Auf wackligen Beinen und gezeichnet von seinem Sturz-Schock verließ Florian Lipowitz den „Medical Truck“ der Tour de France. Das Gesicht beinahe so bleich wie das medizinische Tuch, das man ihm um den Oberkörper gelegt hatte, wankte der 25-Jährige nach einer ersten Untersuchung in Richtung eines Transporters – und verabschiedete sich mit hängendem Kopf von der größten Bühne des Radsports.
Aus dem Krankenhaus, in das Lipowitz anschließend gebracht worden war, sickerte spät am Abend die erwartbare wie ernüchternde Diagnose durch: Schlüsselbeinbruch, voraussichtlich sechs bis acht Wochen Pause, mögliches Saisonaus. Statt weiterer Tour-Heldentaten warten auf den Gesamtdritten des vergangenen Jahres, der im schmerzhaftesten Moment seiner jungen Karriere von Freundin Antonia getröstet wurde, nun zehrende Reha-Maßnahmen.
„Es ist super schade, dass er nicht weitermachen kann. Wir werden ihn nicht nur im Kampf um das Podium vermissen, sondern auch den Menschen“, sagte Ralph Denk. Lipowitz‚ Teammanager bei Red Bull-Bora-hansgrohe stellte sich spät am Abend am Mannschaftshotel den Fragen und erklärte: Im „Sekundenkampf“ ums Podium habe der zuvor Gesamtfünfte eben „alles auf eine Karte gesetzt“ – und wurde dafür bestraft.
Sturz in der Rechtskurve
In einer Rechtskurve war Lipowitz auf der 16. Etappe weggerutscht und anschließend bei hoher Geschwindigkeit in eine Absperrung gerauscht. Kurz darauf wurde er blutend von der Strecke eskortiert. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bestens im Rennen gelegen – Platz drei hinter Remco Evenepoel und Tadej Pogacar im Tagesklassement schien möglich.
Stattdessen endete für Lipowitz eine insgesamt komplizierte Tour. Geprägt von ständigen Diskussionen um die Doppelspitze im Red-Bull-Team, von der unsachlichen Kritik von Seiten seines Co-Kapitäns Evenepoel in der ersten Woche – und auch von sportlichen Rückschlägen. Einige Male konnte Lipowitz den Topfahrern in den Bergen nicht folgen, an anderen Tagen wirkte er körperlich auf der Höhe, aber durch die Teamstrategie seltsam gehemmt.

Nun bietet sich viel Zeit, das Erlebte zu verarbeiten, und Schlüsse zu ziehen. Gut möglich, dass der Laichinger auf ein Comeback in diesem Jahr verzichtet und sich voll auf die kommende Saison fokussiert. Denn viele Optionen bleiben nicht: Die Vuelta, die in viereinhalb Wochen startet, dürfte keine sein; anschließend hat der Rad-Kalender nicht mehr viel zu bieten.
„Wir werden uns nicht verstecken“
Es sei zu früh, über einen Comeback-Plan zu spekulieren, betonte Denk am Teamhotel. Von einer Siegesfeier für den Tagessieger Evenepoel, der dem deutschen Team den zweiten Etappensieg hintereinander beschert hatte, war im Hintergrund derweil wenig zu spüren. „Wir haben gewonnen, aber es ist nicht super geil für uns“, sagte Denk.
„Nach all den Opfern, die er gebracht hat, tut das besonders weh“, betonte auch Evenepoel. „In erster Linie ist es sehr bitter für ihn selbst, aber auch für das Team.“ Der belgische Doppel-Olympiasieger ist nun der letzte verbliebene Trumpf für das Red-Bull-Team im Kampf um einen Podestplatz. Deshalb, sagte Denk nicht ohne Trotz in der Stimme, sei man „froh über die Doppelstrategie“.
Evenepoel, der im Hochgebirge nun auf sich allein gestellt sein dürfte, liegt auf dem zweiten Rang in der Gesamtwertung. Pogacars fünften Titel wird er bei mehr als viereinhalb Minuten Rückstand wohl nicht mehr ernsthaft gefährden können. Vom Drittplatzierten Isaac Del Toro und dem Vierten Paul Seixas trennen ihn aber schon 79 bzw. 99 Sekunden. „Wir werden das Podium nicht herschenken“, sagte Denk: „Wir werden uns nicht verstecken oder aufgeben.“ sid


