• Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert und gehört für viele zum Alltag
  • Laut neuesten Studien schadet aber jeder Tropfen unserer Gesundheit
  • Ein Experte erklärt, wie wir den Konsum langfristig reduzieren können

Ob Feierabendbier, ein Glas Wein zum Essen oder Sekt zum Anstoßen: Alkohol wird häufig mit Genuss, Entspannung und Geselligkeit verbunden. Doch wie wirkt sich Alkohol langfristig auf unsere Gesundheit aus, und gibt es überhaupt eine unbedenkliche Menge? Das erklärt Dr. Felix Bertram im Interview – und berichtet, mit welchen Tricks es ihm selbst gelang, den Konsum zu reduzieren.

Herr Dr. Bertram, Alkohol ist gesellschaftlich vollkommen akzeptiert. Warum werden die gesundheitlichen Risiken von Alkohol häufig ausgeblendet?

Dr. Felix Bertram: Alkohol ist in unserer Gesellschaft positiv besetzt. Er gehört zum Feierabend, zum Essen mit Freunden oder zum Volksfest. Wir verbinden ihn mit Entspannung, Geselligkeit und guten Gesprächen. Gerade deshalb wird der gesundheitliche Aspekt oft verdrängt.

Was genau macht Alkohol so schädlich?

Alkohol ist wasser- und fettlöslich und gelangt schnell in die Zellen. Besonders problematisch ist das Abbauprodukt Acetaldehyd. Es kann die DNA schädigen und ist krebserregend. Außerdem verursacht der Abbau oxidativen Stress und bringt den Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht. Dadurch wird unter anderem der Fettstoffwechsel gestört, und Fett lagert sich leichter in der Leber ein. Regelmäßiger Konsum kann so zu einer Fettleber führen. Zudem leiden das Gehirn und die Nervenzellen.

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Alkohol: Warum das „Feierabendbier“ der Gesundheit schadet
Länger Leben
 

Alkohol: Jedes Glas schadet langfristig der Gesundheit

Alkohol beeinträchtigt auch den Schlaf und die Regeneration.

Alkohol stört die Schlafarchitektur massiv. Das betrifft sowohl den REM-Schlaf, in dem unter anderem emotionale Erlebnisse verarbeitet werden, als auch den Tiefschlaf. Schon nach einem Glas Wein oder Bier kann die Herzfrequenz nachts erhöht bleiben. Das Herz-Kreislauf-System kann sich dann nicht ausreichend erholen. Man wacht am nächsten Morgen gerädert und wenig erholt auf.

Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht eine risikofreie Menge Alkohol?

Es gibt keine risikofreie Menge: Schon das erste Glas ist schädlich. Eine frühere Studie zeigte zwar, dass Menschen, die ganz auf Alkohol verzichten, eine kürzere Lebenserwartung hatten als jene mit moderatem Konsum, aber es gab einen statistischen Messfehler: In der Gruppe der Nichttrinker waren viele ehemalige Alkoholiker und kranke Menschen enthalten, während die „Ein-Glas-am-Abend“-Gruppe überwiegend aus privilegierten, gesundheitlich gut versorgten Menschen bestand. Die aktuelle Datenlage zeigt: Jeder Tropfen Alkohol ist schädlich.

Dann ist auch das berühmte Glas Rotwein am Abend nicht gesund?

Nein. Häufig wird in diesem Zusammenhang Resveratrol genannt, ein im Rotwein enthaltener Pflanzenstoff. Dazu gibt es zwar interessante Laborversuche an Zellen und Tieren, aber die im Wein enthaltene Menge ist viel zu gering, um daraus einen gesundheitlichen Nutzen abzuleiten. Die dafür erforderliche Menge Wein wäre tödlich. Auch eine lebensverlängernde Wirkung von Resveratrol beim Menschen ist bislang nicht wissenschaftlich sauber belegt.

