„Nein heißt Nein“ war ein Meilenstein im deutschen Sexualstrafrecht. Doch was ist mit den Menschen, die in einer Bedrohungssituation gar kein „Nein“ aussprechen können? Denn viele Betroffene sexualisierter Gewalt können sich in der Situation nicht wehren, weil sie vor Angst erstarren. In dieser Ausgabe unseres Beziehungs-Newsletters „Ein FUNKE Liebe“ erklärt unsere Autorin, warum ein fehlendes „Nein“ keine Zustimmung sein darf – und weshalb ein Erlebnis sie bis heute nicht loslässt.

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Ich erinnere mich an diesen Morgen, als wäre er gestern gewesen. Dabei liegt er schon mehr als zehn Jahre zurück. Es war kurz nach 7 Uhr, als mein Handy klingelte. Eine Freundin war dran. Ihre Stimme klang ungewohnt nüchtern. Sie fragte, ob ich sie gleich zu ihrem Frauenarzt fahren könne. Es sei dringend. Sie habe kein Auto und sei nicht in der Verfassung, mit Bus oder Bahn zu fahren. Ich schaute auf die Uhr. Die Praxis öffnete erst um 8 Uhr. Aber sie wollte unbedingt die Erste sein.

Natürlich holte ich sie ab. Als sie ins Auto stieg, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie hatte nicht geweint. Sie wirkte einfach anders. Still. Irgendwie abwesend. Auf der Fahrt erzählte sie mir schließlich, warum sie zum Frauenarzt musste. Sie brauchte die Pille danach. Damals gab es sie noch nicht rezeptfrei. Wer sie brauchte, musste zum Arzt oder ins Krankenhaus.

Sie erzählte auch von einem Mann, den sie noch nicht lange kannte, mit dem sie aber schon zwei Dates hatte. Er habe sie abends zu sich eingeladen und für sie gekocht, das eine habe zum anderen geführt. Doch eigentlich habe sie an diesem Abend gar keinen Sex haben wollen. Sie schob sofort hinterher, dass er sie nicht gezwungen habe. Er sei nicht gewalttätig gewesen. Aber sie habe eben auch nicht mitmachen wollen. Also habe sie es über sich ergehen lassen. Verhütet hätten sie auch nicht richtig.

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Vielleicht, sagte sie damals, hätte er aufgehört, wenn sie laut und deutlich „Nein“ gesagt hätte. Aber sie konnte nicht. Sie fühlte sich wie erstarrt. Meine Freundin konnte im Gespräch mit mir ihre Gefühle nicht richtig einordnen. Ich konnte es auch nicht. Aber eines war mir schon damals klar: Irgendwas daran war grundlegend falsch.

Wir besorgten die Pille danach. Sie beendete die beginnende Beziehung zu diesem Mann. Das Thema verschwand irgendwann aus unseren Gesprächen. Bis heute. Denn inzwischen wird sehr intensiv über das deutsche Sexualstrafrecht diskutiert. Genauer gesagt über die Frage, ob künftig der Grundsatz „Nur Ja heißt Ja“ gelten sollte. Bisher gilt in Deutschland das Prinzip „Nein heißt Nein“. Sexuelle Handlungen sind strafbar, wenn sie gegen den erkennbaren Willen einer Person erfolgen. Das war ein wichtiger Fortschritt. Doch die Realität sexualisierter Gewalt passt nicht immer in dieses Raster.

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Alina Juravel ist Redakteurin im Ressort Leben der FUNKE-Tageszeitungen.

Viele Frauen erleben Sex ohne Zustimmung und berichten, dass sie in der Situation weder schreien noch sich wehren noch ein „Nein“ aussprechen konnten. Sie erstarrten. Fachleute sprechen von sogenannter tonischer Immobilität – einer unwillkürlichen Schutzreaktion des Körpers auf extreme Bedrohung. Studien gehen davon aus, dass zwischen 40 und 70 Prozent der Betroffenen sexueller Übergriffe eine solche Reaktion erleben. Meine Kollegin Eileen Wagner hat dazu mit Lina gesprochen. Auch bei ihr hat ein Mann eine Grenze überschritten. In diesem Text berichtet sie, was genau passiert ist, wie es dazu kommen konnte und was das in den Jahren danach mit ihr gemacht hat.

Heute, mit mehr Lebenserfahrung, sprechen meine Freundin und ich anders über jenen Morgen. Sie weiß heute, dass ihre Grenzen überschritten wurden. Und ich weiß, dass mein damaliges Gefühl richtig war: Das, was passiert ist, war nicht in Ordnung. Vor allem wissen wir eines: Nicht sie trägt die Verantwortung.

Sie war nicht verpflichtet, laut genug „Nein“ zu sagen. Verantwortlich war allein der Mann, der sich nicht vergewisserte, ob sie diesen Sex überhaupt wollte. Genau darum geht es bei der Debatte um „Nur Ja heißt Ja“. Dieser Ansatz stellt eine einfache, aber grundlegende Frage: Warum liegt die Verantwortung noch immer vor allem bei der Person, die Grenzen setzen soll – und nicht bei der Person, die sexuelle Nähe sucht?

Frauen fällt das „Nein“ oft besonders schwer

Und wie viele Momente gab es bereits in Ihrem Leben, in denen Sie zwar „Nein“ gedacht, aber „Ja“ gesagt haben? Besonders Frauen fällt das „Nein“-Sagen schwer, das zeigt auch die Sozialforschung – insbesondere beim Thema Sexualität. Meine Kollegin Anne-Kathrin Neuberg-Vural hat dazu mit der Sexologin Sonja Ruess ein interessantes Gespräch geführt. In diesem Interview erklärt die Sexologin, wie Frauen es schaffen, ihre Grenzen zu spüren, ihr „Nein“ klar zu äußern und ihrer eigenen Lust zu vertrauen.

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Denn eins ist klar: Sex braucht keine Vermutung. Keine Interpretation. Kein: „Sie hat sich ja nicht gewehrt.“ Er braucht Zustimmung. Ein freiwilliges „Ja“. Kritikerinnen und Kritiker behaupten oft, das sei lebensfremd. Man könne schließlich nicht vor jedem Kuss oder jeder Berührung einen Vertrag schließen. Aber das verlangt auch niemand. Schließlich kommunizieren Menschen ständig Zustimmung – mit Worten, Blicken, Gesten und gegenseitigem Interesse. Genauso merken wir, wenn jemand zögert, sich entzieht, unsicher wirkt oder eben gar nicht reagiert.

Wer diese Signale ignoriert, entscheidet sich bewusst dafür, die eigenen Bedürfnisse über die Grenzen eines anderen Menschen zu stellen. Es geht bei „Nur Ja heißt Ja“ deshalb nicht um Bürokratie im Schlafzimmer. Es geht um Respekt.

Und jetzt würde mich Ihre Meinung interessieren. Was halten Sie von dem Prinzip „Nur Ja heißt Ja“? Erzählen Sie es mir, ich freue mich drauf!

Alles Liebe,
Alina Juravel

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P.P.S.: Auch heute möchte ich Ihnen den FUNKE-Podcast „Länger Leben“ empfehlen. Darin spricht meine Kollegin Natalja Fischer mit dem Mediziner und Longevity-Experten Dr. Felix Bertram darüber, wie wir uns möglichst lange gesund halten. Jeden Mittwoch erscheinen nun neue Sommerfolgen, überall, wo es Podcasts gibt. Hier können Sie reinhören.