Erst ein missglückter Abwurf. Dann ein Ball, den er ins eigene Tor lenkte: Es waren Szenen, die um den Planeten gingen und die für einen Wendepunkt in der Laufbahn von Loris Karius sorgten. Im Mai 2018 patzte der Torhüter zweimal auf der Champions-League-Finalbühne. Womöglich hatte eine nachträglich diagnostizierte Gehirnerschütterung Anteil daran. Doch das bewahrte Karius nicht vor weltweiter Häme, sogar Morddrohungen und einem jahrelangen Karrieretief, dem erst sein Wechsel zu Schalke 04 Anfang 2025 ein Ende setzte.
„Bis zu diesem Zeitpunkt ging es in meiner Karriere nur steil bergauf, dann bin ich plötzlich krachend abgestürzt – bis ganz nach unten. Es war extrem hart, auch weil ich damals Mitte 20 als Persönlichkeit noch nicht so gefestigt war wie heute“, blickte Karius im großen Interview mit dieser Redaktion kürzlich auf die damalige Zeit zurück. Die Situation hatte ihn so sehr belastet, dass der heute 32-Jährige mit mentalen Problemen zu kämpfen hatte, über ein Karriereende nachdachte. „In dieser Phase hatte ich das Gefühl, niemand würde mich verstehen.“
Nun, acht Jahre später, hat sich Karius ausführlich zu den dramatischen Ereignissen vom 26. Mai 2018 geäußert. In Michael Horenis kürzlich erschienenem Buch „Glaube, Liebe, Klopp: Jürgen Klopp und die Neuerfindung des Fußballs“ arbeitet Karius das Endspiel in einem Kapitel auf und gibt Einblicke in sein Verhältnis zu Klopp, seinem damaligen Trainer beim FC Liverpool.
Karius kassiert Ellbogen-Schlag vor den Patzern
„Wir waren sofort gut im Spiel. Und ich bin mit den ersten Aktionen auch gut ins Spiel gekommen“, erinnert sich Karius in Kapitel neun des Buches an die Anfangsphase des Endspiels gegen Real Madrid. Doch nachdem Liverpool mit der verletzungsbedingten Auswechslung von Topspieler Mo Salah in der ersten Halbzeit einen ersten Rückschlag verkraften musste, kam es in der zweiten Halbzeit ganz bitter für die Engländer und vor allem für Karius.

Real-Raubein Sergio Ramos, zuvor bereits für die Salah-Verletzung verantwortlich, erwischte Karius nach einem Eckball mit dem Ellbogen an der Schläfe. „Es hat kurz geknallt, ich bin zu Boden. Wie es genau war, kann ich nicht mehr sagen. Es gab damals ja auch noch keinen VAR. Aber es gab einen Schiedsrichter hinter dem Tor. Und dass von ihm da gar nicht eingegriffen wurde, hat mich kurz verwirrt in dem Moment“, beschreibt Karius.
