Armand Duplantis hatte seine letzten Sprünge noch gar nicht absolviert, da durfte er schon die Glückwünsche seiner Kontrahenten entgegen nehmen. Wobei: Konkurrenz sind die besten Stabhochspringer der Welt für den allerbesten Stabhochspringer der Welt schon lange nicht mehr. Der zweimalige Olympiasieger und Weltrekordhalter aus Schweden machte bei der Leichtathletik-WM seinen Weltmeistertitel-Hattrick perfekt. Aufhalten konnte ihn niemand.

Den letzten Kampf bestritt Armand, Spitzname Mondo, Duplantis wie so oft allein, als er sich für drei Versuche die Weltrekordhöhe von 6,30 Metern auflegen ließ. Er forderte die Zuschauer im vollbesetzten Nationalstadion auf, noch einmal richtig Lärm zu machen. Sie folgten. Und tatsächlich: Im dritten Versuch überflog er, am Ort seines ersten Olympiasieges, die Fabelhöhe. Zum 14. Mal verbesserte er den Weltrekord, zum vierten Mal in diesem Jahr. „Danke, danke, danke, ich habe keine Worte, ich bin so glücklich“, rief er den Zuschauern zu. Er wollte ihnen unbedingt diesen Weltrekord geben. „Es ist der größte Traum für mich, der wahr geworden ist“, sagte er und warf noch Küsschen ins Rund.

Hoch hinauf in Tokios Nachthimmel: Armand Duplantis bei seinem WM-Sieg mit Weltrekordhöhe.
Hoch hinauf in Tokios Nachthimmel: Armand Duplantis bei seinem WM-Sieg mit Weltrekordhöhe.© Getty Images | Hannah Peters

„Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, mein Kopf würde nicht mit den 6,30 Metern flirten“, hatte der 25-Jährige vor dem Finale gesagt. „Ich denke, es ist sehr gut möglich.“ Er hatte gewusst, dass eine Topleistung notwendig sein würde. Aber er fühlte sich bereit. Wie könnte es anders sein? Wer lernt, dass es immer nur höher geht, der hört auf mit Limits zu denken.

Enttäuschung bei erster WM in London brachte Schub

Armand Duplantis hat in der Leichtathletik längst die Lufthoheit. Seit er 2017 in London bei der WM mit 17 Jahren erst als größte Hoffnung Schwedens gefeiert und dann mit dem Quali-Aus einen heftigen Dämpfer in seinem jugendlichen Überschwang erlitten hatte, hat er nur noch verbissener an seinem Ziel gearbeitet, der größte Stabhochspringer der Geschichte zu werden. 2018 übersprang er bei der EM in Berlin erstmals sechs Meter, wurde Europameister. Seitdem sind Sprünge über die magische Marke für ihn so normal wie für andere das Aufstehen. 13 Mal schon hat er den Weltrekord verbessert. Mit 6,17 nahm er ihn seinem großen Idol, dem Franzosen Renaud Lavillenie, 2020 ab. Dann schraubte er ihn hinauf bis auf die neuen 6,30 Meter. Weltmeister 2022 in Eugene, 2023 in Budapest und jetzt in Tokio. Olympiasieger 2021 in Tokio, 2024 in Paris. Selbst bei Olympia sprang er Weltrekord – das gelingt nur den Allerbesten. Ein Limit gibt es für ihn längst nicht mehr.

Aber das war eigentlich schon immer so. Sein Vater Greg, selbst ehemaliger Stabhochspringer und bis heute sein Trainer, baute im heimischen Garten in Louisiana/USA eine kleine Anlage. Seine Söhne wetteiferten, Mondo zeigte Talent und den größten Ehrgeiz. „Ich glaube, ich war vier, als ich das erste Mal dachte: Ich werde Olympiasieger, Weltrekordhalter“, sagte Duplantis Anfang des Jahres in Madrid, als er dort mit dem Laureus-Award als Weltsportler des Jahres ausgezeichnet wurde. „Ich dachte mir: Irgendwer muss ja Champion sein: Warum also nicht ich?“

Keine Motivationsprobleme trotz fehlender Konkurrenz

Es begann eine Reise vom Garten bis in die größten Stadien der Welt. Kurz versuchte sich der Sohn eines US-Amerikaners und einer Schwedin als Collegeathlet, doch es lag ihm nicht. Der einst so schüchterne Einzelgänger unterschrieb stattdessen lukrative Sponsorenverträge, trainiert unter Topbedingungen und misst sich regelmäßig mit den Besten der Welt. Nur: Wer soll das außer ihm eigentlich noch sein?

Schrie seine Freude hinaus: Armand Duplantis siegte in Tokio mit Weltrekordhöhe - seine Eltern und seine Verlobte jubelten ihm auf der Tribüne zu.
Schrie seine Freude hinaus: Armand Duplantis siegte in Tokio mit Weltrekordhöhe - seine Eltern und seine Verlobte jubelten ihm auf der Tribüne zu. © Getty Images | Hannah Peters

In Tokio stand er nach 6,10 Metern als Weltmeister fest, der Zweitplatzierte Emmanouil Karalis aus Griechenland knackte immerhin die magische Sechs-Meter-Marke, hatte aber 30 Zentimeter Rückstand. Kurtis Marschall (Australien) gewann mit übersprungenen 5,95 Metern Bronze. Armand Duplantis ist in seiner eigenen Sphäre unterwegs.

Ein Motivationsproblem ist das für ihn nicht. „Jedes Mal, wenn ich besser springe, erwarte ich wieder mehr von mir“, sagt er. „Ich möchte die beste Version meiner selbst sein. Das Schwierigste ist, heute wieder auf dem gleichen Niveau anzutreten wie gestern. Einfach versuchen, besser zu werden und weiterzukommen.“ Er liebt diesen Sport, er ist dieser Sport.

Popsong rausgebracht, verlobt mit schwedischem Model

Um den Fokus nicht zu verlieren, hat Armand Duplantis aber auch das Leben neben dem Sport entdeckt. Mit seiner Verlobten Desiré Inglander, einem schwedischen Model, lässt er sich für große Magazine ablichten. Sie bekam unmittelbar nach seinem Coup in Tokio einen innigen Kuss von ihrem Überflieger. Sogar einen Popsong hat er schon herausgebracht, aufgenommen mit Freunden, aus einer Laune heraus. „Das war eine lustige Sache, bei der ich nicht wusste, wohin sie führen würde“, verrät er. „Ich dachte, das wäre eine gute Therapie und irgendwie auch eine gute Möglichkeit, vom Sport abzukommen.“ Es sollen weitere Veröffentlichungen folgen. „Es ist immer gut, eine Balance aus Sport und Privatleben zu haben – und das hilft mir dabei.“

Im Garten ist Armand Duplantis übrigens letztmals während Corona gesprungen, als alles andere nicht möglich war. Doch leistungsfördernd war das nicht. Der Zaun des Nachbarn ist zu nah und verhindert gewisse Höhen. Begrenzungen, Limits – sie sind einfach nichts für den Herrn der Lüfte. Nur er scheint zu entscheiden, wie hoch hinauf es noch gehen kann.