Der Nutzen liegt auf der Hand: Röntgenbilder, Arztberichte, Medikamentengabe und Laborbefunde sind gebündelt in einer Akte. Große Vorteile für alle Patienten und Ärzte hatte sich das Gesundheitsministerium von der elektronischen Patientenakte (ePA) versprochen. Flächendeckend ist sie Mitte Januar 2025 von den Krankenkassen für all jene gesetzlich Versicherten eingeführt worden, die ihrer Einführung nicht widersprochen haben. Das waren nur fünf Prozent. Ein Erfolgsmodell ist die elektronische Akte deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil.

Markus Beier, der Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes, zieht eine kritische Bilanz im Gespräch mit unserer Redaktion: „Die allerwenigsten Patientinnen und Patienten haben sich ihre ePA einmal angeschaut. Das liegt vor allem an dem absurd komplizierten Registrierungsprozess, der selbst digital affine Menschen irgendwann frustriert aufgeben lässt“, sagt Beier. Viele wüssten gar nicht, dass sie eine ePA besitzen.

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Laut einer Einschätzung des Bundesgesundheitsministeriums nutzen die ePA bisher nur vier Millionen der 74 Millionen gesetzlich Versicherten. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) strebt an, dass es bis 2030 rund 20 Millionen sein werden. Sie plant eine „Digitalisierungsstrategie fürs Gesundheitswesen und die Pflege“, von der ein Teil darin besteht, die Hürden beim Einloggen in die ePA zu senken. Auch Ramona Pop, Vorständin des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, fordert eine Weiterentwicklung der Akte: „Die ePA ist noch nicht im Alltag der Menschen angekommen“, sagte sie am Mittwoch. Zentrale Funktionen wie digitale Impf- oder Bonushefte fehlten darin noch. Laut einer Forsa-Umfrage gaben 71 Prozent der Befragten an, sie hätten die ePA noch nicht aktiv verwaltet, neun Prozent haben die ePA gelöscht. Verbraucher bemängelten mitunter den „komplizierten und unübersichtlichen Einrichtungsprozess“ der Akte, so Pop. Versicherte müssten auch „genau einstellen können“, welche Praxis Zugriff auf welche Informationen hat und welche nicht.

Ärztefunktionär hält die ePA für „eingeschränkt praxistauglich“

Auch Ärztefunktionär Beier hält Verbesserungen für dringend notwendig. In anderen Ländern funktioniere die ePA schon: „In Deutschland jedoch scheitert es an der konkreten Umsetzung. In ihrer aktuellen Form ist die ePA nur eingeschränkt praxistauglich.“ Derzeit sei sie „eine unsortierte PDF-Sammlung, mit der Praxen im Alltag nur wenig anfangen können“. Mühsam müssten sich die Ärzte durch unzählige Dokumente arbeiten, es fehle eine Volltextsuche. Auch komme es bei der Telematikinfrastruktur – dem Netzwerk, auf der die ePA läuft – zu massiven Störungen und Ausfällen: „Das frisst in den Praxen unglaublich viel Zeit und sorgt für enormen Frust.“

In ihrer aktuellen Form ist die ePA nur eingeschränkt praxistauglich.

Markus Beier, Vorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes

Der Ärzteverband Medi – der 10.000 Mediziner vertritt – hat in einer bundesweiten Umfrage unter 263 niedergelassenen Ärzten von weiteren Problemen erfahren: 65 Prozent der Befragten bewerten die ePA mit Blick auf den Datenschutz als unsicher, 72 Prozent halten die Einhaltung der ärztlichen Schweigepflicht durch die ePA für kritisch.

Norbert Smetak, Medi-Chef aus Baden-Württemberg, erläutert das Problem. Einige Ärzte ließen sich bei den Patienten von den Haftungsansprüchen bei einer Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht entbinden, „weil durch die ePA am Ende nicht mehr nachvollziehbar ist, wer im Falle einer Verletzung der Schweigepflicht die Daten weitergegeben hat“. Es erhielten beispielsweise auch Mitarbeitende aus Apotheken Einblicke in die ePA. Nicht nur beim Vorliegen von psychiatrischen Befunden ist das heikel. Smetak sagt, dass er in seiner Praxis „sehr wenig Nachfragen“ nach der ePA habe. Spreche er das Thema Datentransparenz, seien die Patienten „überrascht und werden unsicher“.

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Arzt kritisiert ein „völlig unausgereiftes System“

Den Arbeitsaufwand für die ePA hält man bei Medi für viel zu hoch. Bernhard Schuknecht, ein Orthopäde und Medi-Funktionär, sagt: „Es kann nicht sein, dass wir im vollen Praxisbetrieb mit einem völlig unausgereiften System arbeiten müssen.“

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Von den Leistungserbringern – etwa Kliniken – machen noch gar nicht alle mit bei der ePA. Laut Zahlen der Gematik-Gesellschaft, der Nationalen Agentur für Digitale Medizin, sind 120.000 Leistungserbringer derzeit in Kontakt mit der ePA. Machten alle in Deutschland mit, seien es 160.000. Wichtige Befunde aus einigen Krankenhäusern werden in die ePA zum Teil gar nicht eingespeist und noch per Fax an Arztpraxen übermittelt.

Die niedergelassenen Ärzte waren zum 1. Oktober 2025 unter der Androhung von Honorarkürzungen verpflichtet worden, bei der ePA mitzumachen. Gegenüber den Krankenhäusern war mehr Geduld vorhanden. Im September 2025 hätten nur 63 Prozent der Kliniken „die ePA mindestens einmal genutzt“, sagt Henriette Neumeyer, Vizevorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft. „Wir gehen davon aus, dass diese Quote seither deutlich gestiegen sein dürfte.“ Die Krankenhäuser arbeiteten mit Hochdruck an der Umsetzung, sagt Neumeyer. Denn ab 1. April drohten ihnen Kürzungen der Telematikinfrastruktur-Pauschale, falls die ePA technisch nicht verfügbar sei.

Gesundheitskarte in einem Gerät
Mit der Gesundheitskarte ist auch die elektronische Patientenakte verknüpft. Eine große Mehrheit der Versicherten besitzt sie, nutzt sie aber gar nicht aktiv.© picture alliance/dpa | Jens Kalaene

ePA und E-Rezept: Automatische Medikationslisten entlasten Patienten

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Beim GKV-Spitzenverband betont man erste Vorteile der ePA. Mit den E-Rezepten werde jede Verordnung eines Medikaments automatisch in die Akte eingespeist. Die sogenannten Medikationslisten boomen. „Von der automatisierten Dokumentation profitieren alle, die ein Medikament nehmen“, sagt ein GKV-Sprecher. „Die Versicherten müssen dafür aktiv nichts tun.“ So nützt die ePA den Patienten, ohne dass sie davon etwas wissen.