Beim Stichwort Schamanismus denken viele an eine uralte spirituelle Tradition. Wer in Deutschland eine schamanische Sitzung besucht, erlebt jedoch meist etwas anderes als indigene Rituale aus dem Amazonas oder den Anden. „Es handelt sich eher um ein modernes spirituelles Konzept, das sich von verschiedenen Traditionen inspirieren lässt“, erklärt Professor Kocku von Stuckrad, Religionswissenschaftler an der Universität Groningen.

„Eine eindeutige Definition ist schwierig. Psychologisch geht es zunächst um die Verbindung zu etwas, das nicht physisch oder wissenschaftlich erklärbar ist“, sagt auch die Autorin und Psychologin Dr. Pia Lamberty. Doch warum suchen Menschen Schamanen auf, wie wirkt ihre Arbeit auf die Psyche – und wo lauern Gefahren?

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Moderner Schamanismus: Hier hat er seinen Ursprung

Von Stuckrad beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Religionsgeschichte und moderner Spiritualität. Im Rahmen seiner Habilitation erforschte er über fünf Jahre den Neo-Schamanismus in Europa und Nordamerika. Laut von Stuckrad liegen die Wurzeln des heutigen Schamanismus vor allem in den New-Age-Bewegungen der 1970er-Jahre in den USA, primär in Kalifornien. Von dort aus verbreiteten sich die Ideen nach Nord- und Kontinentaleuropa. „Viele Praktizierende würden ihre Arbeit gar nicht als indigenen Schamanismus bezeichnen“, erklärt von Stuckrad. Traditionelle Praktiken dienten vielmehr als Inspirationsquelle, würden aber an heutige Lebenswelten angepasst.

Dabei sei die Szene äußerst vielfältig. Neben Anbietern mit Ausbildungen bei indigenen Lehrern gebe es Institute, die schamanische Kurse und Zertifikate anbieten – ebenso wie Menschen, die völlig eigene Formen entwickelt haben. Den Trend erklärt der Religionswissenschaftler vor allem mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Zwar habe die moderne Wissenschaft viele Phänomene erklärt, die Sinnsuche der Menschen sei dadurch aber nicht verschwunden.

Religionswissenschaftler Kocku von Stuckrad forschte in seiner Habilitation zum Neo-Schamanismus in Europa und Nordamerika.
Religionswissenschaftler Kocku von Stuckrad forschte in seiner Habilitation zum Neo-Schamanismus in Europa und Nordamerika.© Achim Pohl | Achim Pohl

Dr. Pia Lamberty sieht das ähnlich, warnt aber auch vor möglichem Verschwörungsdenken. „Ein wichtiger Faktor ist dabei Misstrauen gegenüber Macht und Institutionen. Wenn ich beispielsweise der Pharmaindustrie nicht mehr traue, dann kann daraus schnell eine Abwendung von evidenzbasierter Medizin entstehen.“ Gerade bei esoterischen Ansätzen sollte laut der Psychologin Vorsicht geboten sein.

„Menschen suchen Halt und Selbstfürsorge“

Viele schamanische Mentoren und Coaches integrieren Elemente aus Persönlichkeitsentwicklung oder systemischem Coaching. Gleichzeitig übernehmen manche Psychotherapeuten schamanische Rituale oder Symbolarbeit in ihre eigene Praxis. So erinnere laut von Stuckrad beispielsweise die schamanische Vorstellung verlorener Seelenanteile an die therapeutische Arbeit mit dem „inneren Kind“.

Einige Menschen berichten nach schamanischen Sitzungen von tiefen emotionalen Erfahrungen. Für diese Erlebnisse gibt es laut von Stuckrad unterschiedliche Erklärungsansätze: Psychologen würden etwa auf den sogenannten Expectation Bias verweisen. Erwartungen beeinflussen demnach unbewusst unsere Wahrnehmung und führen dazu, dass wir Ereignisse als Bestätigung unserer inneren Überzeugungen interpretieren.

