Rund 12.880 Menschen erkrankten im Jahr 2023 in Deutschland neu an Krebs der Mundhöhle oder des Rachens. Das geht aus den aktuellen Daten des Zentrums für Krebsregisterdaten am Robert Koch-Institut (RKI) hervor. Wie gut sich die Erkrankung behandeln lässt, hängt wesentlich davon ab, wie früh ein Tumor entdeckt wird.
Doch ausgerechnet der Weg zu einer verlässlichen Diagnose ist bislang häufig mit einem schmerzhaften Eingriff verbunden. Entdecken Ärzte eine verdächtige Veränderung im Mund, wird in der Regel eine Gewebeprobe entnommen. Bei dieser sogenannten Biopsie schneiden sie einen kleinen Teil der auffälligen Stelle heraus, der anschließend im Labor auf Krebszellen untersucht wird.
Eine neue Studie aus Großbritannien und Indien nährt nun die Hoffnung, dass sich zumindest ein Teil dieser Eingriffe künftig vermeiden lässt. Demnach könnte ein einfacher Bürstenabstrich ausreichen, um verdächtige Veränderungen schnell und vergleichsweise schonend nach ihrem Krebsrisiko einzuordnen. Die Ergebnisse der Studie erschienen im Fachjournal „Biomarker Research“.
Lesen Sie auch
Mundkrebs-Diagnose bisher oft nur mit Gewebeprobe möglich
Nicht jede auffällige Stelle im Mund ist Krebs. Rote oder weiße Flecken, kleine Geschwüre und gereizte Schleimhaut können auch durch Entzündungen oder Druckstellen entstehen. Dennoch müssen Ärzte abklären, ob sich dahinter eine bösartige Veränderung verbirgt.
Bislang führt an einer Biopsie häufig kein Weg vorbei. Gerade an der Zunge oder am Zahnfleisch stellt der Eingriff Ärzte vor besondere Herausforderungen, weil das Gewebe dort empfindlich und gut durchblutet ist. Je nach Lage und Größe der entnommenen Probe können Schmerzen, Blutungen oder Infektionen auftreten. Besonders belastend wird das Verfahren für Menschen, deren Schleimhautveränderungen über längere Zeit beobachtet und womöglich wiederholt untersucht werden müssen.
Warum wird Zungenkrebs oft spät erkannt?
Mundkrebs-Test mit Bürste: So funktioniert das neue Verfahren
Der neue Test, den ein Forschungsteam um Muy-Teck Teh von der Queen Mary University of London untersucht hat, setzt auf ein schonenderes Verfahren. Statt Gewebe herauszuschneiden, streichen Ärzte mit einer sterilen Bürste über die verdächtige Stelle. Dabei wird der Bürstenkopf mehrfach gedreht, damit sich genügend Zellen von der Schleimhaut lösen. In der Studie dauerte die Probenentnahme meist weniger als fünf Minuten.
Anschließend wird die Probe mit einem PCR-Verfahren analysiert. Die Methode ist vielen Menschen spätestens seit der Coronapandemie bekannt. Sie dient jedoch nicht nur dem Nachweis von Viren, sondern kann auch Veränderungen in Zellen sichtbar machen. Der Test trägt den Namen qMIDS. Er untersucht die Aktivität von vier Genen, die Hinweise auf Mundkrebs geben können. Laut dem Forschungsteam dauert die Auswertung im Labor weniger als eine Stunde.
Lesen Sie auch
Bürstenabstrich könnte unnötige Biopsien verhindern
Das Forschungsteam testete das Verfahren an 545 Patientinnen und Patienten mit verdächtigen Veränderungen der Mundschleimhaut. Von allen wurden Bürstenabstriche sowohl an der auffälligen als auch an einer unauffälligen Stelle im Mund entnommen.
Die Ergebnisse fielen überzeugend aus: Bei der Untersuchung verdächtiger Schleimhautveränderungen erreichte der Bürstentest eine Genauigkeit von 95,5 Prozent. Die Sensitivität lag bei 95,7 Prozent – der Test erkannte also die meisten tatsächlich vorhandenen Krebserkrankungen. Die Spezifität betrug 95,1 Prozent. Das bedeutet, dass auch gutartige Veränderungen in den meisten Fällen korrekt als unbedenklich eingestuft wurden.
Auch interessant
Weniger präzise war das Verfahren, wenn die Forschenden auffällige und unauffällige Schleimhautstellen innerhalb desselben Mundraums miteinander verglichen. In diesem Fall sank die Genauigkeit auf rund 84 Prozent.
Für den medizinischen Alltag könnte die hohe Trefferquote dennoch erhebliche Folgen haben. Viele verdächtige Veränderungen im Mund erweisen sich nach einer Biopsie als gutartig. Nach Einschätzung der Forschenden könnte der Bürstentest deshalb helfen, Patienten mit geringem Krebsrisiko frühzeitig zu erkennen – und so mehr als 90 Prozent unnötiger Biopsien vermeiden.
Mundkrebs früh erkennen: Bürstentest erleichtert regelmäßige Kontrollen
„Wir waren wirklich erstaunt, dass die Leistung des Bürstenabstrichs mit der einer Mikro-Biopsie vergleichbar ist“, sagt Studienleiter Muy-Teck Teh, Professor für molekulare orale Onkologie an der Queen Mary University of London. Das Ergebnis deute darauf hin, dass sich die Veränderungen in der Aktivität der vier untersuchten Gene bereits in oberflächlichen Zellen der Mundschleimhaut zuverlässig nachweisen lassen.
Besonders nützlich könnte der Bürstentest für Menschen sein, die dauerhaft auffällige Schleimhautstellen haben. Solche Veränderungen bleiben häufig über lange Zeit harmlos. In einzelnen Fällen können sie sich jedoch zu Krebs entwickeln und müssen deshalb regelmäßig kontrolliert werden.
Genau hier liege eine besondere Stärke des Verfahrens, erklärt Teh: „Ärzte könnten gefährdete Patienten engmaschiger überwachen, ohne bei jeder Untersuchung erneut Gewebe entnehmen zu müssen.“
Lesen Sie auch
Mundkrebs-Test soll Biopsie nicht vollständig ersetzen
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse bremsen die Forschenden allzu große Erwartungen. Der Bürstentest soll die klassische Biopsie nicht vollständig ersetzen. Vielmehr ist er als zusätzliches Diagnosewerkzeug gedacht, das Ärzten dabei hilft, verdächtige Veränderungen nach ihrem Risiko einzuordnen und besonders dringende Fälle schneller zu erkennen.
Noch ist qMIDS weder in Kliniken noch in Arztpraxen verfügbar. Nach Angaben des Forschungsteams wird derzeit ein kommerzieller Partner gesucht, um das Verfahren für den medizinischen Alltag weiterzuentwickeln. Die Entwickler gehen davon aus, dass der Test innerhalb von zwei Jahren einsatzbereit sein könnte.












