Am Ende wirkte ausgerechnet der Spieler, den Donald Trump unbedingt gegen alle Fußball-Gepflogenheiten freibekommen wollte, wie das Gesicht einer Überforderung, die größer war als dieses Spiel. 

Folarin Balogun stand am Montagabend in Seattle auf dem Platz, die USA hatten ihren besten Stürmer zurück – nach dem Anruf des Präsidenten bei Gianni Infantino, nach der wundersamen wie skandalösen Fifa-Gnade, nach der Aufhebung der Sperre bei dieser Heim-WM. Nur half es nichts. Gegen Belgien zerfiel der Gastgeber USA im WM-Achtelfinale mit 1:4 dramatisch – sportlich an einem in allen Belangen stärkeren Gegner, mental womöglich auch an der Last einer Affäre, die der Präsident der Vereinigten Staaten persönlich über die Mannschaft gelegt hatte.

1994, 2010, 2014, 2022 – und 2026

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Dabei gab es kurzzeitig noch Hoffnung. Als Balogun nach 81 Minuten frei vor Thibaut Courtois auftauchte, war für einen Augenblick noch einmal alles da: der Lärm, die Hoffnung, die Erzählung vom Gastgeber, der sich nicht mit Vorrunden-Erfolgen begnügen würde. Aber sein strammer Schuss wurde nicht der ersehnte Anschlusstreffer – sondern zum Sinnbild des Abends. Die USA wollten ungeheuer viel, konnten am Ende erstaunlich wenig und fanden sich auf vertrautem Terrain wieder. Sie schieden zum gleichen Zeitpunkt aus der WM aus wie schon 1994, 2010, 2014 und 2022.

Es war ein ernüchterndes Ende, weil es nicht nur ein verlorenes Achtelfinale war. Es war über Strecken ein Zusammenbruch unter Scheinwerfern. Die Mannschaft von Trainer Mauricio Pochettino, bis dahin eines der elektrisierenden Teams des Turniers, wirkte von Beginn an wie festgebunden. Die Beine schwer, die Pässe unsauber, die Entscheidungen hastig. Belgien musste gar nicht zaubern. Es reichte, in Schlüsselmomenten klarer und kälter zu sein. Charles De Ketelaere traf früh zum 0:1. Malik Tillman glich per abgefälschtem Freistoß aus, doch kaum glaubte die Mehrheit der 70.000 im Stadion von Seattle an die Wende, köpfte De Ketelaere Belgien wieder nach vorn. Zur Pause stand es 1:2. Das Ergebnis war gnädiger als der Eindruck. Die US-Defensiv-Abteilung wirkte indisponiert wie lange nicht: Flanken wurden nicht verhindert, zweite Bälle nicht gewonnen, Laufwege nicht verfolgt.

Christian Pulisic, sonst Amerikas elektrischer Mittelpunkt, blieb stumpf. Nach einem Zweikampf bewegte er sich gehemmt, reklamierte mehr, als dass er das Spiel ordnete. Tyler Adams fand keinen Zugriff, Gio Reyna blieb Andeutung. Antonee Robinson sagte später: „Es war ehrlich gesagt anders als alle anderen Leistungen, die wir diesen Sommer gezeigt haben.“ Präziser: Es lief überall schief. Die Szene, die alles kippte, kam in der 57. Minute. Torwart Matt Freese lief aus seinem Tor, vertändelte, verlor den Ball, Hans Vanaken schob zum 1:3 ein. Ein Tor wie ein Offenbarungseid. Später setzte Romelu Lukaku den vierten Treffer bei seiner vierten WM. Der amerikanische Zusammenbruch war perfekt. Der Hoffnungsträger war mit beschämender Leichtigkeit auseinandergenommen worden. Demoralisierend.

Pochettino: „Keine Ausreden suchen“

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Über allem lag der Fall Balogun. Sportlich wäre der beste US-Torschütze nach seiner Roten Karte gegen Bosnien-Herzegowina gesperrt gewesen. Dann rief Donald Trump bei Fifa-Präsident Gianni Infantino an und bat um eine „Überprüfung“. Wenig später setzte die Fifa-Disziplinarkommission die Sperre zur Bewährung aus. Balogun durfte spielen. Die Rote Karte blieb, ihre Folge verschwand. Trump pries die Entscheidung als „brillant“ und dankte der Fifa, eine „große Ungerechtigkeit“ korrigiert zu haben. Der belgische Verband war empört. Trainer Rudi Garcia sprach von einem „Aprilscherz“.

