Geschichte

Rüthen rehabilitiert Opfer der Hexenverbrennung

Hexenverbrennung am Ende des Mittelalters: Rüthen will 169 Opfer der Hexenverfolgung rehabilitieren.

Hexenverbrennung am Ende des Mittelalters: Rüthen will 169 Opfer der Hexenverfolgung rehabilitieren.

Foto: WP

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Rüthen.Zur Zeit der Hexenverfolgung im 16./17. Jahrhundert wurden in Rüthen 169 unschuldige Frauen, Männer und Kinder hingerichtet – jetzt will der Stadtrat die Opfer rehabilitieren. Die 8a des Gymnasiums hatte das Vorhaben angestoßen.

Es ist der wohl ungewöhnlichste Antrag, über den die Ratsfrauen und Ratsherren im westfälischen Rüthen je zu befinden hatten: Am späten Donnerstagnachmittag (31. März 2011) steht die „sozialethische Rehabilitation“ der „während des 16. und 17. Jahrhunderts im Rahmen der sogenannten Hexenverfolgungen unschuldig verurteilten und hingerichteten Personen“ zur Abstimmung. Ein Antrag, der, wie der Bürgermeister des Städtchens im Kreis Soest, Peter Weiken, findet, nur auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint: „Wir schieben die Vorgänge von damals oft der Unwissenheit der Menschen zu, doch wenn man sich heutige Auswüchse von Rassismus, von Vorurteilen gegenüber ge­sellschaft­li­chen Gruppen oder Hetzkampagnen im Internet an­sieht, so scheint es, dass wir manchmal nicht viel weiter sind, als die Menschen damals .“

Klasse 8a brachte Antrag in den Rat ein

Dieser Meinung waren auch die Schüler der Klasse 8 a des örtlichen Friedrich-Spee-Gymnasiums, die den Antrag in den Rat einbrachten. Sie haben sich im vergangenen Schulhalbjahr intensiv mit dem Thema befasst. In Rüthen, so erklärt Bürgermeister Weiken, ist das Thema präsent, durch den Hexenturm, der seinen Platz im Stadtbild hat, und in dem heute noch Folterinstrumente aus damaliger Zeit ausgestellt sind. „Da bekommt jeder als Kind beim Spaziergang die Hexen-Geschichten erzählt“, so Weiken.

Als Geschichtslehrerin Marion Wollschläger das Thema in der 8 a auf den Stundenplan setzte, war sie erstaunt, dass viele Schüler zwar von Hexenverfolgungen gehört hatten, aber nicht wussten, dass wirklich reine Willkür hinter Anklagen und Urteilen stand. „Es reichte die Denunziation durch einen missgünstigen Nachbarn, vermeintliche Zeugen wurden wahllos be­fragt, Geständnisse unter Folter erzwungen“, so Marion Wollschläger. Da das Thema die Schüler begeisterte und es zudem einen Bogen schlug zum Namensgeber der eigenen Schule, Friedrich Spee, der einst ein Kämpfer gegen die Hexenprozesse war (s. Kasten), lud sie Hartmut Hegeler in den Un­terricht ein, einen pensionierten Lehrer, der sich seit Jahren dem Thema verschrieben hat.

Grete Adrian soll 1655 ein Pferd gerissen haben

Hegeler berichtete den Schülern, wie solche Prozesse abliefen. Zum Beispiel der von Grete Adrian aus dem Jahr 1655. „Eine nicht ganz unvermögende, verwitwete Bäuerin“, so Hegeler. Gegen sie gab es gleich mehrere „Anklagepunkte“. So wurde ihr zum Vorwurf gemacht, dass schon ihre Mutter der Hexerei angeklagt war, dass sie den geplanten Diebstahl von Schafen aus ihrem Stall so schnell bemerkt habe, dass diese Eingebung nur vom Teufel selber gekommen sein konnte, oder dass sie versucht habe, einen Knecht mit Milch zu vergiften.

Die wohl absurdeste Anschuldigung aber war, dass Grete Adrian in Gestalt eines Werwolfs das Pferd eines Nachbarn gerissen haben sollte. Die Frau leugnete, doch schließlich gestand sie unter mehrmaliger Folter alles, was man von ihr hören wollte: Dass sie das eigene Vieh und das des Nachbarn vergiftet habe, dass sie Unzucht mit dem Teufel getrieben habe, ja sogar, dass sie ihren eigenen Mann vergiftet habe. Der Rat gewährte der geständigen Frau schließlich die Gnade, vor dem Verbrennen auf dem Scheiterhaufen geköpft zu werden. „Ein sehr typischer Ablauf eines solchen Prozesses“, erklärt Hegeler.

Die Verurteilten gelten noch heute offiziell als schuldig

169 Frauen, Männer und Kinder wurden auf diese Weise im 16. und 17. Jahrhundert unschuldig in Rüthen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihnen soll nun Gerechtigkeit widerfahren. „Die Schüler waren entsetzt, als sie feststellten, dass die unschuldig verurteilten Menschen heute offiziell noch als schuldig gelten“, erzählt Marion Wollschläger. Die Lehrerin fand heraus, dass es in anderen Bundesländern bereits Rehabilitationen gegeben hatte. „Die Schüler waren von der Idee begeistert.“ In ihrem Antrag formulierten sie unter anderem, dass sie eine Rehabilitation auch als Zeichen für ein faires und couragiertes Miteinander in der heutigen Zeit sehen, erklärt Wollschläger. Der Bürgermeister empfing die Schüler – und war schnell überzeugt. Auch einige Heimatforscher haben sich inzwischen dem Antrag angeschlossen. Die heutige Abstimmung, da ist Bürgermeister Weiken überzeugt, ist lediglich noch ein Vollzug.

Die Schülerinnen und Schüler, so berichtet Marion Wollschläger, werden der Ratssitzung beiwohnen. Sie hoffen nun, dass ihr Antrag ein Vorbild für andere Städte ist.

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