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„In einem gewissen Rahmen können Menschen da vielleicht eine Form von Halt oder Selbstfürsorge finden“, erklärt auch Psychologin Lamberty. Wer aber schwere Erkrankungen wie Traumata, Krebs oder psychisches Leiden ernsthaft behandeln wolle, brauche entsprechende Kompetenz. Und genau da wird der Unterschied laut Lamberty drastisch. „Es gibt Angebote für jede Lebenskrise. Man fühlt sich verstanden und gesehen – dadurch kann Vertrauen entstehen.“

Angehöriger geht zum Schamanen? So sollten Sie reagieren

Das Problem ist: Menschen suchen solche Angebote nicht unbedingt, weil sie leichtgläubig sind. Oft suchen sie sie, weil sie verzweifelt sind. Wenn keine Psychotherapie verfügbar ist, wenn ein Arzt keine Lösung anbieten kann, wenn eine Diagnose Angst macht oder eine Krankheit das bisherige Leben zerstört, entsteht ein Vakuum, sagt Lamberty. „Der Leidensdruck verschwindet ja nicht einfach so, und dann kommt jemand und sagt: ‚Ich sehe, dass es dir schlecht geht, ich habe aber die Lösung‘ – das kann eine enorme Wirkung haben.“

Gerade deshalb sind Krisen ein besonders wichtiger Moment. Nach Katastrophen zum Beispiel, sagt die Psychologin, tauchen regelmäßig Anbieter auf, die solche Situationen für sich nutzen. Wer verzweifelt ist, sucht deshalb nicht unbedingt die beste wissenschaftliche Erklärung – er sucht zunächst einmal Hoffnung. Genau deshalb sei es falsch, Betroffene zu verhöhnen. Auch Angehörige sollten nicht mit „Was ist denn mit dir los?“ reagieren. Besser seien Fragen: Warum bist du da? Was macht diese Person genau mit dir? Welche Ausbildung hat sie?

Sozialpsychologin Pia Lamberty zum Umgang mit der Klimakrise
Dr. Pia Lamberty setzt sich als Psychologin und Autorin mit Themen wie Verschwörungstheorien, Esoterik und mehr auseinander und bietet unter anderem Online-Beratung an.© CeMas

Warnsignale erkennen: So entlarven Sie unseriöse Anbieter

Dr. Pia Lamberty rät dazu, darauf zu achten, ob der Schamane die moderne Medizin ablehnt. „Wenn jemand behauptet, Traumata, Krebs oder Rückenschmerzen heilen zu können, überschreitet er eine wichtige Grenze. Heilkundlich tätig sein darf in Deutschland nicht einfach jeder, dafür braucht es entsprechende Voraussetzungen und Qualifikationen.“ Auch sexuelle Praktiken, die angeblich bei der Heilung helfen sollen, sind laut der Psychologin ein Warnsignal.

„Präsentiert sich jemand als Autorität oder als Held, wäre ich vorsichtig“, ergänzt Religionswissenschaftler von Stuckrad. Seriöse Begleiter verstünden sich eher als Menschen, die andere auf deren eigenem Weg unterstützen. Referenzen könnten Hinweise darauf geben, wo jemand gelernt hat und wie die eigene Arbeitsweise entstanden ist. Gleichzeitig warnt der Experte vor selbst ernannten Schamanen, die sich vorwiegend in sozialen Netzwerken inszenieren.

Ein weiteres Thema sei der Umgang mit indigenen Traditionen. Viele Praktizierende setzten sich heute kritisch mit Fragen kultureller Aneignung auseinander. Entscheidend sei aus Sicht des Religionswissenschaftlers, wer am Ende wirtschaftlich profitiere und ob indigene Gemeinschaften an dieser Entwicklung beteiligt würden. Für von Stuckrad steht deshalb weniger die Frage im Vordergrund, ob Schamanismus „wahr“ oder „falsch“ ist. Spannender sei, warum immer mehr Menschen darin Antworten auf Fragen finden, die ihnen klassische Institutionen offenbar nicht mehr geben können.