Ein schmerzhaftes Ziehen im Körper, unschöne Symptome auf der Haut oder Fragen zu den eigenen Medikamenten – schnell stellt sich die Frage: Muss ich damit zum Arzt oder kann auch schon die Apotheke um die Ecke helfen? Schließlich sind zeitnahe Termine beim Haus- oder Facharzt vielerorts immer schwieriger zu bekommen. Tatsache ist: Es kommt drauf an.

Viele Fragen oder Anliegen lassen sich in der Tat schon beim Besuch in der Apotheke klären, berichtet Dr. Ina Lucas in ihrer Kolumne „Der gute Rat der Apothekerin“. Mit welchen Fragen und Beschwerden die Menschen ihre Apotheke besuchen, warum sie sich als „Gesundheitslotsin“ sieht und in welchen Fällen ein Termin in der Arztpraxis ratsamer ist, verrät sie hier.

Lesen Sie hier alle Tipps von Longevity-Doc Felix Bertram

Apothekenbesuch: Viele suchen Rat statt nur Medikamente

Dr. Ina Lucas: „Viele Menschen kommen in meine Apotheke, weil sie Rat suchen. Sie möchten eine fachliche Einschätzung. Sie wollen wissen, ob ihre Sorgen oder Anliegen berechtigt sind. Und manchmal suchen sie auch einfach jemanden, der zuhört und ihre Situation einordnet. Dass Patientinnen und Patienten ausschließlich ein Präparat verlangen, ist deutlich seltener, als landläufig angenommen wird.

Apothekerinnen und Apotheker lösen jeden Tag viele verschiedene Probleme, und genau das macht die Arbeit in der Apotheke so spannend. Jemand steht mit tränenden Augen vor mir und fragt, ob die auftretenden Beschwerden allergisch bedingt sein könnten. Eine Mutter ist unsicher, ob ihr fiebriges Kind zum Arzt muss oder ob Wadenwickel ausreichen. Jemand hat im Internet über ein Wundermittel etwas gelesen und fragt mich, ob das seiner demenzkranken Mutter helfen könnte. Oft können wir direkt helfen. Manchmal genügt eine kurze Erklärung und das Hinterfragen der Eigendiagnose. Und manchmal lautet die Empfehlung: Bitte lassen Sie das ärztlich abklären.

Unsere Expertin

Dr. Ina Lucas ist 42 Jahre alt. Sie ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie Pharmazie an der Freien Universität Berlin. Im Anschluss promovierte Dr. Lucas in einer Kooperation zwischen der FU und dem Robert-Koch-Institut zum Thema Resveratrol und dessen Wirkung. Heute betreibt sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Maria Zoschke vier Apotheken in Berlin mit rund 80 Angestellten. Dr. Lucas ist Kammerpräsidentin der Apothekerkammer Berlin sowie Vizepräsidentin der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V..

Ich ordne Beschwerden ein, hinterfrage Eigendiagnosen und erkläre, wo die Möglichkeiten und Grenzen der Selbstmedikation liegen. Kurz: Ich stelle die Fragen, auf die meine Patientinnen und Patienten ohne mich oft gar nicht gekommen wären. Ich setze Leitplanken für die weitere Versorgung und verweise bei Bedarf an Ärztinnen und Ärzte oder sogar die Notaufnahme. Denn als Apothekerin bin ich immer auch Gesundheitslotsin.

Zeitnah Arzttermin bekommen: Warum das immer schwieriger wird

Genau deshalb finde ich die aktuelle Diskussion über die sogenannte Primärversorgung wichtig. Unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem verändern sich. Wir müssen die Kompetenzen besser nutzen, die bereits vor Ort vorhanden sind. Die Menschen werden älter, chronische Erkrankungen nehmen zu. Gleichzeitig wird es in vielen Regionen immer schwieriger, zeitnah einen Arzttermin zu bekommen. Patientinnen und Patienten brauchen jemanden, der ihnen schon beim ersten Kontakt mit einem Heilberufler beziehungsweise einer Heilberuflerin hilft, sich mit der Fragestellung oder im System zurechtzufinden.

Spannende Artikel aus der Serie „Der gute Rat der Apothekerin“

Apotheken sind sehr niedrigschwellig erreichbar. Heißt konkret: Die Menschen brauchen für ihren Erstkontakt keinen Termin, die meisten Menschen haben eine Apotheke in ihrer Nähe und wir sind auch sonntags, nachts und an Feiertagen für sie ansprechbar. Deshalb sollten Apotheken künftig stärker eingebunden werden, wenn es darum geht, Menschen gleich bei ihrem ersten Kontakt mit dem Gesundheitswesen Orientierung zu bieten.

Arzt vs. Apotheke: Wo Patienten welche Hilfe bekommen

Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, die Kompetenzen von Ärztinnen und Ärzten zu hinterfragen. Im Gegenteil. Gute Versorgung entsteht dort, wo das Fachwissen von unterschiedlichen Gesundheitsberufen zusammenkommt. Die Aufgaben sind dabei klar verteilt: Ärztinnen und Ärzte

  • untersuchen,
  • diagnostizieren und
  • legen den Behandlungsplan fest, einschließlich der Medikation.

Tipps vom Orthopäden

Apothekerinnen und Apotheker beraten zur Arzneimitteltherapie und Selbstmedikation, unterstützen bei Fragen und Dienstleistungen zur Prävention und Früherkennung. Wir helfen Menschen, den richtigen Weg durch das Gesundheitssystem zu finden, und verbessern die Therapiekompetenz. Einfacher gesagt: Wir ergänzen ärztliche Angebote, wir ersetzen sie nicht. Wenn es uns gelingt, diese Zusammenarbeit weiter zu stärken, profitieren vor allem die Patientinnen und Patienten. Für sie wollen wir mehr Verantwortung übernehmen.“