Um 19 Uhr fällt in Kabale die Dunkelheit. Wenn Hanna Schmitt vom Fußballtraining in ihre Freiwilligen-WG nach Hause kommt, wartet auf sie eine kalte Dusche. „Es war Horror. Also wirklich Horror“, sagt die 19-Jährige und lacht. Elf Monate hat die Spielerin von Fortuna Freudenberg im Süden Ugandas gelebt, keine drei Autostunden von der Grenze zum Kongo entfernt. Jetzt sitzt sie wieder im Siegerland – zurückgeholt wegen Ebola. Früher, als sie es erwartet hatte.
Der Anruf kam überraschend. „Wir hatten damit gar nicht gerechnet, und dann war es auf einmal so: ‚Ja, Fort Portal, Kasese und Kabale sind betroffen‘“, erzählt Schmitt. Ihre Entsendeorganisation Weltwärts und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) lösten die Standorte in den Grenzregionen auf.

Im Kongo war die Zahl der Ebola-Fälle und der Toten stark gestiegen, auch in Uganda gab es Erkrankte – überwiegend Kongolesen und Menschen, die sie behandelt hatten. „Uganda hat das recht gut im Griff gekriegt“, sagt Schmitt. Massenveranstaltungen seien früh abgesagt worden, seit einigen Wochen gelte das Land wieder als Ebola-frei. Dennoch die Entscheidung: Ihr müsst nach Hause.
Hanna Schmitt hat wegen Ebola zwölf Tage, um ihr Leben einzupacken
Zwölf Tage blieben ihr, um alles zu regeln: das Haus für die nächsten Freiwilligen herrichten, die eigenen Sachen packen, sich verabschieden. Und die Projekte übergeben. Gemeinsam mit ihrer Mitfreiwilligen hatte Schmitt an ihrer Schule ein Programm zur Menstruationshygiene aufgebaut, mit wiederverwendbaren Binden, genäht von einer Schneiderin vor Ort. „Es hingen jetzt nicht nur die Kinder dran, die die Binden nicht gekriegt haben, sondern auch die Schneiderin, die das Gehalt sonst nicht bekommen hätte.“ Die Materialien liegen jetzt bereit, die Schneiderin ist bezahlt, die nächsten Freiwilligen sollen die Workshops fortführen.

Ihr Alltag in Kabale, das waren 80 Kinder im Sportunterricht, deren Namen sie kaum kannte. Das war eine Fußball-Academy in den Ferien, ein selbst organisiertes Turnier, Trainingsstunden für Frauen und Mädchen. „Wenn man denen was mitgeben kann, ist das schon cool“, sagt Schmitt. Sie kochte mit ihren Mitbewohnerinnen, kaufte Kartoffeln, Brokkoli, Kohl und Äpfel auf dem Markt – für wenig Geld. Am liebsten aber holte sie sich nach dem Fußball ein Chapati mit Rolex, einen Wrap mit Ei und Gemüse, dazu Avocado und Zwiebeln. 50 Cent. Satt.
Schmitt in Uganda: Ein Schlag, der in Erinnerung bleibt
Es gab auch Momente, die anders in Erinnerung bleiben. In manchen Schulen erlebte Schmitt, wie Kinder mit einem Stock geschlagen wurden. In Uganda ist die Prügelstrafe seit einigen Jahren gesetzlich verboten. „Wenn man das einmal so sieht, denkt man sich auch so, hm“, sagt Schmitt und stockt. Ihre Organisation hatte sie darauf vorbereitet, mit der Schulleitung suchte sie das Gespräch. „In einer Gesellschaft groß zu werden, wo das noch normaler ist, aus diesen Strukturen rauszukommen, ist natürlich nicht einfach. Das dauert.“

Vor der Rückreise schoben Schmitt und ihre Mitfreiwillige zwei Wochen Urlaub in Kenia und Tansania ein. Ein Besuch am Indischen Ozean, eine Fahrradsafari zwischen Giraffen. „Das war schon eine gute Überleitung nach Deutschland. Kenia ist moderner als andere Länder in Afrika, da konnte ich mich schon besser auf Deutschland vorbereiten.“ Denn die Ankunft war ein Bruch.
Die Autobahn vom Flughafen, das warme Wasser aus der Leitung. „Man denkt schon noch mal drüber nach, wie reich jeder von uns eigentlich ist. Es ist Meckern auf höchstem Niveau.“ Fließend Wasser, Strom, eine Krankenversicherung – „das ist an sich eigentlich nur Glückssache“, sagt die 19-Jährige.
Rückkehr überrascht Teamkollegen: „Nee! Ist das Schmitti?“
Ab September studiert Schmitt in Siegen Soziale Arbeit und arbeitet im Kinder- und Jugendtreff Eiserfeld. An Lehramt hatte sie vor ihrer Abreise nach Uganda auch gedacht, aber: „Lehramt ist raus.“ Zurück im Team von Fortuna Freudenberg war sie schon beim ersten Training – ohne Vorankündigung. „‚Nee! Ist das Schmitti?‘“, habe eine Mitspielerin gerufen.
In Uganda hatte Schmitt meist mit Männern trainiert, eine Frauenmannschaft fehlte ihr. „Deswegen war ich sehr, sehr happy.“ Jetzt kickt sie wieder in ihrer Heimat, doch ihre Gedanken schweifen immer wieder nach Afrika. Denn, so sagt sie immer wieder, das Jahr hätte sie gerne vollgemacht. Vor allem jetzt, wo Uganda wieder als Ebola-frei gilt.



