Plötzlich rast der Puls, nachts schreckt man mit Herzklopfen hoch, tagsüber fehlt jede Kraft – und in den Untersuchungen beim Arzt findet sich erst einmal keine klare organische Ursache. Was viele dann als „nur Stress“ abtun, ist für die eigene Herzgesundheit jedoch mehr als ein lapidares Alltagsproblem. Denn die Psyche kann das Herz belasten – und zwar nicht nur gefühlt, sondern ganz real.

In diesem Teil der Serie „Herz-Doc“ spricht Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher, Kardiologin und Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, über ein Thema, das mit Blick auf die Gesundheit unseres Herz-Kreislauf-Systems noch immer unterschätzt wird: die Psychokardiologie. Gemeint ist der Zusammenhang zwischen seelischer Belastung, Depressionen, sozialem Rückzug und Herzgesundheit. Auf die Frage, ob psychische Gesundheit mit Blick auf Herz und Blutdruck eine Rolle spielt, antwortet Tiefenbacher klar: „Ja, auf jeden Fall.“ Doch wann wird aus Erschöpfung ein Risikofaktor fürs Herz? Wie gerät der Körper in eine Spirale, die immer weiter nach unten zieht – und was hilft wirklich, um sie zu durchbrechen?

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Stress beeinflusst das Herz: Psychische Belastung zeigt körperliche Folgen

Genau hier wird es für viele plötzlich sehr persönlich. Wer an Herzrisiken denkt, hat meist zuerst Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen oder Bewegungsmangel im Kopf. Tiefenbacher lenkt den Blick jedoch auf einen Bereich, der oft danebensteht, obwohl er mitten hineinwirkt: die seelische Verfassung. Besonders deutlich wird das in ihrer Praxis. „Ich habe viele Patienten, die beispielsweise kommen, weil ihr Puls beschleunigt ist“, berichtet die Kardiologin. „Und man findet eigentlich keine andere Ursache als tatsächlich den Stress.“ Manche wachen nachts sogar davon auf, „dass sie Herzrasen haben“.

Für Betroffene ist genau dieses diffuse Bild an Symptomen oft hoch belastend: Die Beschwerden sind real, aber eine klassische organische Ursache lässt sich nicht greifen. Tiefenbacher betont: „Dann gilt es zu schauen, inwieweit Herzprobleme und psychische Herausforderungen bei den Patientinnen und Patienten miteinander verwoben sind.“ Nicht ohne Grund sei die Psychokardiologie mittlerweile eine anerkannte Subspezialisierung innerhalb der Kardiologie mit speziellen Ausbildungsprogrammen.

Fragen an „Herz-Doc“

Sie haben eine allgemeine Frage zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen? Gerne gibt unser Herz-Doc Antwort! Senden Sie uns einfach Ihre Frage per Mail an herzdocs(at)funkemedien.de. Die Einsendungen werden zunächst gesichtet, sortiert und gegebenenfalls an Herz-Spezialistin Prof. Dr. med. Christiane Tiefenbacher weitergeleitet und anonymisiert veröffentlicht.

Wer seelisch unter Druck stehe, verändere oft unbewusst auch sein Verhalten – und genau da beginnt aus ihrer Sicht die eigentliche Gefahr. Laut Tiefenbacher gibt es mehrere Faktoren, warum Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen so eng zusammenhängen können:

  • wenig Bewegung,
  • ungesunde Ernährung,
  • schlechter Schlaf,
  • fehlende Routinen,
  • fehlende soziale Interaktion
  • und möglicherweise auch hormonelle Veränderungen.

Gesundheit in Gefahr: Teufelskreis verstärkt das Problem

Tiefenbacher beschreibt eine eindrückliche Abwärtsspirale: „Wenn es einem seelisch nicht gut geht, hat man oft weniger Kraft und Antrieb, aktiv zu sein und Sport zu machen. Zudem versuchen viele, innere Leere durch Essen auszugleichen, ein angeborener Mechanismus.“ Beides führe jedoch meist dazu, dass es den Betroffenen noch schlechter gehe und sie womöglich sogar zunähmen. „Dadurch werden viele oft noch depressiver und ziehen sich immer weiter zurück“, sagt sie. „Dann kommen sie in eine Spirale hinein, in der alles immer weiter abwärtsgeht.“

Gleichzeitig warnt Tiefenbacher davor, alles vorschnell auf die Psyche zu schieben: „Auch bei psychischen Belastungen bleiben die klassischen Risikofaktoren relevant – und oft greifen beide Ebenen ineinander.“ Nicht eine einzelne Ursache macht das Herz krank, sondern häufig das Zusammenspiel vieler Belastungen.

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Die gute Nachricht: Genau an dieser Spirale kann angesetzt werden. Tiefenbachers Rat ist einer, den viele rational kennen, auch wenn sie oft an der Umsetzung scheitern. Die Ärztin betont: „Wenn Stress sich beruflich oder familiär nicht einfach beseitigen lässt, dann geht es darum, zumindest einen Ausgleich zu finden.“ Sie empfiehlt Entspannungstechniken wie Yoga, progressive Muskelentspannung oder „einfach Sport und Bewegung generell“.

Ärztin will Mut machen: Schon kleine Veränderungen haben große Wirkung

Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um eine Gegenbewegung und ein bewusstes Durchbrechen eines Alltagstrotts, der sich eingeschlichen hat – „so schwer das Betroffenen auch oft fällt“. Auch Tiefenbacher selbst ist das nicht fremd, auch ohne psychische Erkrankung. „Sport ist anstrengend und häufig habe auch ich einfach keine Lust auf Sport oder bin erschöpft“, sagt sie offen. Wenn sie abends nach der Arbeit überlege, ob sie noch laufen oder ins Fitnessstudio gehen solle, lehne sie das „innerlich oft eher“ ab. Die Expertin kämpft mit dem inneren Schweinehund. „Auf der anderen Seite weiß ich aber eben, dass es gut und wichtig für mich ist“, sagt sie. „Dann quäle ich mich, doch noch aktiv zu sein, und danach geht es mir wirklich besser.“

Auf die Frage, wie Bewegung trotz Job und Kindern im eng getakteten Alltag gelingen soll, antwortet sie aus eigener Erfahrung: „Auch ich kenne genau dieses Problem. Ich habe meine Kinder dann manchmal einfach mitgenommen.“ Damit sei man direkt auch ein gutes Vorbild. Tiefenbacher ist aber auch bewusst, dass das nicht immer möglich ist. Aber am Ende sei es immer besser, zu improvisieren und wenigstens ein bisschen zu tun, als gar nichts. „Auch unperfekt kann sehr wirksam sein“, sagt sie und will Mut machen.

Wann Psychiater zu Klinikaufenthalt rät

Für Patientinnen und Patienten, die bereits tiefer in einer Abwärtsspirale feststecken, empfiehlt Tiefenbacher besonders Gruppenangebote. „Gemeinsam mit anderen aktiv zu sein“, sei oft der sinnvollste Weg, da so gleichzeitig Isolation und sozialer Rückzug durchbrochen würden. Sie nennt Herzsportgruppen, Rehasport und Sportvereine als unterschiedliche Möglichkeiten. Zudem sorge die Routine fester Zeiten für Verbindlichkeit und gebe Stabilität. In einigen Fällen sei für Betroffene auch „eine Psychotherapie sinnvoll oder unabdingbar“. Sie macht deutlich: Sich bei psychischen Belastungen Hilfe zu suchen, ist keine Schwäche oder ein Nebenschauplatz, sondern kann Teil der Herzvorsorge sein. „Die Spirale zu durchbrechen ist alternativlos.“