormen aufbrechen“, sagt de Crignis.
Sex Now ist vom 5.9. bis 3.5.2026 im NRW-Forum zu sehen, Ehrenhof 2, Einlass ab 18 Jahre; Tickets 9,50 Euro, 6,50 Euro ermäßigt.



