Die Krisenmeldungen aus Deutschlands Chemieindustrie häufen sich. Vielerorts sollen Werke geschlossen, Anlagen stillgelegt und Jobs gestrichen werden. Martin Babilas, der Chef des Chemiekonzerns Altana mit Sitz in Wesel, befindet sich aber nicht im Krisenmodus. „Unser Geschäftsmodell funktioniert“, sagt er – und warnt davor, den Standort Deutschland schlechtzureden.
Herr Babilas, in Deutschlands Chemieindustrie herrscht Krisenstimmung – auch bei Altana?
Babilas: Nein. Natürlich sind das für uns alle herausfordernde Zeiten, aber zugleich stellen wir fest: Unser Geschäftsmodell funktioniert. Das hat Gründe. Zum Beispiel sind wir weniger energieintensiv als andere Chemieunternehmen. Außerdem haben wir Produktionsanlagen nicht nur in einem, sondern in vielen Teilen der Welt. Und wir setzen schon seit vielen Jahren auf Produkte, die nachhaltig sind. Heute profitieren wir davon, dass Industriekunden das Thema Nachhaltigkeit deutlich wichtiger ist als noch vor zehn Jahren.
Aber Altana produziert doch unter anderem Chemikalien für Lacke und Kunststoffe. Was soll daran nachhaltig sein?
Babilas: Wir stellen zum Beispiel sogenannte Additive her, die beim Kunststoff-Recycling helfen, außerdem Produkte, die dazu beitragen, Verpackungsmaterial einzusparen. Wenn Sie auf die Unterseite eines Flaschendeckels schauen, ist die Chance sehr groß, dass die Verschlussdichtung von uns stammt. Wir haben das Material so verbessert, dass die Dichtungsmasse jetzt mehr Stabilität bietet. Der Metalldeckel darüber kann deshalb dünner sein. Das spart jedes Jahr weltweit Tausende Tonnen Stahl ein.
In Ihrer Branche läuft eine Diskussion darüber, ob die Kosten für den Ausstoß von klimaschädlichem CO2 zu hoch sind. Auch der Ruf einer Abschaffung des CO2-Zertifikatehandels wird laut, etwa von Evonik-Chef Christian Kullmann. Wie lautet Ihre Position bei dem Thema?
Babilas: Es ist unvermeidlich, dass wir als Industrie den Ausstoß von CO2 verringern. Grundsätzlich hat sich der Emissionshandel als Instrument bewährt, auch wenn es dafür jetzt kluge Anpassungen braucht, damit die Industrie insgesamt die Transformation weiter umsetzen kann. Bei Altana gelingt das vor allem durch Innovation. Beim Thema Nachhaltigkeit sind wir viel mehr Teil der Lösung als Teil des Problems.

Der Sitz von Altana befindet sich in Wesel. In Rheinberg, nicht weit von Ihnen entfernt, schließt der britische Chemiekonzern Ineos eine Anlage – und verweist auf hohe Energie- und CO2-Kosten. Auch in Gladbeck steht ein Ineos-Werk vor dem Aus. Brechen vor Ihrer Haustür Wertschöpfungsketten weg? Und ist das eine Belastung für Altana?
Babilas: Wir produzieren rund 90 Prozent unserer Umsätze außerhalb Deutschlands. Unser Prinzip lautet: Wir sind dort, wo sich unsere Kunden befinden. Generell ist es wichtig, dass die Wertschöpfungsketten der chemischen Industrie in Deutschland erhalten werden. Dafür muss das Umfeld stimmen. Energiekosten sind ein Thema. Wichtig wäre zudem ein umfassender Bürokratie-Abbau.
Investieren Sie noch in großem Umfang an Ihren deutschen Standorten – oder vor allem im Ausland?
Babilas: Wir investieren weltweit in unsere Standorte, auch in Wesel. alleine 25 Millionen Euro in ein neues Gebäude für unsere Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten .

Als Siemens-Chef Roland Busch kürzlich gefragt worden ist, ob sein Konzern wohl noch mal in Deutschland gegründet würde oder anderswo, sagte er sinngemäß: vermutlich in den USA. Würden Sie Altana nochmal in Deutschland gründen?
Babilas: Ja, warum denn nicht? Ganz ehrlich: Manchmal finde ich die Abgesänge auf den Standort Deutschland übertrieben. Wir haben hier erstklassige Leute mit einer exzellenten Ausbildung. Die Vernetzung mit Forschungseinrichtungen und Hochschulen ist gut. Deutschland hat viel zu bieten. Die Kräfte, die es gibt, sollten sich allerdings auch entfalten können. Das geht nicht mit dem Grundsatz: Regeln, Regeln, Regeln. Davon gibt es hier einfach zu viele.
Von Ihren rund 8400 Beschäftigten arbeiten etwa 1200 in Wesel. Gelingt es Ihnen, die richtigen Fachkräfte an den Niederrhein zu locken, wenn Wesel mit Metropolen wie Frankfurt, München oder Hamburg konkurriert?
Babilas: Wir fühlen uns wohl in Wesel. Und was das Thema Fachkräfte angeht: Viele wissen unser Umfeld sehr zu schätzen. Wir haben hier am Niederrhein ein tolles Einzugsgebiet mit dem Ruhrgebiet, dem Münsterland und dem Großraum Düsseldorf, und auch die Nordsee ist relativ nah. Ganz wichtig ist: Wir sind nah dran an unseren Kunden, von denen viele Lacke und Farben herstellen.
Welchen Stellenwert hat das Homeoffice in Ihrem Unternehmen?
Babilas: Wir sind ein produzierendes und forschendes Unternehmen. Präsenz ist daher ein entscheidender Teil unserer Unternehmenskultur. Um kreativ und innovativ sein zu können, ist die menschliche Begegnung wichtig. Gleichzeitig gibt es für Büroarbeitsplätze keine starre Anwesenheitsquote in Wesel. Wir vertrauen unseren Führungskräften, dass sie beim Thema „Büro oder Homeoffice“ die richtige Balance mit ihren jeweiligen Teams finden.
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Welchen Anteil hat der Bereich Forschung und Entwicklung in Ihrer Gesamtbelegschaft?
Babilas: Jeder sechste unserer Beschäftigten arbeitet in diesem Bereich. Das ist in der Chemiebranche ein hoher Wert. Wir sehen, dass sich die Investitionen an dieser Stelle auszahlen.
Altana gehört der Unternehmerfamilie Klatten. Als nicht börsennotierte Aktiengesellschaft veröffentlichen Sie Halbjahreszahlen, sind aber nicht getrieben vom Quartalsbilanz-Rhythmus und dem Druck des Aktienmarkts. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
Babilas: Für uns ist der Austausch mit der Eigentümerfamilie Klatten wichtig. Wir fühlen uns damit sehr wohl. Die Aufstellung, die wir haben, hilft uns, langfristig zu agieren und unsere Strategie des nachhaltigen, profitablen Wachstums weiterzuverfolgen.
Die Familie Klatten ist auch Großaktionärin beim Autobauer BMW. Gibt es dadurch einen besonders engen Austausch von Altana mit der Autoindustrie?
Babilas: Dort, wo es Anknüpfungspunkte gibt, tauschen wir uns aus. Viele unserer Produkte kommen in der Autoindustrie zur Anwendung, da unsere Kunden unter anderem Farben und Lacke herstellen. Auch die Elektromobilität ist für uns ein Wachstumsmotor.



