Die Tür geht auf und ganz unweigerlich ziehen sich die Nackenmuskeln zusammen. Die Industriehalle im Areal Böhler in Düsseldorf ist voller Menschen, vor allem Männer, die bei jedem Türsteher-Casting erste Wahl wären. Über einige breite Rücken und dicke Oberarme spannen sich T-Shirts der Sicherheitsfirma. Liegt hier wirklich Gefahr in der Luft?
+++ Agit Kabayel vs. Damian Knyba: Alle Infos zum Schwergewichtskampf heute in Oberhausen +++
Weiter hinten ist eine Bühne aufgebaut. Auch diese wird bewacht. Nichts soll schiefgehen, nichts wird in dieser ambivalenten Welt der Box-Promotion dem Zufall überlassen. Dabei können die Herren auf dem Podium sich gewiss gut selbst verteidigen. Sie sind Schwergewichtskämpfer. Mit dunklem Bart, Halstattoo, fleischigem Nacken oder finsterem Blick wirkt jeder auf seine Art gefährlich. Doch dann beginnen sie zu reden. Respektvoll. Freundlich. Kleine Sticheleien sind das schärfste Stilmittel. Die Nackenmuskeln entspannen sich.
Tickets für Oberhausen nach fünf Tagen ausverkauft

Das Boxen hat sie äußerlich hart gemacht. Doch so heftig es im Ring zugeht, so respektvoll ist der Umgang der allermeisten miteinander. Die wärmsten Worte fallen an diesem kalten Tag über den 33 Jahre alten Wattenscheider Agit Kabayel, der heute in der Rudolf-Weber-Arena in Oberhausen ab 22 Uhr gegen den Polen Damian Knyba nach allen anderen zum Hauptkampf antritt.
Die 13.000 Tickets waren innerhalb von fünf Tagen ausverkauft. Dazn überträgt zudem ab 19 Uhr live – allerdings gegen eine Extragebühr. Agit Kabayel schüchtert das alles nicht ein. Die große Kulisse ist für ihn „eine Freude und Motivation“. Er hat sich nicht weniger vorgenommen, als das deutsche Boxen zurück ins Rampenlicht zu führen.
Möglicher WM-Kampf auf Schalke oder in Bochum
Seit seinem Sieg gegen den Chinesen Zhang Zhilei ist er Interimsweltmeister des Verbandes WBC. Verteidigt er den Titel gegen den Polen erfolgreich, hofft er auf die Chance, endlich gegen Oleksandr Usyk – Träger von drei WM-Gürteln – antreten zu dürfen. Er könnte nach über 95 Jahren der zweite deutsche Schwergewichts-Weltmeister seit Max Schmeling werden.

Doch im Boxen kommen solche Kämpfe kompliziert zustande. Es geht um viel Geld. Agit Kabayel kann jedoch auf große Unterstützung setzen. Sein britischer Promoter George Warren kündigte an, „hohen Druck auf den WBC“ zu machen, „damit Agit die Chance auf den Titel in diesem Sommer bekommt“. Er bringt sogar Wettkämpfe in einem deutschen Fußballstadion wie in Düsseldorf, Bochum oder auf Schalke ins Gespräch.
Agit Kabayel, dessen linkes Auge noch von einem kleinen Veilchen aus einer Sparringrunde eingerahmt wird, geht das zu weit. „Die Medien reden sehr viel über die Kämpfe, die danach kommen. Ich und mein Team bereiten uns erstmal auf Samstag vor. Wir lassen uns nicht großartig beeinflussen. Der Plan ist, Samstag zu gewinnen – und danach kommt der Rest.“
Große Boxzeit mit Maske, Schulz und Klitschko
Doch natürlich hat Agit Kabayel selbst dazu beigetragen, dass diese Geister in der Welt sind. Er hat alle seine 26 Profikämpfe gewonnen, wurde 2023 in seiner Heimatstadt Bochum umjubelt Europameister. Spätestens seit seinen beeindruckenden Kämpfen in Riad, ist er ganz oben angekommen. „Ich glaube, die Boxwelt hat bisher nur einen kleinen Teil dessen gesehen, was er wirklich kann. Denn ich kenne Agit – er kann boxen“, sagt etwa Ex-Weltmeister Tyson Fury, der Kabayel einst als Sparringspartner kennenlernte.
Der Plan ist, Samstag zu gewinnen – und danach kommt der Rest.“
Agit Kabayel,, Schwergewichtsboxer
„Wenn es darum geht, einen Nachfolger für Max Schmeling zu finden, traue ich Agit definitiv zu, dieser Rolle gerecht zu werden“, sagt Henry Maske in einer Dazn-Dokumentation. Der 62-Jährige löste in den 1990er-Jahren mit seinen Erfolgen im Halbschwergewicht den ersten Box-Boom in Deutschland aus, machte den oft als schäbig abgeschriebenen Sport gesellschaftsfähig. Der „Gentleman-Boxer“ wurde zum sportlichen Symbol der deutschen Einheit. RTL inszenierte pompöse Kämpfe, erreichte ein Millionenpublikum.
Auch bei Axel Schulz, Arthur Abraham, natürlich den Klitschko-Brüdern schalteten die Fans ein. Wladimir Klitschko füllte zudem Stadien mit über 50.000 Zuschauern. Doch spätestens seit dessen Karriereende 2017 ist das magische Band zwischen Deutschland und dem Boxen rissig geworden.
Früher im Knast, heute Profiboxer
Agit Kabayel soll das nun ändern. Einen deutschen Kampfnamen lehnte er übrigens bewusst ab. „Wenn Deutschland es irgendwann akzeptiert, dass ein Agit Kabayel auch Deutsch sein kann, dann können wir große Meilensteine setzen“, sagte er einmal. Nun ergänzt er selbstbewusst: „Ich habe meine eigene Ära.“ Und: „Das ist die neue Generation, die Reise geht los.“

Dabei liegt schon ein weiter Weg mit vielen großen Steinen hinter ihm. Aufgewachsen als Kind kurdischer Einwanderer, lebte er mit seiner Familie, die eine Dönerbude in Wattenscheid betrieb, in einfachsten Verhältnissen. Nach einer Schlägerei saß er einmal sechs Monate im Gefängnis. Doch genau das war sein Weckruf. Er fing sich, widmete sich ganz dem Boxtraining. Heute will er Vorbild für junge Menschen sein, denen es ähnlich geht wie ihm damals. Sein Appell: Macht was aus eurem Leben! Immer an seiner Seite: Trainer Sükrü Aksu. Er brachte ihm seinen heute so gefürchteten Leberhaken bei. Lange boxte Agit Kabayel unter dem Radar, jetzt mischt er ganz oben mit.
Doch obwohl er mittlerweile viel Geld verdient hat und mehrere Autos besitzt, ist er bodenständig geblieben. Statt in einer Luxusvilla in Düsseldorf zu residieren, hat er in Wattenscheid ein Haus für die ganze Familie gekauft und saniert. Seit Juli ist er Vater einer Tochter, was ihn noch mehr motiviert, hart zu arbeiten. Auch seine Promoter bezeichnen ihn als „feinen Kerl“. Die ehemalige Weltmeisterin Regina Halmich sagt: „Agit bringt alles mit: Er ist sympathisch, authentisch und muss keine Geschichten erfinden – er ist die Geschichte.“ Ära, wem Ära gebührt.