Coach Mauricio Pochettino versuchte nach dem Spiel, den Deckel auf dem Topf zu halten. „Wir müssen keine weitere Ausrede suchen“, sagte er. „Wir waren einfach nicht gut genug. Es war nicht unser Tag.“ Alles, was um die Mannschaft herum passierte, habe das Team nicht beeinflusst. „Belgien hat gewonnen, weil Belgien besser war.” Wirklich? Ausschließlich? Mit einer Stunde Abstand wurde der Argentinier deutlicher. Die Situation sei „frustrierend und enttäuschend“, sagte er, besonders wegen der Art, wie Menschen sie politisch aufgeladen und „manipuliert“ hätten. „Man spricht von Ethik, von Integrität“, sagte er bitter. Wo er die Manipulateure sah, musste er namentlich gar nicht mehr erwähnen.

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Die Last des Einsatzes trug niemand schwerer als Folarin Balogun selbst. Vorher als dreimaliger WM-Torschütze gefeiert, fand der 25-Jährige nie zu der Spritzig- und Gefährlichkeit, die ihn zuvor auszeichnete. Nach dem Abpfiff spendete ausgerechnet Rudi Garcia Trost. „Folarin ist nicht derjenige, dem man die Schuld geben kann“, sagte der Belgier und bestätigte dem Mann aus Monaco eine „fantastische WM” gespielt zu haben. Für Garcia war Bolugan nicht die Affäre, sondern ihr unfreiwilliges Gesicht.

Die Belgier genossen unterdessen, dass der (fast weltweit so empfundenen) Gerechtigkeit Genüge getan war. Nach dem Abpfiff machten einige Spieler Trumps hüftsteifen YMCA-Tanz nach. In sozialen Medien überboten sich Kreative mit Spott-Beiträgen zu Trumps Intervention. Vorläufiges Highlight: Ein Männeken Piss im belgischen Trikot, das sich über dem algenverseuchten Reflecting Pool im Lincoln Memorial erleichtert. Donald Trump saß zu diesem Zeitpunkt in seiner neuen Air Force One auf dem Weg zum Nato-Gipfel in Ankara.

WM mit Verdiensten

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Dort angekommen, erreichte ihn der volle Sarkasmus aus der Heimat. Kaliforniens demokratischer Senator Alex Padilla macht sich stellvertretend für viele über den „Trump-Effekt“ lustig: „Er ist wie der umgekehrte Midas-Touch – alles, was er berührt, verwandelt sich in … ihr wisst schon was.“ Dabei hatte der Präsident keinen Ball vertändelt, keine Deckung verloren, keinen Schuss danebengesetzt. Aber kann man seinen Einfluss auf die psychologische Gemengelage der US-Mannschaft leugnen? Fußball in der K.-o.-Runde lebt von Ruhe, Rhythmus und innerer Gewissheit. Die USA aber gingen gegen Belgien nicht nur in ihr wichtigstes Spiel seit Jahren. Sie gingen gegen den weltweit vorherrschenden Verdacht vor, illegitimerweise bevorzugt worden zu sein. Das zehrt. Was in der Vorrunde leichtfüßig und mutig gewirkt hatte, wurde in Seattle plötzlich tonnenschwer.

Die USA verlassen diese WM mit Verdiensten. Sie gewannen ihre Gruppe früh, spielten mit Tempo und Stil, begeisterten ein Land, das lange auf einen solchen Sommer gewartet hatte. Daneben bleibt das Gefühl, dass diese Mannschaft in der Crunchtime der Doppelbelastung nicht gewachsen war – ausgeschlafenen Belgiern und dem Fallout der präsidialen Einmischung. Ohne sie wäre sie womöglich freier gewesen, näher bei sich selbst. Ein Präsident, der überall gewinnen will und dabei keine Regeln akzeptiert, hat dem eigenen Team einen Bärendienst erwiesen.