„Ich werde wohl bis zum Ende meines Lebens keinen Tag mehr ohne Schmerzen haben“, sagt die 21-jährige Anna Heß. Die Prognose gaben ihr die Ärzte. Und das, obwohl die Stelle, die wehtut, überhaupt nicht mehr da ist – das betroffene Bein wurde ihr amputiert. Die Ursache dafür war ein Unfall, den Anna mit 16 Jahren hatte – und über den sie heute nicht mehr sprechen möchte. Danach war vieles an ihr „kaputt“. Die Ärzte dachten sogar zeitweise, sie würde nicht überleben.
Nach dem Unfall lag Anna zwei Wochen im Koma. In dieser Zeit wurde ihr Bein entfernt. „Nach dem Erwachen hatte ich noch Halluzinationen. Ich sagte meinem Papa, dass sie mir das Bein abnehmen sollen, weil es so sehr wehtut. Er ging zu den Krankenschwestern und die erklärten mir, dass das Bein bereits weg ist“, erklärt die 21-Jährige.
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Phantomschmerzen: Die Medikamente belasten Anna sehr
Insgesamt war Anna etwa zwei Jahre im Krankenhaus. Sie lernte, den Alltag wieder zu meistern, das Gleichgewicht mit einem veränderten Körperschwerpunkt zu halten. Schließlich entspricht ein einzelnes Bein etwa 16 bis 18 Prozent des Körpergesamtgewichts, was dann auf einer Seite des Körpers fehlt.
Seitdem nimmt sie verschiedene Medikamente: Opiate gegen die anhaltenden Schmerzen, Mittel gegen die Krämpfe im Stumpf ihres Beins, die jedoch heftige Nebenwirkungen haben. Es wurde viel probiert, bis die richtigen Präparate gefunden wurden. Dennoch wird sie davon oft schläfrig und fühlt sich wie in Trance. „Ich kann so viel Kaffee trinken, wie ich will, es hilft trotzdem nicht“, erklärt die gebürtige Hessin.
Während der Reha wurde noch mit Prothese gearbeitet, doch sie konnte sich nicht daran gewöhnen. Es kam zu Krämpfen im Beinstumpf. „Ich finde es ziemlich nervig, dass die erste Frage immer ‚Wo ist denn deine Prothese?‘ ist. Aber nicht jede Amputation ist gleich. Die Leute denken, mit der Prothese ist alles einfacher, aber so ist es nicht. Ich kann auch ohne Prothese ein normales Leben führen“, sagt Anna. Stattdessen nutzt sie Krücken.

Nach Unfall: Schmerzen dort, wo nichts mehr ist
Obwohl der größte Teil ihres Beins nicht mehr da ist, spürt Anna immer noch, dass etwas da ist. Das Phänomen nennt man Phantomschmerzen. Ihr Gehirn erinnert sich an den letzten Schmerz, den es gefühlt hat. Und der war groß, denn durch den Unfall erlitt es schweren Schaden.
Auch heute, fünf Jahre nach dem Unfall, verspürt sie die Schmerzen. Sie fühlt noch den mittlerweile amputierten Fuß, als würde sie darauf sitzen. Der Stumpf kribbelt ununterbrochen: „Es juckt und ich kann nichts machen. Es gibt seit dem Unfall keinen Tag, an dem ich keine Schmerzen hatte, und die Ärzte meinen, dass es nie ganz weggehen wird“, sagt sie.
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Ein Versuch, gegen diese Phantomschmerzen vorzugehen, ist die Spiegeltherapie. Personen, die ein Bein verloren haben, bekommen einen Spiegel zwischen die Beine gestellt. Wenn sie aus dem richtigen Winkel auf den Spiegel blicken, wird dem Gehirn vorgegaukelt, dass das fehlende Bein noch da wäre. „Man bewegt das Bein oder kratzt, das soll gegen Schmerzen und Jucken helfen. Bei mir hat es aber nichts gebracht“, erzählt Anna.

