- China ist das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt
- Mit steigendem Wohlstand wächst dort die Nachfrage nach Fleisch und Milchprodukten
- Um diesem Anspruch gerecht zu werden, geht das Land ungewöhnliche Wege
Sieht man die Werbespots von Mengniu an, würde man kaum auf die Idee kommen, landwirtschaftlich gehaltene Tiere in China hätten irgendetwas zu klagen. Das Unternehmen stellt diverse Milchprodukte her. Dafür braucht es viele Kühe, und zwar tendenziell immer mehr. Milch boomt in China.
Die scheinbar glücklichen Kühe von Mengniu – die individuelle Fütterung erhalten sollen, aber eng an eng in Gitterstäben gehalten werden – müssen immer mehr Milch geben: Zwischen 1949 und 2018 erhöhte sich Chinas Milchproduktion um den Faktor 145, das Land wurde zum sechstgrößten Milchhersteller weltweit. Eine zentrale Rolle dabei spielt Mengniu, das zuletzt ausländische Betriebe wie Babynahrungshersteller Bellamy’s aufkaufte. Im ersten Halbjahr 2025 setzte der Konzern zwölf Milliarden US-Dollar um.
Die chinesische Volkswirtschaft, die zweitgrößte der Welt, wächst zwar allmählich etwas weniger schnell als im vergangenen Jahrzehnt. Fünf Prozent Zuwachs aber hat das Land laut offiziellen Zahlen auch 2025 wieder hingelegt. Während der von der Kommunistischen Partei (KP) angeführte Ein-Parteien-Staat damit sein Wachstumsziel erreicht hat, wächst eine weitere Aufgabe, für die Betriebe wie Mengniu Lösungen finden müssen: Wie ernährt man eine anspruchsvoller werdende Bevölkerung?
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Chinas Milchkonsum wächst rasant und fordert Landwirtschaft heraus
Tatsächlich ist es eine riesige Herausforderung: Denn ein zunehmender Anteil der rund 1,4 Milliarden Menschen fragt teurere und kalorisch hochwertige Nahrungsmittel nach. In Sachen Fleischkonsum pro Kopf hat China bereits das benachbarte und viel wohlhabendere Japan überholt und mit Deutschland gleichgezogen. Und auch was Milchprodukte von Butter über Käse und Joghurt bis hin zu Vollmilch angeht, ist ein Ende der Nachfrage nicht in Sicht.

Wobei es bis dato ein Limit gibt: die Kapazität. „Bisher hat die Volksrepublik versucht, die landwirtschaftliche Produktion um fünf bis zehn Prozent pro Jahr zu erhöhen“, heißt es in einem Papier des deutschen Landwirtschaftsministeriums zu einem Entwicklungsprojekt für den Sektor. Zugleich aber: „Wegen des Mangels an Land hierfür verfolgt China eine sehr intensive Landwirtschaft, mit erheblichen umweltlichen Auswirkungen.“ Die Landwirtschaft stehe unter „hohem Druck zu Effizienzsteigerungen“.
Chinas steigender Fleischkonsum belastet Umwelt und Ressourcen
Denn einerseits kurbelt die chinesische Landwirtschaft den Klimawandel längst mit an. Laut einem 2024 im Forschungsjournal „Applied Geography“ veröffentlichten Artikel macht die Lebensmittelindustrie international 25 Prozent globaler CO₂‑Ausstöße aus, „deutlich mehr als der Bausektor oder die Modebranche“. Fleisch- und Milchprodukte stehen hier je für einen großen Anteil. China ist also auch wegen seines zunehmenden hochkalorischen Konsums der mit Abstand größte CO₂-Emittent der Welt.
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Die Industrialisierung insgesamt im Land hat sich wiederum negativ auf die weiteren landwirtschaftlichen Möglichkeiten ausgewirkt. „Bodenabnutzung, Verschmutzung und zunehmende Probleme mit Frischwasserressourcen führen dazu, dass das zu bewirtschaftende Land weniger wird“, berichtet Jacob Gunter, Ökonom beim Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin. Zwar könne China seine Bevölkerung durchaus ernähren. Nur zu welchem Preis?
Klimawandel: Chinas Landwirtschaft erhöht CO₂-Ausstoß durch Industrialisierung
Aktuell ist China der weltweit größte Importeur landwirtschaftlicher Produkte – was den Ein-Parteien-Staat nervös macht. Einerseits liegt dies daran, dass sich die älteren Jahrgänge im Land noch an Hungersnöte erinnern, andererseits an den geopolitischen Spannungen mit den USA, der EU und Japan, die auch den Handel belasten können. Staatspräsident Xi Jinping hat erklärt: „Ehe ein Land zur Großmacht werden kann, muss es seine Landwirtschaft stärken.“ China will nahrungsmittelautark werden.
Und um dies zu erreichen, verfolgt die KP eine radikale Industrialisierungsstrategie der Landwirtschaft. Nicht nur der Milchkonzern Mengniu, der wie in China typisch einen kurzen Draht zur KP-Führung hat, unterhält hierzu mittlerweile hoch automatisierte, platzeffiziente und KI-basierte Fütterungssysteme. Wobei Kritiker in der Vergangenheit auf gesundheitsgefährdende Qualitätsmängel hingewiesen haben sowie das Problem der Massentierhaltung, das mit Mengnius Expansion eher größer wird. Nicht nur hier.
Hochhaus-Schweinemast ersetzt traditionelle Kleinbauernbetriebe
Auch in die Schweinezucht haben Unternehmen in den letzten Jahren umgerechnet Hunderte Millionen Euro investiert. So unterhält der einstige Zementhersteller Zhongxin Kaiwei nach eigenen Angaben die „größte frei stehende Schweinefarm“ – was nichts anderes bedeutet als Schweinemast in Hochhäusern. Nahe der Metropole Ezhou im Zentrum des Landes werden in zwei Türmen mit je mehr als 20 Stockwerken um die 1,2 Millionen Schweine pro Jahr gemästet.

