WR-Serie "Gedächtnistraining"

Tipps fürs frei Sprechen: Kein Blackout beim Reden-Halten

Oliver Geisselhart: Gedächtnistrainer, Autor und europaweit gebuchter Veranstaltungs-Profi. Foto: Franz Luthe

Oliver Geisselhart: Gedächtnistrainer, Autor und europaweit gebuchter Veranstaltungs-Profi. Foto: Franz Luthe

Foto: WR/Franz Luthe

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Dortmund.Mit dem richtigen „Kopf-Kino“ kann man sogar freie Reden halten. Europas führender Gedächtnistrainer Oliver Geisselhart erklärt im fünften Teil der WR-Serie, wie das funktioniert.

„Stellen Sie sich vor, Sie wollen eine Rede halten, sei es auf einer Familienfeier, zu einem Jubiläum, im Betriebsrat oder auf einer politischen Bühne. Oder Sie haben ein wichtiges Bewerbungs- oder Verkaufsgespräch vor sich. Sie wissen, was Sie sagen wollen, Sie haben die Reihenfolge Ihrer Argumentation festgelegt und Sie sind absolut sicher, dass Sie Ihre Rede „können“ und nichts Wichtiges vergessen werden. Sie treten vor Ihr Publikum und sprechen. Sie sind überzeugend, schlagfertig, flexibel. Sie gehen auf Einwände oder Zwischenrufe ein, ohne jemals den roten Faden zu verlieren. Und am Ende haben Sie Ihre Zuhörer restlos überzeugt: von Ihren Worten, von Ihrer Persönlichkeit und vor allem von Ihrer Selbstsicherheit.

Wie soll das funktionieren?

Die Grundidee ist folgende: Wenn Sie sich etwas dauerhaft merken wollen, dann machen Sie daraus ein Bild. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Sie merken sich über ein einziges Bild bzw. ein kleines geistiges Filmchen zahlreiche Details. Ihr Gehirn kann von Geburt an mit Bildern viel mehr anfangen, als mit irgendwelchen abstrakten Begriffen.

Viele Redner fürchten sich vor einem „Blackout“ und sind aus diesem Grund sehr unsicher und aufgeregt. Mit der „Geisselhart-Methode des Gedächtnis- und Mentaltrainings“ hingegen haben Sie alle Punkte Ihrer Rede sicher abrufbereit. Dadurch gewinnen Sie deutlich an Selbstsicherheit. Dies spürt Ihr Publikum und Sie wirken überzeugt, begeistert und glaubhaft.

Bevor Sie Ihre Rede präsentieren, müssen Sie sich erst einmal überlegen, was Sie alles sagen wollen und in welcher Reihenfolge. Wenn Sie das soweit entschieden haben, speichern Sie sich die wichtigsten Aspekte mit Hilfe der hier vorgestellten Zahlensymbole ein. Diese Zahlen-Bilder eignen sich hervorragend, um sich bestimmte Reihenfolgen zu merken.

Im nächsten Schritt verknüpfen Sie den Inhalt Ihrer Rede mit den Zahlensymbolen. Diese Verknüpfungen (Assoziationen) sollten Sie möglichst originell, lustig und absurd gestalten, so kann es sich Ihr Gedächtnis viel leichter merken.

Und so erklären sich die Symbole:

Die Null sieht von der Form her aus wie ein Ei, die Eins wie eine Kerze. Der Schwan erinnert uns an die Zwei. Der Dreizack hat drei Zacken, das Kleeblatt vier Blätter und die Hand fünf Finger. Der Rüssel des Elefanten sieht aus wie die Sechs, und die Fahne erinnert uns von der Form her an eine Sieben. Die Acht erkennen wir in der Sanduhr wieder. Die Schlange kringelt sich zur Neun. Golfschläger mit Ball steht für die Zehn.

