Er wankte, er strauchelte, ja, er fiel sogar. Doch als er wieder aufstand, war Leo Neugebauer Europas König der Athleten. Alles, was an Willen in diesem riesigen Körper steckte, schien der 26-Jährige noch einmal Richtung Beine zu senden. Kraft war da längst nicht mehr, nur noch Schmerz. Der Schmerz der abschließenden 1500 Meter nach zwei langen Zehnkampftagen. Stürzend kam er über die Ziellinie, blieb völlig erschöpft liegen. Bange Blicke gingen Richtung Anzeigetafel. Doch es reichte: Am Ende eines packenden Krimis rettete er einen Vorsprung von nur 38 Punkten auf seinen Teamkollegen Niklas Kaul (Mainz) ins Ziel und sicherte sich bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham mit 8611 Zählern seinen zweiten großen Titel der Karriere. Bronze ging an den Norweger Sander Skotheim (8433). Youngster Amadeus Gräber (8162/Frankfurt) wurde Achter.

„Zwei Medaillen für Deutschland wären ein Traum“, hatte Leo Neugebauer im Laufe des Wettkampfes gesagt. Nach dessen Erfüllung stellte er fest: „Es geht nicht besser.“ Zuletzt hatte es vor 40 Jahren zwei Deutsche auf dem EM-Zehnkampfpodium gegeben. Dass es Gold und Silber gab, liegt sogar noch länger zurück: 1969 war das. Nun ist der Bann gebrochen. „Die Silbermedaille bedeutet mir sehr viel. Ich habe kurz an Gold gedacht, dann war ich aber ganz schön blau“, erklärte Kaul. Neugebauer: „Auf den letzten 50 haben mich meine Beine etwas im Stich gelassen, aber ich habe es geschafft.“

Führung durchgebracht

Natürlich war es Leo Neugebauer, auf den sich vor Beginn der EM alles konzentriert hatte. Als Weltmeister, als Olympia-Zweiter war der 26-Jährige zu seiner ersten Europameisterschaft gereist, um „nicht nur mitzumachen, sondern auch oben mitzumischen“. Eine Medaille, ja, das würde ihn zufrieden nach Hause fahren lassen, hatte er vor der EM verraten.

27th European Athletics Championships - Birmingham 2026: Day Four
Völlig fertig nach den 1500 Metern: Leo Neugebauer.© Getty | Hitij

Ein Selbstläufer aber sollte es nicht werden. Doch das Wort Kampf ist nicht umsonst Teil dieser Disziplin. Schon über die 100 Meter kam Neugebauer direkt nach dem Start ins Straucheln. Die 400 Meter zum Abschluss des ersten Tages fingen stark an und endeten in einem einzigen Krampf inklusive Zielsturz. Er ging als Gesamtführender ins Bett, doch entspannt sah das nicht aus.

Ganz anders Niklas Kaul. Der Weltmeister von 2019 und Europameister von 2022 wirkte frisch und fit wie lange nicht. Hatte er nach den Olympischen Spielen 2024 in Paris noch gehadert, wofür sich diese ganze Schufterei überhaupt lohne, wirkte er nun wie befreit – und erklärte dies auch: „Ich bin vor allem locker im Kopf“, sagte er. „Ich hatte nach den großen Erfolgen mit WM und EM immer so ein bisschen im Kopf, ich muss jetzt ein anderer Zehnkämpfer sein, als der, der ich bin. Das habe ich im letzten Jahr aus dem Kopf gekriegt. Seitdem macht mir Zehnkampf wieder Spaß und ich glaube, das sieht man mir auch an.“

Die ersten fünf Disziplinen – 100 Meter, Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung und 400 Meter – absolvierte er viermal mit Saisonbestleistung, die Kugel stieß er sogar so weit wie nie. Am Ende stand das zweitbeste Halbzeitergebnis seiner Karriere.

Leichtathletik: Europameisterschaft
Niklas Kaul warf den Speer weit und gewann Silber.© dpa | Hoppe

Neugebauer war auch am nächsten Vormittag im Alexander Stadium nicht so lockerleicht, wie man es von ihm gewohnt ist. Erst touchierte er einige Hürden, auch bei seiner Diskus-Gala mit Meisterschaftsrekord wirkte er angespannt. Der Strahlemann – wie gedimmt. Und das, obwohl sein Fanclub, dessen Vorsänger Papa Terence bis zur Heiserkeit den Namen seines Sohnes anstimmte, bei Gluthitze tapfer mitwanderte und auf der Tribüne in schwarzen Shirts alles gab. „The germans are in the house“, nahm auch die Stadionmoderatorin anerkennend zur Kenntnis.

Panne im Stabhochsprung

Im Stabhochsprung dann der Super-GAU. Eine peinliche Panne sorgte für eine Extraschicht bei über 30 Grad in der prallen Sonne. Gerade hatten Neugebauer und weitere Athleten die 4,80 Meter übersprungen – da mussten sie noch einmal ran. Das Problem: Die Höhe der Latte wurde von den Kampfrichtern falsch eingestellt. „Bei den Witterungsbedingungen natürlich fatal“, schimpfte Mehrkampf-Bundestrainer Jörg Roos. Protest wurde eingelegt, Neugebauer sprang unter Vorbehalt weiter – überquerte die 4,80 und die 4,90 Meter. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte der Stuttgarter, der sich zu allem Überfluss noch an der Wade verletzte und anschließend mit langem schwarzem Tape antrat.

Von dem Chaos nicht betroffen war Niklas Kaul. Souverän übersprang er Höhe für Höhe. Da war er wieder: Dieser Jubel, diese Freude, die er Richtung Tribüne herausschrie. Dahin, wo seine Eltern saßen, die auch seine Trainer sind.

Doch jetzt begann der Kampf. Geschlaucht von dem langen Tag und den hohen Temperaturen, Neugebauer dazu mit angeschlagener Wade, Kaul zwickte das Schlüsselbein. Seinen Speer ließ der 28-Jährige in seiner Spezialdisziplin trotzdem rund zehn Meter weiter fliegen, als es die der Konkurrenz vermochten. Doch auch Neugebauer feuerte eine Saisonbestleistung aus dem Arm. Dann kam der schmerzhafte Abschluss über 1500 Meter – gekrönt mit einem Doppelsieg.