Anna über Beziehung: „Von Anfang an war ihm meine Amputation egal“
Zur Zeit des Unfalls war Anna in einer Beziehung, doch die endete mit dem Unfall. Danach musste sie erst einmal mit sich selbst klarkommen und benötigte Zeit für sich allein. Seit Anfang März 2024 ist sie mit ihrem Freund Max zusammen. „Er kennt mich nur so, von Anfang an war ihm mein Bein egal. Ihm geht es um mich“, erklärt sie.
Und warum sollte es ihn auch stören? Sie machen zusammen trotz des fehlenden Beins viele Dinge, waren zusammen sogar schon in den Alpen wandern. Vor allem der psychische Rückhalt ist entscheidend: „Er ist mir eine enorme Stütze, kommt mit zu belastenden Arztterminen. Wir teilen uns die Arbeit im Haushalt gut auf“, sagt sie.
Bevor Max Anna seinen Eltern vorgestellt hat, hat er ihnen nichts von der Amputation erzählt. Aber nicht etwa, weil er von ihnen erwartete, dass sie sie ablehnen würden, wenn sie es wüssten. Er wollte einfach, dass sie sie nicht gleich mit der Behinderung in Verbindung bringen. Sie sollten sie unmittelbar als Person kennenlernen, bei der das fehlende Bein eben nur ein Teil ist.
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Alltag: Die Anpassung war nicht leicht
Einen Führerschein würde sie gerne machen, aber es ist erst mal eine Geldfrage. Sie bräuchte dann auch ein angepasstes Auto. Bis dahin ist sie aber noch auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. „Das geht in Erfurt, wo ich meine Ausbildung zur Medienkauffrau mache, relativ gut, aber wenn ich zu meiner Familie nach Hessen fahre, dann merke ich an den Bahnhöfen, dass die Abstände vom Zug zu den Gleisen teilweise sehr groß sind. Auch sind die Einstiege nicht immer ideal. Die Geländer sind abgerundet, das macht es schwer, mich hochzuziehen. Ich kann mir vorstellen, dass das auch für ältere Personen ein Problem darstellt“, so Anna.
In vielen deutschen Innenstädten, auch im historischen Stadtkern Erfurts, kämpft sie zudem mit Kopfsteinpflaster. „Es macht mir zu schaffen, es ist zu uneben und gerade bei Regen zu glatt. Wenn ich es betrete, merke ich gleich, wie sich meine Arme verkrampfen.“ Auch die kleinen Läden in der Innenstadt sind für sie häufig schwer zu betreten. Vor der Eingangstür sind kleine Treppen, die Tür geht nur nach außen auf. „Viele sehen das nicht, sehen nicht die vielen kleinen Probleme im Alltag, denen man sich mit einer Behinderung stellen muss.“

„Zu Hause kann ich alles selbst, da muss nichts angepasst werden und ich habe einen Rollstuhl, um mein funktionierendes Bein zu entlasten.“ Draußen braucht sie die Unterstützung. Etwa wenn Schnee fällt oder es zu heiß ist, belastet es ihren Körper stark. Oder beim Schwimmen. Das ist seit dem Unfall Annas liebste körperliche Beschäftigung. „Es tut meinem Körper gut, weil es den Stumpf entlastet, aber ein schonendes Training bietet“, erklärt sie. Trotzdem musste die Wahl-Erfurterin anderthalb Jahre um eine Assistenz kämpfen.
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Die Behinderung mit Humor nehmen
Vor ihrem Unfall war Anna sehr sportlich unterwegs, spielte Fußball, Volleyball und joggte regelmäßig. In der Form ist es nun nicht mehr möglich, aber bereits in der Reha gehörten körperliche Ertüchtigungen dazu. Die Paralympics und die Leistungen der Teilnehmenden findet sie sehr inspirierend, sie schaut aber auch Fußball und Formel 1, die sie erst durch ihren Freund Max kennengelernt hat. Ansonsten kocht sie gerne, zeichnet, näht und verbringt Zeit mit Freunden.
Einen Ratschlag, den sie Menschen in einer ähnlichen Lage wie ihrer geben will, ist: „Sucht euch Freunde, die euch guttun, die euch mehr Energie geben, als sie euch nehmen. Menschen, die eure Behinderung nicht nur akzeptieren, sondern solche, mit denen ihr auch mal über die Behinderung lachen könnt.“