Ein Beispiel – zum Ausprobieren

Sie sollen einige Verbesserungsvorschläge in Ihrer Firma präsentieren. Ihre Rede besteht aus acht wichtigen Punkten. Diese prägen Sie sich mit den Zahlensymbolen spielend leicht und überraschend schnell ein. Ich schlage Ihnen jeweils eine kreative Verknüpfung dazu vor. Bitte schließen Sie nach jedem Punkt jeweils kurz Ihre Augen und stellen Sie sich die Szene, inklusive meinem Verknüpfungsvorschlag, so echt und lebendig als möglich vor Ihrem „geistigen Auge“ vor. Sehen Sie die Szene als „Kino im Kopf.“

Folgende Verbesserungsvorschläge möchten Sie Ihren Zuhörern in Ihrer Rede nahe bringen:

1. Meiner Meinung nach wäre es sinnvoll, die Mitarbeiter durch Plakate und Aushänge am Schwarzen Brett zu ermutigen, Verbesserungsvorschläge für alle Betriebssparten einzubringen. Überhaupt finde ich es gut, die Mitarbeiter zum Mitdenken beim Firmengeschehen zu veranlassen, denn das motiviert sie und erhöht ihr Interesse an der Arbeit. (Das schwarze Brett ist mit einer Kerze (1), weil Sie sich das als ersten Punkt merken wollen, erleuchtet und Sie sehen die Verbesserungsvorschläge im Kerzenschein. Die Mitarbeiter hüpfen daraufhin mit Interesse und hoch motiviert am schwarzen Brett vorbei.)

2. Ich halte es auch für wichtig, dass sich die Leute im Betrieb kennen- und schätzen lernen und miteinander reden können. Daher schlage ich vor, jährlich einen bis zwei Ausflüge zu organisieren, um Betriebsklima und Kommunikation zu verbessern. (Der Ausflug geht an einen See mit einem schönen Schwan(2) darauf. Dieser wird von den Mitarbeitern gefüttert, während sie sich angeregt unterhalten (Kommunikation) und sich so kennen lernen. Beim Schwan füttern wird natürlich auch viel gelacht (Betriebsklima).

3. Ein unhaltbarer Missstand sind die unbequemen Stühle, auf denen unsere Mitarbeiter sitzen müssen. Um die Kreativität zu fördern und damit sich die Damen und Herren auch einmal entspannt zurücklehnen können, wären die neuen Producto-Nackenstützen genau das Richtige. Sie lassen sich problemlos an jedem Stuhlmodell anbringen. (Stellen Sie sich einen Dreizack (3) an den Stühlen vor, auf welchem die Nackenstützen mit Kreativität befestigt werden. Dann nehmen die Mitarbeiter darauf Platz und lehnen sich entspannt zurück.)

4. Dem Mangel an Parkplätzen sollte abgeholfen werden. Wenn ich einmal an einer Ampel warten muss und ein paar Minuten später ankomme, muss ich auf dem unbefestigten Gelände parken. Das ist gerade bei nassem Wetter ein matschiges Unterfangen. Wenn wir ihn mit Grasgittersteinen asphaltieren ließen, wäre die Natur erhalten und etliche neue Parkplätze geschaffen. (Auf dem unbefestigten Gelände wachsen vierblättrige Kleeblätter (4). Diese können durch die Grasgittersteine weiterwachsen.)

5. Jeder Mitarbeiter sollte seine Arbeit auch vom Gedächtnis her richtig in den Griff bekommen. Wenn er wichtige Informationen, die er für seine Arbeit braucht, lückenlos im Kopf hat, geht ihm alles besser von der Hand. Daher schlage ich für jeden Mitarbeiter ein Gedächtnistraining vor. (Sehen Sie bitte ganz deutlich, wie sich verschiedene Mitarbeiter mit der Hand(5) an den Kopf (Gedächtnis) fassen und wie diese rufen: „Na klar“. Sie haben jetzt wieder alle Infos parat.)

6. Neue Mitarbeiter benötigen einige Zeit, um sich bei uns einzuarbeiten. Wie wäre es mit einem kompakten Mitarbeiterhandbuch, mit unserem Organigramm als Deckblatt? (Stellen Sie sich ein Buch mit einem Elefanten (6) vorne drauf vor. Ein neuer Mitarbeiter liest darin. Nach der Lektüre geht er gut eingearbeitet an die Arbeit.)

