• Mehr als 70.000 Männer in Deutschland bekommen pro Jahr die Diagnose Prostata-Krebs
  • Die Routinediagnostik setzt laut Experten zu spät an
  • Ein neues Konzept soll die Wege zu einer besseren Therapie ebnen

Prostatakrebs ist die zweithäufigste Krebserkrankung bei Männern und eines der großen Rätsel der Medizin. Bei manchen Patienten wächst der Tumor über Jahrzehnte unbemerkt und schadet nie. Bei anderen streut er in wenigen Jahren und wird lebensbedrohlich oder tödlich. Die Krankheit kostet in Deutschlad etwa 15.000 Männern pro Jahr das Leben, doch wie sie sich entwickelt, war lange Zeit nicht sicher vorherzusagen.

Eine jetzt im Fachjournal „Nature“ veröffentlichte Studie des internationalen Forschungsverbands Pan Prostate Cancer Group (PPCG) liefert unter Beteiligung der Berliner Charité, des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf und des Deutschen Krebsforschungszentrums erstmals eine biologische Antwort. Diese findet sich in den Prozessen, die den Tumor entstehen lassen. „Zum ersten Mal können wir jetzt sagen, wohin ein Prostatakrebs unterwegs ist und welche Therapie sinnvoll ist“, sagt Prof. Thorsten Schlomm, Direktor der Klinik für Urologie an der Berliner Charité.

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Prostatakrebs: Genetische Muster verraten Tumorrisiko

Das Erbgut eines Tumors kann man sich wie eine Landkarte vorstellen. In der heutigen klinischen Routinediagnostik werden dem Experten zufolge meist nur wenige verdächtige Krebsgene untersucht, und das auch meist erst dann, wenn der Krebs bereits gestreut hat und die Krankheit weit fortgeschritten ist. Bestenfalls schaue man derzeit also auf die Autobahnen der Tumor-Landkarte, nicht aber auf die kleinen Straßen, die Umleitungen, die Baustellen und Staus, obwohl genau dort die entscheidenden Wegzeichen stünden.

Auf der Suche nach der Lösung dieses Problems ist der PPCG neue Wege gegangen. Für ihre Studie haben die Forscherinnen und Forscher das komplette Erbgut von rund 1000 Prostatatumoren gelesen, rund drei Milliarden Erbgut-Bausteine pro Tumor. „Wer nur einzelne Gene liest, liest die Rechtschreibung, aber nicht die Grammatik“, beschreibt es Thorsten Schlomm. Erst die Vollgenom-Analyse mache sichtbar, welche biologischen Prozesse die Mutationen im Tumor verursacht hätten.

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Medikamente oder Chemo: Muster zeigen, welche Therapie wirken könnte

Die Ergebnisse der Untersuchung sind den Studienautoren zufolge verblüffend klar: Acht wiederkehrende Muster im Erbgut erklärten die biologische Entstehung von rund 85 Prozent aller Prostata-Tumoren. Bei manchen dieser Muster gehe der Krebs seinen ruhigen Weg. Bei vieren aber sei er von Anfang an auf Streuung programmiert.

„Es ist bemerkenswert, welche klinische Bedeutung diese acht Muster offenbar haben. Sie können tatsächlich Patienten mit lebensbedrohlichem Krebs von jenen unterscheiden helfen, bei denen dies nicht der Fall ist“, sagt der Erstautor der Studie, Prof. Andreas Gruber von der Universität Konstanz. Darüber hinaus liefere die Studie erste Hinweise dafür, welche Therapie am ehesten wirkte: moderne antihormonelle Medikamente bei manchen Mustern, eine Chemotherapie bei anderen.

Krebs durch Kopierfehler: Jeder dritte Tumor entsteht zufällig

Ein weiterer überraschender Befund der Studie ist, dass rund jeder dritte Prostata-Tumor auf schlichte Kopierfehler zurückgeht. Diese entstehen, wenn eine Zelle bei ihrer Teilung das Erbgut verdoppelt. Sprichwörtlich entsteht dabei ein Buchhaltungsfehler im Zellkern, der sich über Jahrzehnte anhäuft, bis daraus Krebs wird. Dass dieser Mechanismus so häufig ist, war bisher nicht bekannt.

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Prof. Thorsten Schlomm, Direktor der Klinik für Urologie an der Berliner Charité.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Was aber ist die Schlussfolgerung aus den neuen Erkenntnissen? „Ein großer Teil der klinisch entscheidenden Information zur Therapie der Tumoren liegt heute außerhalb der Routinediagnostik“, sagt Schlomm. In Regionen des Erbguts, die steuern, wann und wie stark Gene abgelesen würden. Operieren oder bestrahlen? Antihormonell oder mit Chemotherapie? Ein Teil dieser Entscheidungen falle derzeit auf Basis von Informationen, die zu grob seien. Die Studienautoren plädieren deshalb dafür, die Vollgenom-Sequenzierung als klinischen Standard weiterzuentwickeln – und zwar überall dort, wo sie für Patienten einen Unterschied machen könne.

Klinische Studie „Galapagos“ startet für präzisere Prostatakrebs-Therapie

Allerdings: Für Männer, die heute mit einer frischen Prostatakrebsdiagnose in einer Sprechstunde sitzen, ändert sich vorerst wenig. Damit der Erkenntnisgewinn der Studie bei den Patienten ankommt, muss er in großen klinischen Analysen geprüft werden. Und genau das hat gerade erst begonnen.

Vorsorge im Wandel

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Die Berliner Charité und ihre Partner aus Deutschland und dem Ausland starten eine dieser Studien unter dem Namen „Galapagos“. Sie hat den Angaben zufolge das Ziel, Patienten künftig genauer einzuschätzen und passgenauer behandeln zu können, und zwar von der ersten Diagnose an. Die Technologie für die Vollgenom-Sequenzierung von Tumoren stehe bereits in Kliniken bereit, sagt Prof. Thorsten Schomm: „Damit bringen wir die molekulare Charakterisierung des Tumors aus der Grundlagenforschung in die klinische Erprobung, wo sie den Patienten letztlich zugutekommen muss.“