Leo Neugebauer konnte nicht mehr. Nicht mehr gehen. Nicht mehr stehen. Nicht einmal mehr sitzen. Vor allem aber konnte er es nicht glauben. Nur lächeln, das konnte er. Und was hat dieser Kerl für ein Grinsen. Der Strahlemann der deutschen Leichtathletik krönte sich am Sonntagabend im Nationalstadion von Tokio zum Zehnkampf-Weltmeister. Völlig entkräftet lag er nach der abschließenden 1500-Meter-Qual im Zielbereich und kam einfach nicht mehr hoch. Er pumpte, aber er grinste auch und sagte: „So krass habe ich mich noch nie gefühlt.“
Gerade hatte er seine Beine noch dazu gebracht, ihn mit persönlicher Bestzeit über die Ziellinie zu tragen. Nun wollten sie ihm nicht mehr gehorchen. Doch das WM-Protokoll musste weitergehen, die Staffelläuferinnen warteten schon. Eifrige Helferinnen eilten herbei. Wie viele Hände braucht es, um einen Zehnkampfweltmeister aufzurichten? Viele – auch die einiger seiner Konkurrenten, die ihm gratulierten, ihn gemeinsam in einen Rollstuhl wuchteten. 2,01 Meter, 120 Kilo ungläubigen Glücks.
Überglücklicher Zehnkampf-Weltmeister: Leo Neugebauer spricht von Rollercoaster-Saison
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Ein Jahr nach seinem Olympia-Silber in Paris, sechs Jahre nach dem WM-Sieg seines Teamkollegen Niklas Kaul, der in Tokio starker Vierter wurde, ist Leo Neugebauer ganz oben angekommen. Der 25-Jährige ist der König der Athleten. Mit 8804 Punkten siegte er vor Ayden Owens-Delerme (8784) aus Puerto Rico und Kyle Garland (8703/USA). „Die ganze Saison war eine Rollercoaster-Fahrt. Mit Höhen und Tiefen. Damit habe ich nicht gerechnet“, sagte der Stuttgarter, dem man anhört, dass er seit sechs Jahren in den USA lebt und trainiert.

Abseits der Bahn erhob sich Leo Neugebauer schnell aus dem Rollstuhl. „Der war nicht nötig“, winkte er ab. Ein Weltmeister im Rollstuhl, das Bild wollte der Social-Media-Profi, dem auf Instagram mehr als 500.000 Menschen folgen, lieber nicht von sich sehen. Also winkte er tapfer ins Publikum, strahlte – und legte sich direkt wieder hin.
Sein Siegerinterview gab er auf die Seite gestützt. „Müde“ fühle er sich, aber: „Fantastisch.“ Er dankte Japan, Tokio, alles wundervoll. Mit jedem Regentropfen, der gnadenlos und strömend vom Nachthimmel auf seinen ausgezehrten Körper fiel, schien bei ihm anzukommen, was gerade geschehen war. Irgendwann konnte er dann wieder stehen. Er legte die pladdernasse Deutschlandfahne, die er zuvor zerknüllt in der Hand gehalten hatte, um seine Schultern und posierte für die Kameras, startete seine Ehrenrunde.
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„Leo ist ein Gesamtkunstwerk. Er hat sich hier vollendet“, sagte Frank Busemann, 1996 selbst Olympiasilbermedaillen-Gewinner im Zehnkampf. „Was er letztes Jahr angedeutet hat, auf der großen Bühne die großen Titel holen zu können, brachte er hier mit so einem Kampf nach Hause.“ Zehnkampf bedeutet, sich zehnmal zu überwinden. Zehnmal an seine Grenzen zu gehen. Leo Neugebauer ist an diesem Sonntagabend über sie hinausgegangen. Nach Niklas Kaul 2019 und Torsten Voss 1987 (damals für die DDR) ist Neugebauer der dritte Zehnkampf-Weltmeister aus Deutschland.
Wie Leo Neugebauer lernte, erfolgreich im Zehnkampf zu werden
Mit 19 Jahren hatte sich der Sohn einer Deutschen und eines Kameruners dazu entschieden, am College in den USA weiter an seiner Leichtathletik-Karriere zu feilen. In Austin/Texas traf er auf Jim Garnham. Der Trainer erkannte sofort das Talent von „Leo the German“, wie er sich in Sozialen Medien nennt. Aber auch eine Resistenz gegen Ratschläge, keinen Fokus. Er machte ihm klar: Du kannst Weltklasse werden, wenn du dich zusammenreißt. Sie wurden ein Team, gewannen im hochklassigen US-College-Sport alles, was es zu gewinnen gibt. Vor der WM 2023 hatte er den 39 Jahre alten Deutschen Rekord von Jürgen Hingsen auf 8961 Punkte hochgeschraubt. Doch in Budapest zahlte der nach dem ersten Tag führende Neugebauer Lehrgeld: Sein aufreizendes Spiel mit dem Publikum ließ ihn wieder den Fokus verlieren. Die Herzen der Fans gewann er damals schon. WM-Gold erst jetzt, im Regen von Tokio.

Was war das für ein dramatischer Wettkampf. Nach einem durchwachsenen ersten Tag mit 100-Meter-Sprint, Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung und 400-Meter-Rennen hatte Leo Neugebauer, der da eigentlich seine Stärken hat, nur auf Platz vier gelegen. „Ich hatte keine Ahnung, wie das ausgehen wird. Ich hab einfach mein Ding gemacht – und jetzt sind wir hier mit einer Goldmedaille.“ Tag zwei begann mit einem Hürden-Patzer und der Disqualifikation von Topfavorit Sander Skotheim aus Norwegen. Neugebauer blieb dran, zeigte sich souverän im Stabhochsprung, feuerte seinen Diskus vorher auf 56,15 Meter – der weiteste Wurf eines Zehnkämpfers überhaupt bei einer WM.
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Und dann geschah, was nahezu ausgeschlossen schien. Sein Coach hatte vorhergesagt: „Vielleicht können wir die Welt schocken, wenn sie Leo in Tokio mit dem Speer sehen.“ Nur ein Spielchen mit den Nerven der Konkurrenz? Keineswegs. In seinem letzten Versuch ließ der Modellathlet sein Wurfgerät, das an ihm wie ein Mikado-Stäbchen wirkt, auf 64,34 Meter fliegen, fünf Meter weiter als bei seiner bisherigen Bestweite. Nun hatte er sich auch den Speer zum Untertan gemacht. Damit übernahm er vor dem abschließenden 1500-Meter-Rennen die Führung. Jetzt war alles möglich im Dreikampf mit Owens-Delerme und Garland.
Leo Neugebauer und die 4x100-Meter-Sprinterinnen: Fünfmal Gold im Grinsen

Leo Neugebauer blieb konzentriert. Voller Fokus auf die von allen Zehnkämpfern so gehassten 1500 Meter. „Ich wusste immer, was ich laufen muss“, sagte Neugebauer. „Am Ende hat es eine persönliche Bestleistung gebraucht – und die habe ich gebracht.“ Ein krönender Abschluss für den König der Athleten.
Der zeigte sich im Moment seines größten Triumphes volksnah, umarmte die vier Sprinterinnen um Gina Lückenkemper, die gerade Bronze gewonnen hatten. Fünfmal Gold im Grinsen.






