Vertrauen Älterer wurde oft ausgenutzt: alt und dumm

Banken zocken Senioren als "AD-Kunden" ab

Foto: epd

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Was den eigenen Kindern oft verwehrt wird, ist dem freundlichen Herrn bei der Bank gestattet: Aufs Konto zu schauen. Gerade ältere Bankkunden haben oft Vertrauen zu ihren Kreditinstituten aufgebaut – und fielen damit auf die Nase. Als „AD” Kunden wurden sie oft abgestempelt: alt und dumm.

Auch bei der Verbraucherzentrale NRW sind bereits Vorwürfe dieser Art eingegangen. „Wir haben so etwas sogar schon von Bankmitarbeitern gehört”, sagt Verbraucherschützer Wolfgang Schuldzinksi. Schriftliche Belege gebe es allerdings nicht. Der Bankenaufsicht sei bei der Überprüfung von Unterlagen ebenfalls noch nie etwas entsprechendes untergekommen. „Ich glaube nicht, dass das als Stempel irgendwo auftauchen wird”, so Schuldzinski weiter. „Viel schlimmer ist ohnehin die profitgetriebene Ideologie, die dahinter steckt.”

Die Deutsche Seniorenliga fordert jetzt, die Finanzberater stärker in die Pflicht zu nehmen und ältere Menschen so besser vor falscher Beratung zu schützen. Vorstand Erhard Hackler: „So vertrauen die älteren Menschen den Bankern oft blind. Sie verzichten darauf, Verträge durchzulesen, Renditen zu vergleichen oder sich vergleichend bei verschiedenen Banken beraten zu lassen.” Prägnanter sagt es Schuldzinski: „Ein Großteil der Leute bekommt die Produkte aufgeschwatzt.”

Auffällig ist tatsächlich, dass etwa bei der Lehman-Pleite vor allem ältere Kunden das Nachsehen hatten. Nach einer Untersuchung der Hamburger Verbraucherzentrale waren die Geschädigten im Schnitt älter als 60 Jahre. Traditionell ein Kundenstamm, der Sicherheit statt Spekulation will, allerdings auch eher das nötige Kapital für Anlagen hat.

Viele verloren, was sie über Jahrzehnte für Kinder und Enkel angespart haben. Oder wie es die Verbraucherzentrale Hamburg ausdrückt. „Ihr Geld ist nicht weg, es hat jetzt nur ein anderer.” Chancen das Ersparte wiederzusehen hat wohl nur der, der nachweisen kann, dass er falsch beraten wurde.

»Ihr Geld ist nicht

weg, es hat

jetzt nur

ein anderer«

Deshalb verlangt auch die Seniorenliga ein Beratungsprotokoll. Generell sollten nach Ansicht der Interessensvertretung für ältere Menschen Verträge nicht sofort unterschrieben werden, sondern das Angebot erst durchdacht und verglichen werden. Um Älteren den „AD”-Status zu erparen, so die Liga, wäre es sinnvoll, überhaupt keine Provisionen für solche Geschäfte mehr zu gestatten.

Hier wird es problematisch. Da unter dem Druck der Direktbanken die klassischen Einnahmequellen der Kreditinstitute – Kontoführungsgebühren oder Zinsen – wegbrechen, machen die Institute häufiger ihr Geld mit Provisionen. Die Provisionen berechnen sich nach Höhe des Anlagebetrages. Senioren mit ihren teilweise hohen Spareinlagen geraten da in den Blickpunkt.

Die Provisionen für den Abschluss zahlen nicht die Kunden, sondern die Anbieter. Doris Kappes von der Verbraucherzentrale Hamburg: „Je höher die Provisionen, desto dringender will der Anbieter dieses Produkt loswerden, weil er offenbar Geld braucht. Das hätte die Berater warnen können.”

Tatsächlich kann es aber sein, dass viele Berater auch im besten Glauben handelten. Viele Rating-Agenturen bewerteten die Anlagen, die später wie Seifenblasen platzten, positiv. Diese Agenturen, die die Risiken von Unternehmen und Anlageformen einschätzen sollten, waren aber nach heutigem Kenntnisstand mit den Unternehmen, die die Anlagen auf den Markt brachten, eng verbandelt.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen und der DGB haben jetzt gefordert, eine verbraucherorientierte Marktkontrolle und die unabhängige Anlageberatung auszubauen. „Anstatt sich nur um die Frage zu kümmern, wie Banken sich ihrer schlechten Risiken entledigen können, müssen die Risiken einer Falschberatung für Verbraucher minimiert werden”, fordert DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki. Dazu zählt etwa auch eine Vertriebsbeschränkung beim Handel mit Zertifikaten. Zertifikate gelten als besonders spekulative Anlageform. Viele der Senioren, die bei den Lehmann Brothers in Zertifikaten investierten, vertrauten der Zusage, die eingezahlten Gelder würden 2010 zu 100 Prozent wieder ausgezahlt. Das hätte aber nur dann gegolten, wenn die Bank inzwischen nicht pleite gegangen wäre.

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