Podcast Natalja Fischer
Im FUNKE-Podcast „Länger Leben“ sprechen Redakteurin Natalja Fischer und Longevity-Experte Dr. Felix Bertram darüber, was wir tun können, um bis ins hohe Alter fit und gesund zu bleiben. © FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Alkoholkonsum: Dr. Felix Bertram trank früher selbst regelmäßig

Sie selbst haben früher täglich Alkohol getrunken. Wie kam es dazu?

Ich hatte einen herausfordernden Beruf und habe meinen Stress damals kompensiert, indem ich abends Bier trank. In der stärksten Phase waren es sechs oder sieben Bier jeden Abend. Das wurde zu einem Ritual. Ich freute mich auf das erste Bier, weil ich spürte, wie der Stress nachließ. Dadurch war der Konsum für mich positiv besetzt.

Was war der Wendepunkt?

Ein Test meines biologischen Alters war der Weckruf: Der Wert lag 25 Jahre über meinem chronologischen Alter. Ich habe von einem Moment auf den anderen aufgehört. Für mich war das besser, als langsam zu reduzieren. Nach zwei Gläsern sinkt oft die Hemmschwelle, noch ein weiteres zu trinken. Große körperliche Entzugssymptome hatte ich nicht. Psychologisch fehlte mir aber das Ritual. Plötzlich musste ich am Abend ohne Alkohol mit meinem Stress und meinen Sorgen umgehen.

Wie regulieren Sie Ihren Stress heute?

Die Entlastung darf nicht erst am Abend beginnen. Ich mache morgens Sport und lege über den Tag verteilt kleine Pausen ein: eine Atemübung, einen kurzen Spaziergang oder einfach zwei Minuten, in denen ich den Kopf abschalte. Abends trinke ich beispielsweise alkoholfreies Bier, gehe mit meinen Hunden in den Wald oder höre einen Podcast. Außerdem habe ich zu Hause keinen Alkohol mehr. Selbst nach einem schwierigen Tag kann ich deshalb nicht einfach in den Kühlschrank greifen.

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Wie hat sich Ihr Befinden seitdem verändert?

Ich bin heute eine andere Version meiner selbst: fitter, wacher und energetischer. Am stärksten merke ich den Unterschied beim Schlaf. Morgens bin ich erholter, kann mich besser konzentrieren und treffe bessere Entscheidungen.

Gesundheit: Was der Experte empfiehlt, um Alkoholkonsum zu reduzieren

Wie gehen Sie mit gesellschaftlichem Druck um – wenn Ihr Umfeld Sie zum Mittrinken animieren möchte?

Man muss die eigene Entscheidung klar kommunizieren. Mein Umfeld weiß, dass ich keinen oder nur sehr selten Alkohol trinke, und akzeptiert das. Manchmal kostet es Kraft, Sprüche wie „Komm, ein Bier geht doch“ zurückzuweisen. Alkoholfreies Bier kann in solchen Situationen eine gute Alternative sein.

Lesen Sie hier alle Tipps von Longevity-Doc Felix Bertram

Trinken Sie inzwischen gar keinen Alkohol mehr?

Ich bin nicht dogmatisch: Manchmal gibt es etwas zu feiern, dann trinke ich auch mal. Aber mein Grundmuster ist eine gesunde Ernährung ohne Alkohol.

Was empfehlen Sie Menschen, die ihren Konsum reduzieren möchten?

Erstens sollte Alkohol bewusst konsumiert werden. Man kann feste Zeitfenster setzen und beispielsweise an sechs Tagen pro Woche darauf verzichten. Zweitens lohnt es sich, alkoholfreie Alternativen auszuprobieren. Drittens sollte man die Verbindung zwischen Alkohol und bestimmten Ritualen aufbrechen – etwa die Flasche Wein, die abends automatisch zum Essen aufgemacht wird. Das ist die größte Gefahr für regelmäßigen Konsum.