7. Außerdem sollten wir die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter über eine Zusammenarbeit mit den Sportvereinen vor Ort unterstützen. Das körperliche Training erhöht die Arbeitsleistung, baut Stress ab und verringert die Ausfälle durch Erkältungskrankheiten. (Alle Mitarbeiter gehen mit einer Fahne (7) in der Hand zum Sportverein. Sehen Sie die Mitarbeiter nach dem Training gesund und relaxt in die Firma kommen.)

8. Abend- und Morgenmenschen wünschen sich eine Arbeitszeit, die dem Tages- bzw. Nachtrhythmus des einzelnen Mitarbeiters gerecht wird. Mit der Einführung der Stempeluhr „Flexiba“ könnten wir leicht die Gleitzeit ermöglichen. (Am Eingang der Firma hängt eine Sanduhr (8) als Stempeluhr. Die Mitarbeiter kommen zu unterschiedlichen Zeiten und stempeln ab.)

Fast wortwörtliche Wiedergabe des Abgespeicherten

Nun brauchen Sie nur auf die einzelnen Zahlensymbole zu sehen und Sie können den Inhalt des jeweiligen Punktes sicher (zumindest sinngemäß) wiedergeben. Wenn Sie die Punkte wortwörtlich präsentieren wollen, gehen Sie die Punkte einfach ein bis zwei mal mehr durch.

Sie sehen also, dass Sie gerade bei Reden, aber auch bei Verhandlungen jeglicher Art, bei Diskussionen, in der persönlichen Unterredung oder in Verkaufsgesprächen mit den Gedächtnis-Symbolen eine Hilfe von unschätzbarem Wert haben.

Sie können sämtliche wichtigen Argumente so kreativ abspeichern, dass Sie sie jederzeit, auch nach Tagen, souverän und äußerst flexibel wieder abrufen können. Die Zahlen gewährleisten System und Strategie, Sie haben einen Musteraufbau, an den Sie jedoch nicht zwingend gebunden sind. Je nach Gesprächsverlauf können einzelne Argumente vorgezogen werden, dennoch behalten Sie die Übersicht darüber, was Sie schon gesagt haben und was noch fehlt. So können Sie auch sicher sein, keinen der wichtigen Punkte zu vergessen. Alle Argumente sind ständig präsent, auch wenn Sie sich von der ursprünglichen Reihenfolge haben ablenken lassen, können Sie anhand der Zahlen ganz leicht den Wiedereinstieg finden. Oder Sie können genauso gut flexibel reagieren und Ihre restlichen Argumente ganz neu strukturieren.

Mit den hier präsentierten 10 Zahlen-Symbolen kommen Sie schon weit, und die Bildverknüpfungen bieten Ihnen die Möglichkeit (nach etwas Training und bei zweimaligem Durchgehen der Rede) zur beinahe wortwörtlichen Wiedergabe des Abgespeicherten. Sie können sich viel besser auf Ihre Zuhörer, Gesprächspartner oder Kunden konzentrieren, da Sie ja nicht mehr im Hinterkopf ständig auf der Suche nach weiteren überzeugenden Argumenten sind.

Wenn Sie in Bildern denken und sprechen, kommt Ihre Aussage bei Ihrem Gegenüber viel gezielter und direkter an, weil Sie eben auf der logischen und emotionalen Ebene agieren. Das können Sie selber ganz einfach nachvollziehen. Wenn Sie ein Haus kaufen wollen, reagieren Sie auf ein hübsches Foto von der Immobilie mit blauem Himmel und grüner Wiese viel stärker als auf technische Details, die irgendwo nüchtern auf dem Papier stehen.

Und so ist es auch mit der Rede:

Ein klarer bildhafter Stil fesselt die Aufmerksamkeit der Gesprächspartner oder Zuhörer in sehr viel stärkerem Maße als eine Ansprache, die mit abstrakten Begriffen und Fremdwörtern gespickt ist.“

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