Als im Oktober ein Rechenzentrum von Amazon Web Services in Nord-Virginia ausfiel, dauerte es nur wenige Minuten, bis die Störung in Europa spürbar wurde. Nutzerinnen und Nutzer meldeten Störungen bei Messaging‑Apps, Streaming‑Plattformen und sogar Bank‑ und Behörden‑Websites. Ein technisches Problem auf der anderen Seite des Atlantiks – und Europa gerät ins Stolpern. Der Vorfall zeigte: Europa hängt in der digitalen Grundversorgung stärker von amerikanischen Tech-Konzernen ab, als vielen bewusst war.
Der Schaden war enorm. Schätzungen zufolge dürfte er mehrere hundert Milliarden Dollar betragen haben. Und das in einer Phase geringer Auslastung – nachts in den USA, am frühen Morgen in Europa. Genau diese Verletzlichkeit beschäftigte am Dienstag in Berlin führende europäische Politiker und Vertreter der Tech-Branche bei einem Gipfeltreffen zur europäischen digitalen Souveränität. Sie suchten nach Strategien, um die Abhängigkeit des Kontinents zu verringern. Ein Überblick.
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Wie stark ist Europa auf die USA angewiesen?
Die kurze Antwort: sehr. Internet-Clouds sind dabei nur ein Teil des Problems. In vielen Verwaltungen und Unternehmen laufen inzwischen entscheidende Prozesse über Systeme, die in den USA entwickelt und betrieben werden. Das betrifft etwa Cloud-Server, Büro-Software, Datenbanken oder Verwaltungsplattformen.
Hinzu kommt eine Entwicklung der vergangenen Jahre, die die Abhängigkeit noch einmal verschärft hat: Künstliche Intelligenz. ChatGPT, Claude, Gemini, Llama – ihre Dienste stecken hinter Kundenportalen, Chatbots, Produktionssystemen oder Verwaltungssoftware. Viele Unternehmen bauen ihre Abläufe inzwischen so auf, dass sie ohne diese Schnittstellen nicht mehr funktionieren würden.

Was aber passiert, wenn ein Anbieter den Zugang sperrt? Wenn eine US-Regierung entscheidet, dass KI-Systeme als strategische Technologie gelten – und Europa plötzlich nicht mehr bedienen werden soll? Donald Trump kündigte bereits an, KI-Modelle als sicherheitsrelevante Technologie zu behandeln.
Dazu kommt ein rechtliches Problem: Der US-Cloud Act verpflichtet amerikanische Firmen, Daten an Behörden herauszugeben. Und zwar selbst dann, wenn diese Daten in europäischen Rechenzentren liegen. Für europäische Behörden und Unternehmen bedeutet das: Die geografische Nähe eines Servers schützt nicht automatisch vor Zugriffen nach US-Recht.
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Woher kommt die Abhängigkeit?
Für Experten ist die Abhängigkeit das Ergebnis systematischer Fehlentscheidungen. Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs, sagt: „Unsere technologische Abhängigkeit ist das Ergebnis von jahrzehntelangem Förderungs- und Innovationsmangel.“ Es sei kein Zufall, dass US-Unternehmen den Markt dominierten; diese Vormachtstellung hätten sie sich aggressiv mit ökonomischen, technischen und politischen Mitteln erkämpft. „Europa hat an dem Kampf nicht teilgenommen“, so Neumann.
Markus Beckedahl, Gründer des Zentrums für Digitalrechte und Demokratie, warnt: „Spätestens seit Tech-Milliardäre wie Zuckerberg und Musk offen mit Donald Trump kooperieren, wissen wir: Europa hat sich in fatale Abhängigkeiten begeben. Wir bauen unsere Demokratien auf Infrastrukturen, die wir nicht kontrollieren – und die nicht unseren Werten verpflichtet sind.“ Die Aufgabe sei klar: „Wir müssen Big Tech regulieren. Und wir brauchen echte Alternativen.“
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Was will Europa jetzt tun?
Beim Digitalgipfel in Berlin ging es um die Frage, wie Alternativen zu US-Techkonzernen in Europa entstehen können. So sprach sich etwa Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) für eine starke Rolle Europas in der digitalen Welt aus. „Um im Wettbewerb um digitale Technologien zu bestehen, brauchen wir Innovationsfähigkeit. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Wir brauchen Innovationsführerschaft“, sagte der Kanzler. Das betreffe insbesondere die entscheidenden Schlüsseltechnologien von künstlicher Intelligenz über Quantentechnologie und Cloud Computing bis hin zur Mikroelektronik.
Der deutsche Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) forderte einfachere Vorgaben für Anwendungen der Künstlichen Intelligenz, ohne den Datenschutz und die Grundrechte der Bürger zu schleifen. „So wie wir Regulierung bauen, verhindern wir trotzdem Innovation und wir müssen es hinbekommen, beides miteinander besser zu verbinden“. In diesem Sinne äußerste sich auch die französische Ressortchefin Anne Le Hénanff. Sie sagte, es werde in bestimmten Fällen notwendig sein, Vereinfachungen vorzunehmen.

Am Mittwoch will die EU-Kommission Vorschläge für Reformen an wichtigen Digitalgesetzen präsentieren. Der Brüsseler Behörde schweben unter anderem Änderungen an der Datenschutzgrundverordnung und an den Regeln zum Einsatz Künstlicher Intelligenz vor. Datenschützer sehen das sehr kritisch. „Man kann nicht beides haben, die Bundesregierung verhandelt gerade Datenschutz und KI-Sicherheit im Namen einer Entbürokratisierung und Deregulierung“, sagt Beckedahl. Dies führe zu weniger Schutzrechten für Bürgerinnen und Bürger.
Bereits am Dienstag sagten 75 deutsche Unternehmen Digitalminister Wildberger zu, sich am Projekt einer europäischen digitalen Brieftasche zu beteiligen. Darunter sind Banken, Handelsunternehmen und Dienstleister. Bei der geplanten „European Digital Identity Wallet“ (EUDI-Wallet) geht es darum, eine digitale Anwendung auf die Beine zu stellen, in der offizielle Nachweise sicher abgelegt und genutzt werden können. Bürger sollen sich damit überall identifizieren können und Zugang zu digitalen Dienstleistungen erhalten.
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Wie geht es jetzt weiter?
Aktuelle Investitions-Entscheidungen zeichnen noch kein Bild europäischer Unabhängigkeit: Google und Microsoft stecken Milliarden in neue Rechenzentren in Deutschland, die Telekom kooperiert mit Chip-Gigant Nvidia, und die Nachfrage nach KI-Leistung wächst schneller, als europäische Anbieter derzeit liefern können. Kurzfristig stabilisieren diese Investitionen die Versorgung. Langfristig aber verstärken sie die Abhängigkeit und erschweren den Aufbau einer eigenen europäischen KI-Landschaft.
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Erste Schritte in Richtung mehr Unabhängigkeit gibt allerdings bereits: Einige Bundesländer stellen ihre Verwaltungssoftware auf sogenannte Open-Source-Lösungen um. Der Vorteil: Der Programm-Code ist einsehbar, Daten bleiben innerhalb des eigenen Rechtsraums, und die öffentliche Hand kann Software künftig selbst kontrollieren, anpassen und weiterentwickeln.









