In Datteln wankt der Bau des Kohlekraftwerks

Die Bauersleute und der Baustopp

| Lesedauer: 6 Minuten

Foto: Bodo Goeke

Datteln. Sie haben ein Milliardenprojekt beklagt – und Recht bekommen. Sie haben sich mit dem Energieriesen Eon angelegt – und gewonnen. Heinrich und Marieluise Greiwing haben vor wenigen Wochen den teilweisen Baustopp für das neue Kohlekraftwerk in Datteln erwirkt.

Jetzt sitzen die beiden in ihrem rustikal eingerichteten Wohnzimmer und trinken Kaffee als sei nichts geschehen. Dabei haben sie einen politischen Sprengsatz gezündet.

Marieluise Greiwing wusste, dass sie Recht hatte. Sie wusste es die ganze Zeit über, in der sie mit ihren Nachbarn Briefe an die Ministerien und Lokalpolitiker schrieb, Flugblätter verteilte und mit ihrem Mann bis zur Europäischen Kommission nach Brüssel reiste, um den Bau des Kohlekraftwerks zu verhindern.

»Wir leben doch nicht in einer Bananenrepublik«

Aber sie rechnete nicht damit, dieses Recht auch zugesprochen zu bekommen: „Wir haben uns noch am Abend vor der Entscheidung mit der Frage beschäftigt, was wir machen, wenn wir den Prozess verlieren. Wir haben nie darüber nachgedacht, was passieren wird, wenn wir gewinnen.”

Ihre Gegner offenbar auch nicht. Nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster entschieden hatte, dass der Bebauungsplan Nr. 105 - Eon Kraftwerk - der Stadt Datteln unwirksam ist und eine Revision nicht zugelassen hat, erklärte ein Sprecher der Stadt Datteln, man sei „mehr als überrascht”. Mittlerweile hat die Stadt Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision eingelegt.

Eine Nichtzulassungs-Beschwerde hat Eon ebenfalls eingereicht. Das Unternehmen lässt ansonsten Taten sprechen: Auf Basis einer gerichtlichen Teilgenehmigung baut Eon weiter an Maschinenhaus, Kühlturm und Kessel des Kraftwerkes – mit 1000 bis 1200 Arbeitern täglich.

Auch im NRW-Wirtschaftsministerium ist der ersten Fassungslosigkeit nun Tatendrang gefolgt. Die Richter in Münster hatten erklärt, dass im Regelfall eine Kraftwerks-Planung an anderer Stelle als auf einer Landes-Entwicklungs-Plan (LEP)-Fläche nicht in Betracht komme. Doch nicht nur die bereits gebauten Komponenten des Kohlekraftwerks Datteln stehen außerhalb einer LEP-Fläche, sondern mit einer einzigen Ausnahme alle Kraftwerke, die seit 1995 gebaut wurden - insgesamt zehn, die bereits in Betrieb sind und acht weitere, die sich im Bau oder in Genehmigungsverfahren befinden.

„Seit 1978 gibt es in NRW eine Angebotsplanung. Danach kann ein Kraftwerk auf einer im LEP für Kraftwerke vorgehaltenen Fläche realisiert werden, es können aber auch andere geeignete Flächen genutzt werden. Mit diesem Urteil findet eine Umkehr des Planungsverständnisses in NRW statt”, kritisiert Wirtschaftsministerin Christa Thoben - und fürchtet nun, dass 18 weitere Kraftwerks-Standorte gekippt werden könnten. Um das zu verhindern, soll in aller Eile der Landesentwicklungsplan neu geregelt werden.

Heinrich und Marieluise Greiwing haben von den Diskussionen im Landtag gehört. Sie führen einen landwirtschaftlichen Betrieb, sie verdienen ihr Geld mit Vieh- und Ackerbau. Bodenständige Leute, für die ein einmal gesprochenes Wort gilt. Erst recht das eines Richters. „Die Politiker werden nicht einfach die Gesetze verändern können. Wir leben doch nicht in einer Bananenrepublik”, sagt Marieluise Greiwing. Sie schaut aus dem Wohnzimmerfenster direkt auf den 180 Meter hohen Kühlturm. Drei Masten für Oberleitungen stehen auf ihren Feldern. Die Greiwings hatten auch dagegen zunächst geklagt. „Doch dann wurde uns die Pistole auf die Brust gesetzt. Wir wären enteignet worden.”

Sie haben die Masten auf ihren Feldern bauen lassen – und nun hoffen sie, dass die Masten am Ende wieder abgebaut werden müssen. Dass sie verschwinden werden, zusammen mit dem Kühlturm und der ganzen Kraftwerksanlage. Die Greiwings werden weiter darum kämpfen. „Uns haben so viele Menschen unterstützt, wir sind so weit gekommen, wir hören nicht auf”, sagt Heinrich Greiwing.

»Dieser Hof, dieses Land: Das haben wir uns aufgebaut«

Für viele Waltroper sind die beiden Helden. Es gibt auch Kritiker. „Ich verstehe nicht, warum die ihren Namen dafür hergeben”, sagt Werner Westhoff. Auch er ist Waltroper, auch er ist Landwirt, auch er sieht vom Stall direkt auf das Kraftwerk. Westhoff schüttelt den Kopf, „klar ist das Dingen 'ne Belästigung, die kloppen da immer so laut 'rum.” Deswegen dürfe man sich als Bauer aber noch lange nicht mit den Grünen einlassen oder mit dem BUND für Umwelt und Naturschutz, der auch gegen das Kraftwerk geklagt hat.

„Ein Bauer ist nicht grün”, sagt Westhoff. Er sagt das, als sei es nicht nur seine Meinung, sondern eine Regel – der Eid des Hippokrates für Landwirte. Greiwings verraten zwar nicht, welche politische Farbe die ihre ist, aber sie sagen sehr deutlich, welche es nicht ist: nämlich grün. „Wir haben auch nicht generell etwas gegen ein Kraftwerk einzuwenden, aber wir möchten verhindern, dass uns durch Projekte wie das Kraftwerk oder das geplante Industriegebiet New Park immer weniger Land bleibt. Dieser Hof, dieses Land, das haben wir uns aufgebaut - und unsere Söhne lernen Landwirtschaft.”

Marieluise Greiwing sagt das so selbstverständlich, fast beiläufig. Aber vielleicht ist genau das das Geheimnis ihrer Stärke: Die Greiwings kämpfen nicht gegen CO2-Ausstoß oder ausländische Steinkohle. Sie kämpfen gegen ein Milliardenprojekt nicht wegen irgendwelcher Ideologien. Sie tun das für sich, für ihre Familie und ihren Hof.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: WR-Info

Liebe Nutzerinnen und Nutzer:

Wir mussten unsere Kommentarfunktion im Portal aus technischen Gründen leider abschalten. Mehr zu den Hintergründen erfahren Sie
» HIER