Sprachwunder

Ioannis Ikonomou beherrscht 47 Sprachen

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Brüssel. Seine ersten Fremdsprechen sind Englisch und Deutsch. Damals ist er noch ein Junge auf Kreta, der auf den von Touristen bevölkerten Straßen herumtollte.

„Ich hörte sie sprechen und wollte unbedingt wissen, worüber sie redeten", berichtet Ioannis Ikonomou, der Grieche, der 47 Sprachen spricht. „Nein”, fügt er hinzu, „das ist nicht Talent, sondern Leidenschaft.”

Englisch lernt er bereits als 6-Jähriger, wenig später gibt ihm eine ältere Dame Deutschunterricht. „Plötzlich nahmen diese fremdartigen Klänge, die ich auf den Straßen und Plätzen in Kreta hörte, Formen an. Für mich war's wie eine Offenbarung.” Trotzdem ist aller Anfang schwierig. „Deutsche Wörter sind für einen Griechen kompliziert", gesteht der EU-Übersetzer in Brüssel.

Sprache Nr. 4 ist Italienisch. Während seine Freunde Fußball spielen, taucht Klein-Ioannis daheim in die Tiefen der italienischen Grammatik ein. Weitere Fremdsprachen erlernt er wie am Fließband. Auf Italienisch folgt Türkisch, dann ist schon Russisch an der Reihe. „Russisch war einfach”, sagt er. Nur Chinesisch sei eine echt Herausforderung gewesen. Inzwischen ist in dem Mann der 47 Sprachen die Erkenntnis gereift, dass das Chinesische alle andere Sprachen auf dem Planeten überragt. „Es ist die Schlüsselsprache der menschlichen Zivilisation.”

Schon als Gymnasiast reist Ioannis ins Reich der Mitte, nach Peking, wo er sofort damit beginnt, an seinem Chinesisch feilen. Das Studium der klassischen Philologie absolviert der junge Kreter dann in Thessaloniki, ein Studium, das er in den USA fortsetzt und schließlich an der Harvard-Uni mit einer Magisterarbeit über Sanskrit beendet. Hier verwirklicht Ioannis seinen Traum. Er studiert Vergleichende historische Linguistik und büffelt exotische Sprachen: Alt-Armenisch, Alt-Persisch, Gotisch, Anatolisch.

Es bräuchte an dieser Stelle viel Platz, um im Detail alle Sprachen aufzuzählen, die Ioannis Ikonomou, der Sprachen-Zauberer, auf dem Kasten hat. Nun, er spricht alle 23 Amtssprachen in der Europäischen Union, und das ist für ihn wirklich nichts Besonderes. Deshalb sind es immer wieder die abseitigen Sprachen, die sein offenbar unstillbares Interesse wecken. „Ich spreche auch Baskisch und Sorbisch.” Letzteres, ein westslawisches Idiom, wird von lediglich 50 000 Menschen in der Ober- und Niederlausitz gesprochen.

Eigentlich will Ikonomou den aussichtsreichen Karriereweg eines Sprachwissenschaftlers einschlagen. Doch den Vorgesetzten in der EU-Kommission gelingt es, ihn von diesem Plan abzubringen. Stattdessen locken sie ihn mit einem Stipendium in Spanien.

Sprachtalent: „Ich bereue nichts”

„Sie garantierten mir einen sicheren Job. Nach einem langem Kampf mit mir selbst habe ich längst akzeptiert, in Brüssel zu arbeiten”, sagt Ioannis: „Ich bereue nichts.”

Indem er Tag für Tag unermüdlich Gesetzestexte in alle möglichen EU-Sprachen übersetzt, liefer er „seinen” bescheidenen Beitrag zum Aufbau des europäischen Vereinigungswerks. Jeder neue Text aus seiner Übersetzer-Werkstatt verändere das Gesicht Europas.

Heute ist das Erlernen neuer Sprachen für ihn ein Kinderspiel. Kein Wunder, dass sich Ikonomou wieder eine neue Sprache beibringt: Äthiopisch.

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