Rocker-Krieg

Ein Bandido packt aus

Foto: REUTERS

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Dortmund/Duisburg. Nach der Massenschlägerei zwischen Bandidos und Hells Angels in Duisburg mit 150 Rockern gibt es keine Anzeige. Keine einzige Aussage. Und offiziell keinen Verletzten. Die Szene hält dicht. Vor der Polizei, vor jedem, der nicht zur Bruderschaft gehört. Doch ein Bandido packt aus.

Er bleibt anonym, natürlich. Der Kontakt läuft über eine E-Mail-Adresse, die so absurd ist, dass sie nichts verrät. Keinen Namen, kein Alter, keine Herkunft. Nennen wir ihn Bandido Ritzel. Bandido Ritzel erklärt, was am vergangenen Wochenende bei dem Rockerstreit in Duisburg passiert ist – und warum es passiert ist: „Es geht um Geschäfte und Geld. Duisburg ist Bandido-Gebiet. Die Hells Angels haben dort einen Puff übernommen. Dies ist eine Provokation. Um dem zu begegnen, ist man in diesen Laden eingeflogen, um zu zeigen, wer das Sagen hat. Zeitgleich war in Köln eine Party der Hells Angels. Dort wurde um Hilfe geschrien und 'ne halbe Stunde später standen die Hells Angels vor unserem Clubhaus.”

»Die fuhren mit ihren Wunden nicht in die Klinik«

Tatsächlich bestätigt die Polizei, dass sich am Samstagabend vor der Attacke auf das Clublokal „The Fat Mexican” in Duisburg eine Gruppe von Bandidos auf den Weg zu einem Bordell in der Nachbarstraße gemacht hatte, sich aber trollte, nachdem sie vor dem Haus von einem Polizisten angesprochen worden war. Doch das alleinige Erscheinen war für die Hells Angels offenbar schon Provokation genug.

Sie holen zum Gegenschlag aus und stürmen das Clublokal der Bandidos: „Dieser Überfall ging voll in die Hose. Viele Angler (Anm. der Redaktion: gemeint sind die Hells Angels) wurden verletzt, aber die fuhren mit ihren Wunden nicht in die Klinik. In der ersten Etage lagen Steine an jedem Fenster. Als die Angler den Laden stürmten, wurden von oben die Steine geschmissen, wie früher, bei einer Belagerung.”

Für jeden getöteten Feind gibt's eine Auszeichnung

Die Fehde zwischen den Bandidos und den Hells Angels wird sich fortsetzen. Und es wird um mehr gehen, als nur die Tatsache, dass die Bandidos die Hells Angels als Angler oder Affen (von AFFA: Angel Forever, Forever Angel; Bandidos tragen das Patch BFFB: Bandido forever, forever Bandido) beschimpfen, während die Banditen selbst von diesen nur „Tacos” genannt werden. Die Polizei in Münster hat eine Ermittlungsgruppe „Rockerkriminalität” eingerichtet, die Polizei sorgt sich um die Sicherheit bei der großen Bandido-Feier, die am 14. November in Schwerte steigen soll. Grundlos, wie Bandido Ritzel meint: „Auf der Feier wird nichts passieren. Alle deutschen Banditen werden kommen, viele aus dem Ausland. Die Angler sind nicht so verrückt, dort etwas zu machen. Diese riesigen Polizeiaufgebote sind total über, denn wir tun keinem Außenstehenden etwas.”

Frei nach dem Motto: Lasst uns unsere Probleme gefälligst untereinander ausmachen, dann muss sich auch niemand aufregen. Nur: Es hat in der Vergangenheit bereits Tote gegeben. Und es ist nicht davon auszugehen, dass keine weiteren folgen werden, in einer Szene, die für jeden getöteten oder schwerverletzten Rockerfeind eine Auszeichnung verleiht. Auf etlichen Rockerkutten prangt ein runder Aufnäher mit der Aufschrift „Expect no Mercy” („Erwarte keine Gnade”). Dieses Abzeichen, das auf der rechten Brust getragen wird, bekommt nur, wer einen Gegner tötet oder ernsthaft verletzt.

»Wer Member werden will, muss eine Harley haben«

Bandido Ritzel: „'Expect no Mercy' ist eine Art Orden.” Ein Kampf-Orden passt zu einer streng hierarchischen Szene, die sich einerseits Freiheit auf die Fahnen schreibt, andererseits selbst strengen Regeln unterliegt. Mindestens drei Jahre dauert es, voll anerkanntes Mitglied zu werden – wie bei einer gutbürgerlichen Ausbildung. Und ein Haufen Geld ist als Startkapital nötig, wie Bandido Ritzel erklärt: „Wenn man sich entscheidet, ein Member (Mitglied) werden zu wollen, muss man eine Harley haben. Das setzt voraus, dass man ein geregeltes Einkommen hat, denn eine Harley kostet 15 000 Euro.”

Der angehende Rocker benötigt außerdem einen Unterstützer, der sich für ihn einsetzt. Was dann folgt, sind verschiedene Probezeiten - erst als ein so genannter „Hangaround”, was heißt, „man hängt mit den Jungs ab, kann zum Clubabend kommen und darf mitfahren”. Wenn es gut läuft, wechselt der angehende Rocker danach in den Status des „Prospect” (Azubi/Anwärter).Damit erhält der Bewerber erstmals Club-Status und er trägt auf seiner Kutte den Schriftzug „Prospect”. Nach mindestens einem weiteren Jahr und nur, wenn alle Mitglieder zugestimmt haben, steigt man in den Stand eines „Probationary” (Mitarbeiter auf Probe) auf. Auf der Kutte ist nun das Wahrzeichen der Bandidos, der Mexikaner, zu sehen. Nach einer weiteren Probezeit und einer großen Abstimmung ist man dann Mitglied. Und Bruder. Diese Bruderschaft verlangt mehr, als nur rund um die Uhr für den Anderen da zu sein. Sie geht bis in den Tod. Wenn nötig, wirft sich ein Rocker in den Kugelhagel, um seinen Bruder zu schützen. So steht es im Ehrenkodex.

"Man muss in der Branche eine Familie haben"

Besonders wichtig sei dieser absolute Zusammenhalt im Bereich der Prostitution, wie Bandido Ritzel erklärt: „Das Rotlicht wird von Ausländern dominiert. Türken, Libanesen, Kurden usw. Die arbeiten im System der Familie. Wenn man in der Branche eine Chance haben will, muss man also auch eine Familie haben und dazu sind nun mal nur die großen Clubs in der Lage.”

Die Hells Angels und Bandidos haben in NRW nach Schätzungen des Landeskriminalamtes zusammen rund 350 Mitglieder. Nicht alle sind kriminell. Umso mehr erstaunt diese Verschwiegenheit, dieser Zusammenhalt, dieses Stillhalten der Rocker-Basis. Bandido Ritzel findet es dagegen selbstverständlich: „Haben Sie Geschwister? Ihre Geschwister gehen Ihnen manchmal total auf die Nerven und sie sind mit manchen Dingen gar nicht einverstanden. Dennoch bleiben es Ihre Geschwister!”

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