Kurz darauf dann der Schock: Beim Ballabwurf übersah Karius den neben ihm lauernden Karim Benzema. Der Stürmer hielt seinen Fuß in die Flugbahn des Balles, der ins Tor trudelte. „Ob das am Ende wegen des Schlags war, werde ich nie wissen“, meint Karius zu seinem Black-out. „Aber es ist natürlich schon komisch: Als Torwart wirfst du eine Million Mal den Ball ab. Und dass du dabei jemanden übersiehst, kommt normal nicht vor.“ Er habe das Spiel eigentlich normal zu Ende gespielt. „Mir war auch nicht übel. Aber wie es mir in diesem Moment ging, kann ich wirklich schwer sagen: Das ganze Adrenalin, die Enttäuschung – das ist in diesen Momenten alles drin in einem.“
Liverpool holt neuen Torhüter – Karius erfährt es im TV
In der Schlussphase patzte Karius erneut. Beim Versuch, den Ball zu fangen, lenkte er einen haltbaren Distanzschuss von Gareth Bale zum 1:3 ins eigene Tor. Damit waren die Träume der „Reds“ endgültig geplatzt. Und Karius fühlte sich schuldig. „Nach dem Spiel hat sich natürlich jeder bei uns extrem scheiße gefühlt. Aber zu wissen, dass du mitverantwortlich bist für die Niederlage, macht es noch mal schlimmer. Ich habe mich auch schlecht gefühlt gegenüber meinen Mitspielern. Dieses Gefühl, dass du sie im Stich gelassen hast.“
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Nach Abpfiff brach der Torwart noch auf dem Platz in Tränen aus. Klopp verzichtete zunächst darauf, Karius aufzumuntern, nur zögerlich tröstete er seinen Schlussmann. „In dem Moment ist nach so einem Spiel jeder einfach enttäuscht. Jürgen war vielleicht auch im Tunnel der Enttäuschung. Mir ist es lieber, jemand ist authentisch und ist dann gerade mit sich selber beschäftigt, als einer, der nach dem Abpfiff nur wegen der Kamera zu mir läuft, es aber nicht ernst meint“, erzählt Karius. Klopp habe ihn nicht links liegen lassen: „Er hat gemeint, wir kriegen das wieder hin. Ich solle in Ruhe die Sommerpause nutzen, dann greifen wir wieder an.“

Einige Tage später diagnostizieren Fachärzte in den USA eine Gehirnerschütterung und eine visuelle räumliche Dysfunktion bei Karius. Für Klopp erklärte, dass die Verletzung hundertprozentig die Erklärung für Karius’ Patzer sei. Trotzdem schaut sich Liverpool nach einem neuen Torhüter um, holt Alisson Becker für 70 Millionen Euro aus Italien. Vom Transfer erfährt Karius eigenen Angaben zufolge im TV.
Noch in jenem Sommer verließ Karius Liverpool, wechselte zu Besiktas Istanbul. Dort wurde er nicht glücklich, ebenso wenig in der Folge bei Union Berlin und Newcastle United. Nach mehreren Monaten als vereinsloser Spieler kam Karius Anfang 2025 zu Schalke – und verhalf dem Revierklub mit herausragenden Leistungen zum Aufstieg in die Bundesliga.
Heute schaue ich ohne Schmerz zurück.
Loris Karius, im Buch „Glaube, Liebe, Klopp: Jürgen Klopp und die Neuerfindung des Fußballs“
„Ich bin schon enttäuscht, dass ich nicht über Jahre die Nummer eins gewesen bin in Liverpool, dass ich nicht mehr daraus machen konnte. Aber ich bin trotzdem stolz, dass ich ein Teil von Liverpool war, von dieser Mannschaft, dass ich das Finale der Champions League erreicht habe“, erklärt Karius. Er schließt seine Erinnerungen: „Heute schaue ich ohne Schmerz zurück. Jürgen ist es gewesen, der mich damals geholt hat, der mir vertraut hat. Es ist am Ende dann nicht so gelaufen, wie wir uns beide das vorgestellt haben. Und ehrlicherweise muss man auch sagen, dass er dann einen Torwart verpflichtet hat, der über Jahre hinweg wahnsinnig gute Leistungen gebracht hat.“
Und wer weiß: Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Wege von Karius und Klopp noch einmal kreuzen. Der 59-Jährige ist inzwischen ja Bundestrainer und deutete bereits unerwartete Nominierungen an. Sollte Karius seine Zweitliga-Form in die Bundesliga transportieren, könnte er in den Fokus des DFB-Teams rücken. „Ich weiß nicht, was er plant. Aber ich spiele jetzt mit Schalke in der Bundesliga – die Voraussetzungen sind nicht schlecht“, sagte Karius dazu im Interview mit dieser Redaktion. „Wenn ich Top-Leistungen bringe, kann ich vielleicht ein Kandidat werden. Ich werde für Schalke alles geben – was dann kommt, werden wir sehen.“
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