Die Tiere werden dort per Kamera überwacht, je nach Alter und Gewicht auf verschiedenen Stockwerken separiert, gebadet und gezielt gefüttert. Zhongxin Kaiwei verfolgt auch damit die Ziele der Regierung, die Herstellung landwirtschaftlicher Produkte effizienter zu machen, zugleich die Zahl der Kleinbauern zu reduzieren, die meist weniger Kapital in Innovationen investieren können.

Tierüberwachung per Kamera: Effizienzsteigerung in der Hochhaus-Zucht
Allerdings ist die Kritik an Neuerungen wie der Hochhaustierzucht groß. Durch die Mast auf sehr engem Raum könnten Krankheiten schneller übertragen werden. Auch könnten die Tiere mehr Stresshormone bilden, ähnlich wie bei der Hühnerzucht. Anwohner der Fabrik bei Ezhou klagen laut der Schweizer Zeitung „NZZ“ auch vermehrt über den Gestank, der immer wieder von den Hochhäusern herüberwehe. Das Wohl der Tiere, die sich kaum bewegen können, dürfte in den Türmen auch kaum Priorität haben.
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Aber der gesellschaftliche Status von Tierprodukten ist im heutigen China so groß, dass die Idee einer Tierhaltung, die den letztlich zu schlachtenden oder melkenden Wesen zumindest Freiräume bietet, einen besonders geringen Status hat. Wichtiger ist die KP, die vor wenigen Jahren Hochhauszucht legalisierte, billiges Fleisch und billige Milch. Schwein gab es früher nur zu besonderen Anlässen. Die nun günstige Verfügbarkeit, die mit der Hochhauszucht zunehmen dürfte, ist auch ein Symbol für Wohlstand.
Anfang 2020 erklärte Jeffrey Lu, damals der CEO von Mengniu: „Bisher haben wir in China einen Milchproduktkonsum von 30 Kilo pro Person. Aber weltweit liegt er bei 100. Wir können uns also noch verdreifachen!“ Man habe noch viel vor sich. „Und das heißt, die Produktion muss noch deutlich wachsen.“ Aber bis Mengniu auch als Hersteller des besten Käses gilt, dürfte noch einige Zeit vergehen.
„China hat die inländische Produktion von Milchprodukten in den letzten Jahren stark hochgefahren“, so Jacob Gunter von Merics. Inländische Unternehmen produzierten für den Massenmarkt. Wer aber weniger preissensibel sei, so Gunter, greife lieber zu Produkten aus Europa – wegen „Qualität und Sicherheit“. Je mehr Fleisch und Milch konsumiert wird, desto stärker wächst tendenziell auch die Zahl der Verbraucher, die auf Massenhaltung lieber verzichten.



